Provokativ und salopp proklamierte der ETH-Bibliotheksdirektor Rafael Ball in einem Interview in der «NZZ am Sonntag» (7. Februar) das Ende der traditionellen Bibliothekswelt und Buchkultur. Die Empörungswelle liess nicht lang auf sich warten.

Neben Bloggern und Leserbriefschreibern nahmen auch prominente Stimmen öffentlich Anstoss an Balls Thesen: Marie-Christine Doffey, Direktorin der Schweizerischen Nationalbibliothek, Susanna Bliggenstorfer, Direktorin der ZB Zürich (NZZaS, 15. Februar), Rudolf Mumenthaler, Professor für Bibliothekswissenschaft an der Churer HTW (Radio SRF), Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich (NZZ 12. Februar) sowie Claus Ceynowa Generaldirektor der Bayrischen Staatsbibliothek, und Andreas Degkwitz, Direktor der Universitätsbibliothek der HU Berlin (NZZaS, 15. Februar), um nur einige zu nennen.

Was für ein Naivling!

Zuerst dachte ich: auf diese plumpen Provokationen sollte man gar nicht antworten. Doch bald war ich überzeugt: ein solch schiefes Bild braucht eine Korrektur. Denn was für einen Naivling hat die ETH doch als Bibliotheksdirektor!

Mir scheint, Rafael Balls Perspektive leidet an einem Tunnelblick. Zu sehr ist er auf die umfangreiche technisch-wissenschaftliche Fachliteratur konzentriert. Dort mag es zutreffen, dass die überwiegende Zahl der kurzen Zeitschriftenartikel zunehmend oder gar nur noch in elektronischer Form erscheinen. Doch die Buch-, Bibliotheks- und Bildungswelt ist viel grösser.

Und Bildung hat nichts mit der Menge an verfügbarer Literatur zu tun. Bildung ist kein quantitativer, sondern ein qualitativer Begriff. Gebildet ist der, der gut auszuwählen und gut zu lesen weiss. Und gerade da leisten die bisherigen Bibliotheken einen zentralen Beitrag.

In wissenschaftlichen Bibliotheken wählt der Fachreferent aus einer enormen Fülle an Neuerscheinungen aus, was ihm relevant erscheinend. In Gemeindebibliotheken ist es die Bibliothekarin, die ihrem Publikum eine sorgfältige aktuelle Auswahl der Belletristik und Sachbücher zur Verfügung stellt.

Gerade diese Auswahl (nicht ein «zufälliger Ausschnitt», wie Ball meint) zeichnet die Bibliothek aus. Der digitale Zugriff auf «alle Bücher dieser Welt» ist dagegen eine Dystopie, eine negative Utopie, ein totalitärer Albtraum. Ich will nicht Zugriff auf alle Bücher haben, sondern bloss auf die relevanten.

Dass das Internet Bücher überflüssig mache, ist genauso naiv wie Balls Äusserung, dass wir keine Theater brauchen (wohl weil der Text ja längst publiziert vorliegt). Demgemäss bräuchten wir auch keine Konzerte mehr, weil es doch von allen Musikstücken so perfekte CD-Aufnahmen gibt. Musik ist ebenso wenig die Hintereinanderreihung von Tönen, wie Literatur eine Ansammlung von Buchstaben oder Inhalten ist.

Mit seinem provokativen Sturmlauf gegen das «veraltete» Buch, das doch endlich durch das allmächtige Internet abgelöst gehört, erinnert R. Ball an die Technokraten der 1960er-Jahre, die von einem Miniatomkraftwerk im Keller jedes Einfamilienhauses träumten. Heute belächeln wir diesen Fortschrittenthusiasmus. Aber es scheint genau dieser blinde Fortschrittsglaube zu sein, der Ball das Problem der Flüchtigkeit der digitalen Medien übersehen lässt.

Vor 15 Jahren habe ich mir für teures Geld stolz eine digitale Edition der Encyclopedia Britannica angeschafft. Auf den Betriebssystemen der neueren Computergeneration läuft die Scheibe schon lange nicht mehr. Um dieses Problem zu umschiffen, archivieren weitsichtige Bibliotheken schon jetzt regelmässig die jeweils neue Generation von Computern, Programmen und Medienplayern, damit die Daten und Datenträger von gestern und heute in Zukunft noch gelesen werden können.

