Literatur

Wildschweinereien im globalen Dorf: Ein Paar kämpft gegen einen Grosskonzern

Birgit Vanderbeke: «Ich bin in den letzten 15 Jahren immer wütender geworden. Ratloser auch.»

Birgit Vanderbeke: «Ich bin in den letzten 15 Jahren immer wütender geworden. Ratloser auch.»

In Birgit Vanderbekes neuem Roman mutieren die Ferien eines deutschen Paares in Südfrankreich zum zivilen Ungehorsam gegen einen Grosskonzern. Verzweifelt komisch.

Wer Birgit Vanderbekes Bücher seit ihrem Durchbruch mit «Das Muschelessen» (1990) kennt, erkennt auch die Figuren in ihrem neuen Roman wieder. Eine gebildete Frau, die sich als Selbstständige durchmogelt (früher schrieb sie Texte, heute erstellt sie «Contents»); ein praktischer Mann, der statt als Ingenieur Karriere zu machen auch Partner und Vater zu sein versucht; Kinder, die von diesen Eltern gelernt haben, nicht alles zu glauben, was von oben kommt. Inzwischen sind diese Kinder erwachsen geworden, und so fahren die Frau und der Mann zu zweit ins Ferienhaus eines Freundes im Languedoc. Sie sitzen abends vor dem Haus, trinken Weisswein und merken schnell, dass in dem entvölkerten Landstrich etwas nicht stimmt. Überall gibt es Stacheldrahtzäune, im Dorf spricht man vor Fremden um einen offensichtlich heissen Brei herum.

Sturm und Plüschdecke

«Die Krise» hat auch Frankreich erreicht, macht aber gerade Pause. Denn, so Vanderbeke in gewohnt sarkastischem Ton: «Natürlich müssen die Typen, die mit dem Zusammenbruch, Abteilung globale Logistik, befasst sind, im Sommer genauso in Urlaub fahren wie alle anderen Menschen (...), um sich anschliessend frisch erholt und frohgemut dem Zusammenbruch logistisch widmen zu können, dass er ordnungsgemäss zustande kommt, bevor im Winter das Heizen dran ist, und wir uns fragen, wie wir die nächste Miete zahlen sollen.»

Nun aber ist es Sommer und über dem Languedoc braut sich ein Jahrhundertgewitter zusammen. Überschwemmungen, weggespülte Strassen, Stromausfall sind die Folge. Jetzt ist der Rotwein dran, die Plüschdecke im Schlafzimmer, die alte Liebe, die nicht rostet. Trotzdem gar nicht so schlecht also, die Ferien des deutschen Ehepaars. Und beim gemeinsamen Beheben der Unwetterschäden mit den Einheimischen erfahren die beiden, was es mit den abrutschenden Hängen der Cevennen und den Stacheldrahtzäunen auf sich hat.

In der Dorfbeiz fallen Stichworte wie Gaskonzern, Probebohrungen, verseuchtes Wasser, vertriebene Wildschweine. Letztere haben Ackerland und Gärten im Tal in grossem Stil zerstört, da nützt auch Stacheldraht nichts mehr. Wer noch nicht vor der Arbeitslosigkeit geflohen ist, hat nun einen weiteren Grund, Haus und Hof zu verlassen. «Die mathematische Menge A der Leute, die ihre Häuser aufgeben und weggehen, ist um ein Exponentielles grösser als die mathematische Menge B der Leute, die das versaute Land dann kaufen, (...) sehr gern auch mit Gift im Boden (...), sehr gern auch ohne Häuser, weil sie weit entfernt von jeglichem Krisengebiet ihre eigenen Häuser haben.»Ja, von Buch zu Buch wird Birgit Vanderbeke böser.

Auf Nachfrage per Mail erklärt die in Südfrankreich lebende Autorin dies: «Ich bin in den letzten 15 Jahren einfach immer wütender geworden. Ratloser natürlich auch, weil die Kluft zwischen dem, was ich denke, lebe, wünsche, träume, und dem, was die Welt so praktiziert, wie sie sich medial formuliert und was sie so alles vergessen hat, nicht mehr nur unüberwindlich ist, sondern täglich grösser wird. Dass man diese Kluft überwinden könnte, denkt man sich oder hofft es zumindest, wenn man mit dem Erzählen einmal ernsthaft anfängt.»

Erzählen kann sie. Man liest die mit 150 Seiten gewohnt knappe Geschichte schnell und gern, auch wenn sie ein wenig ausfranst und einzelne Fäden in der Luft hängen bleiben wie beim Strickzeug der Tochter, die als Guru der Knitting-Bewegung ihrerseits der Weltwirtschaft trotzt.

Wenn derweil ihr Vater die Wildschweine mit selbst gebastelten Ultraschall-Kästchen vom Dorf fernhält, denkt man unweigerlich an Adam Czupek, den findigen Helden aus Vanderbekes Roman «Das lässt sich ändern» (2012). Doch während dieser mit Frau, Kindern und Nachbarn noch eine echte Gegenwelt aufzubauen begann, wirkt der Mann im neuen Roman lächerlich wie Don Quijote. Nur der Erfolg des Sohnes in der IT-Branche garantiert schliesslich das Überleben der Eltern. Ist Birgit Vanderbeke gar zynisch geworden? «Ich glaube nicht», schreibt sie, «Zynismus ist das, wogegen ich anzugehen versuche.»

Birgit Vanderbeke: Der Sommer der Wildschweine. Piper 2014. 160 S., Fr. 26.90.

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