Geschichte

Wie Mexiko wirklich erobert wurde – Schweizer Historiker findet neue Erklärung

1521: Hernán Cortés «erobert» Tenochtitlán, der Künstler dürfte die Anzahl der spanischen Infanteristen übertrieben haben.

1521: Hernán Cortés «erobert» Tenochtitlán, der Künstler dürfte die Anzahl der spanischen Infanteristen übertrieben haben.

Nicht Waffen brachten den Europäern vor 500 Jahren den schnellen Sieg über die Azteken. Ein junger Schweizer Historiker findet für diesen welthistorischen Vorgang eine neue, einfache und doch umfassende Erklärung.

Die Schulbücher müssen wieder mal umgeschrieben werden. Zumindest wird einiges, was darin zur Eroberung Lateinamerikas steht, gerade infrage gestellt. Am 21. April 1519 ging Hernán Cortés im heutigen Mexiko an Land und begann den Kampf gegen die Indigenen – allen voran die Azteken. Heute, am 500. Jahrestag, stehen die Herkunftsländer der damaligen Eroberer unter Druck. So forderte der linksgerichtete mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador Spanien und den Vatikan kürzlich auf, sich für die Verbrechen der Konquistadoren zu entschuldigen.

Jetzt platzt ein junger Schweizer Historiker in diese Aufarbeitung – mit überraschenden Ergebnissen seiner Forschung. Vitus Huber verfasste seine Doktorarbeit zur Eroberung Mexikos an der Universität München. Nun hat er an der Harvard University eine profunde und prägnante Gesamtdarstellung der Conquista Amerikas für die bekannte Bücherreihe C.H.Beck-Wissen geschrieben. Aufgrund seiner Recherchen in Mexiko, Spanien und den USA kommt Huber zum Schluss: «Die überlegenen Waffen halfen nur, einzelne Kämpfe zu überleben.» Auch die effektivere Militärtaktik könne «kein hinreichender Grund gewesen sein für die spanischen Erfolge». Vielmehr fussten der rasche Sieg der Konquistadoren über die aztekische Zivilisation und die darauf folgende Kolonialherrschaft in Spanisch-Amerika auf einer Verflechtung politischer und ökonomischer Anreiz- und Belohnungsmechanismen. Hinzu komme der Vorteil, dass die Spanier in der Fremde auf die Indigenen trafen. Denn während die Eroberer nur sich und ihr Vermögen respektiv ihre Vorteile verteidigen mussten, «standen für die dortige Bevölkerung ihre Familien, ihr Land und ihr Zuhause auf dem Spiel». Darum, so Huber, hätten sie sich auch schneller auf Kompromisse eingelassen.

Neben der Unterstützung durch kooperierende Indigene haben also die Beute und ihre Verteilpraktiken den Verlauf der Conquista massgeblich bestimmt. Damit widerspricht der 33-jährige Berner nicht nur dem allgemeinen Narrativ des 20.  Jahrhunderts, wonach die Eroberer den Indios schlicht überlegen gewesen seien. Sondern er entzaubert im gleichen Atemzug auch das (in konservativen Kreisen noch immer verbreitete) Wunder der Eroberung Lateinamerikas durch angebliche moralische Superiorität der Europäer.

Abklatsch Europas

«Empowering interactions»: Auf zwei Wörter reduziert Vitus Huber im Gespräch die Vorgänge vor 500 Jahren im heutigen Mexiko. Die Theorie der «ermächtigenden Interaktionen» hat der Berner Geschichtsprofessor André Hollenstein ursprünglich zur europäischen Staatenbildung entworfen. Auf die Eroberung Lateinamerikas gemünzt, bedeutet sie: Die Konquistadoren liessen die spanische Krone an der Beute teilhaben. «Im Gegenzug», belegt Huber nun erstmals, «erhofften sie sich im Rahmen dieser auf Diensten und Verdiensten basierenden ‹Gnadenökonomie› von der Krone Belohnungen in Form von Ämtern und Titeln.» Die Konquistadoren waren also keine Soldaten, wie oft dargestellt . Durch ihre Königstreue hoben sie sich auch ab von Piraten oder Räubern. Vielmehr handelte es sich um spanische Aufsteiger, die – königlich lizenziert – auf eigenes Risiko Entdecker und Eroberer wurden. Ohne fixen Lohn, dafür mit Aussicht auf einen Teil der Beute und Ämter im neuen Land. Denn zu Hause fehlte vielen von ihnen jegliche Perspektive, nicht zuletzt aufgrund des Erbrechts. Und mit noch einem Missverständnis räumt Vitus Huberauf: Auch die «christlich-feudale Dienstmentalität» stand bei den Eroberungszügen nicht im Vordergrund.

Doch wie kommt es, dass gerade ein Berner grundlegende Teile der Geschichte dieses welthistorischen Vorgangs neu schreibt? «Eigentlich ist ja der ganze Vorgang der Conquista faszinierend», findet Vitus Huber. «Begonnen mit der zufälligen ‹Entdeckung› Amerikas unter Kolumbus, der eine Eroberungsphase von rund 80 Jahren folgte, die schliesslich zu einem 300 Jahre währenden Weltreich von Europa bis zu den Philippinen führte.» Wohlgemerkt das erste Imperium, in dem die Sonne nie unterging. Dass er als Sechsjähriger einst einem Baseball-Team beitrat, habe sein Interesse für lateinamerikanische Länder geweckt. Reisen und die Wissenschaft zogen Huber dann immer tiefer in deren Geschichte hinein. Und allen Heldenepen zum Trotz ist diese eben nicht nur eine schöne: In den ersten Jahrzehnten nach der Ankunft der Europäer in Lateinamerika starben bestimmte indigene Gruppen praktisch aus. Vorab wegen eingeschleppter Krankheiten gab es Millionen von Toten – viel mehr als wegen kriegerischer Auseinandersetzungen.

Wissenschaft statt Polemik

Zum Start der Jubiläumsjahre 2019 bis 2021 wird die Conquista gerade wieder zum heissen Eisen. Während das spanische Königshaus und der Regierungspräsident den Brief des mexikanischen Präsidenten mit der Forderung nach einer Entschuldigung umgehend zurückwiesen, hält sich der aus Argentinien stammende Papst Franziskus bislang auffällig zurück. Allerdings hat ein Sprecher darauf verwiesen, mindestens zwei Päpste hätten sich in der Vergangenheit bereits für Ungerechtigkeiten entschuldigt, die Amerikas Völkern bei der Eroberung durch Europäer widerfahren seien. Zuletzt Papst Franziskus 2015 in Bolivien.

Die Debatte um die Geschichte der Eroberung Amerikas dürfte also in den kommenden Jahren aktuell bleiben. Hubers originelle Studie liefert hierzu eine äusserst lesenswerte Lektüre auf neuestem Forschungsstand. Eine Übersetzung ins Spanische – die zwar geplant ist, wofür aber noch Geld und Zeit fehlen – würde der Polemik eine wissenschaftliche Darstellung entgegenstellen.

Dagegen wirken die Anpassungen in unseren Schulbüchern – dass nicht Waffen, sondern vor allem die Organisation der Konquistadoren als Beuteteilhaber und künftige Vorsteher des neuen Reichs im Auftrag der spanischen Krone bei der Eroberung Lateinamerikas den Ausschlag gaben – geradezu wie Peanuts. Doch bekanntlich sind es manchmal Details wie die spanischen Nüssli, welche die Geschichtsschreibung und damit die Wahrheit ausmachen.

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