Bibliotheken werden teurer

Diese Herausforderung der permanenten Datenvorhaltung und -migration auf neue Systeme wird die Bibliotheken in wenigen Jahren ein Vielfaches ihres bisherigen Etats kosten. Im Vergleich dazu ist der Aufwand für die einmalige Anschaffung selbst von teuren Büchern ein Klacks: einmal vielleicht einige hundert Franken und dann für die nächsten paar hundert Jahre noch die Kosten für die wenigen Zentimeter Regalfläche. Ein Weiteres ist das Problem, dass die Invariabilität der Daten im Digitalen kaum garantiert werden kann.

Spurlos können bei Bedarf Autoren ihre Texte nachbearbeiten, der aktuellen Forschung anpassen oder Fehler stillschweigend tilgen. Noch delikater ist das Problem der zentralisierten und potenziell totalitär-diktatorischen Datenhoheit: Im Sommer 2009 hat Amazon angeblich aufgrund eines Fehlers ausgerechnet Orwells Überwachungsroman «1984» vom Kindle-Netz und damit auch von den Lesegeräten genommen, obwohl deren Besitzer den Text gekauft und bezahlt hatten.

Bücher sind dagegen manifeste Freiheit, insofern sich Autor und Verlag beim Erscheinen von ihrem Produkt haben abnabeln müssen und ihr Kind, das Buch, ganz der Obhut der autonomen Leserschaft übergeben haben.

Ball redet ein Scheinproblem herbei, denn es geh gar nicht um ein Entweder-oder. Ein neues Medium hat das alte nie überflüssig gemacht: Das Kino hat nicht das Theater abgelöst, das Fernsehen nicht das Kino, das Internet nicht das Fernsehen. Dieser Medienprozess ist nicht alternativ, sondern komplementär!

Keine Frage, dass das Internet und überhaupt die digitale Verfügbarkeit die Lesewelt revolutioniert haben, aber es hat sie bereichert und erweitert, nicht verarmt.

Ich besitze verschiedene Ausgaben von Goethes Faust: Zum Nachschlagen greife ich auf den digitalen Text in meinem Computer zurück; in die Aufführung nehme ich das handliche Reclam-Bändchen mit; für die Lektüre greife ich zur Artemis-Ausgabe, die noch meine Eintragungen aus den Vorlesungen und Seminaren enthält.

Und Ball verwechselt das Buch mit seinem Inhalt. Die allerallermeisten Bücher sind mehr als ihr Inhalt. Sie haben Format, Layout, Papier, Lesezeichen, Schriftgestaltung, Abbildungen, Umschlag, Klappentexte. Ein Buch ist kommunikations- und medientheoretisch gesprochen ein Ereignis, ein Event, eine Performance. Bücher als materielle Objekte sind Teil der Geschichte, sie altern auch äusserlich parallel mit ihrem Text, das heisst der Inhalt steht in einem Verhältnis zum Medium, das ihn portiert. Bücher tragen die Spuren ihres Alters, vom Schriftbild, über die Bindung bis hin zu – in Bibliotheken verbotenen aber dennoch immer wieder vorkommenden – Lektürespuren früherer, z. T. berühmter Forscher.

Inhalt und Form

Und wenn Bücher ihre Geschichte haben, so ist der Charakter des Mediums Buch zeitlos: Er besteht in der optimalen Verbindung von Form und Funktion– wie etwa beim Löffel, wo die Löffelforschung in den letzten 4000 Jahren keine Fortschritte mehr gemacht hat. Auch die Buchentwicklung hat seit dem Übergang von der Rolle zum Kodex im 4. Jahrhundert keine substanziellen Veränderungen mehr erfahren: Ein tausendjähriger Kodex oder ein modernes Taschenbuch werden auf der Umschlagseite geöffnet, dann wird geblättert und dann gelesen – ohne Aufstarten, ohne Peripheriegeräte, ohne Strom und leeren Akku, und falls das Buch einmal «abstürzt», dann liest man es einfach wieder vom Boden auf ...

*David Marc Hoffmann ist Germanist und Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs in Dornach sowie Präsident der Allgemeinen Lesegesellschaft in Basel und der Stiftung Nietzsche-Haus in Sils Maria.