Gottlieb Guntern

Wie man die Nase vorn hat bei den Besten

Im Kopf keine Schranken, dazu keine Bange vor Konventionen: Gottlieb Guntern. (Foto: Greta Guntern-Gallati)

Im Kopf keine Schranken, dazu keine Bange vor Konventionen: Gottlieb Guntern. (Foto: Greta Guntern-Gallati)

Der Berater von Topmanagern Gottlieb Guntern publiziert ein Standardwerk zur Kreativität. Er meint, der Typ des Universalgenies sei auch in der heutigen Zeit noch denkbar.

Bei einer Frage, bei der sonst alle die Hände nach vorn werfen, um sie abzuwehren, bleibt Gottlieb Guntern ruhig: «Ist der Typ Universalmensch heute noch denkbar?» Guntern muss wissen, dass wir ihn selber meinen.

Eben noch, bei der Frage nach der Geistes-Ursuppe von Intuition und Kreativität, hat er so begonnen: «Beides geht nur entspannt.» Drum bleibt er selbst jetzt, überhaupt während unseres vierstündigen Gesprächs, völlig relaxed, obwohl es keine Pausen kennt. Das hängt nicht nur an der Sonne, an dieser Aussicht von seinem Dachatelier über Brig, das Tal, Berge und Fluss bei Käse, Brot und Wein. Guntern lässt es wirklich zu, das Mäandern des Geistes, und antwortet: «Universalmensch – ja.»

Ist das nur kühn oder tollkühn? Der Konsens heute erschöpft sich ja im Glauben ans Spezialistentum. Das treibt man besinnungslos voran, weil nur der Spezialist an schmalen Fronten zum Hirsch werde, zum Leader. Allgemeinbildung, heisst es, sei pomadig, also nutzlos, ausser bei Cocktailpartys unter Damen, weil ein im Allgemeinen schwebender Geist keinen unserer Vorzüge, kein Talent, keine Botschaft in eine glühende Spitze zwinge, um so die Nase vorn zu haben im Wettbewerb um die Topposten dieser Welt. Bei den Besten kann Kreativität noch etwas Abstand verschaffen zu den brillanten Einfallslosen – und Gottlieb Guntern hat gerade darin die Besten geschult. Aber überall mitreden mit Gewicht und Qualität – kann das sein?

Deshalb sind wir hier, bei Gottlieb Guntern. Kaum ein anderer hierzulande könnte besser vergegenwärtigen, was er eben postuliert hat: Erstens, dass auch in unserer scheinbar tausendfach zersplitterten Zeit umfassendes Denken möglich ist, analytisch und synthetisch. Zweitens, fast noch wichtiger, dass Erfolg, wo er etwas wert ist, also anhält, letztlich auf solchem Geist beruht. «Ganzheitlich» ist dafür der Klischeebegriff. Kaum jemand aber wäre in der Lage, dieses Klischee auseinanderzufiletieren, als auch wieder zusammenzufügen.

Der Skiunfall und die Indianer

Man sitzt Guntern gegenüber, hört zu und kann, in Abwandlung eines Worts von Kleist, beobachten, wie sich Gedanken allmählich anreichern. Zum Beispiel mit einer Anekdote (anschaulich erzählt, ohne Not um eine Pointe, dafür mit Sinn für ihre erhellende Kraft), mit Erinnerung (ein Skiunfall als Knabe und die inneren lebensbestimmenden Prozesse im Spitalbett), mit Entlehnungen (der Satz eines chinesischen Lehrers), mit Zitaten (Macchiavelli, Leitsätze von Nestlé oder Audi, ein Gesetz der Schoschonen-Indianer).

Immer vereinigt der 72-jährige Guntern auf den ersten Blick Unvereinbares – in seinem Werk, in seiner Vita und Person. Dass alles einen Zusammenhang hat, muss er dadurch nicht steif behaupten. Das zeigt sich von allein – oder verhüllt sich wieder: Relax! Gleichwohl ist geistig Land zu gewinnen, auch ohne Landkarte oder «Kapellen». So nennt Guntern konfessionelle, politische, ideologische Glaubensherbergen. Er geht lieber draussen alle möglichen Wege.

Guntern hütete einst Ziegen auf der Alp, verkaufte Kitschsouvenirs an Rhonegletscher-Touristen. Sein Vater war Baumfäller in den amerikanischen Redwoods und Steinbrecher am Schweizer Reduit, seine Mutter aufgeschlossen, kritisch, unbeirrbar. Guntern studierte Medizin, wurde Seelenarzt und Chefarzt der Oberwalliser Psychiatrie. Nach 20 Jahren stieg er aus und begann so schwierig zu fassende Dinge zu studieren wie Schaffenskraft und Führungskraft. Auch das nicht, um darin Dilettant zu bleiben, sondern mit dem erklärten Vorsatz, führend zu werden.

Sein baldiger Ruf als Experte für Leadership, seine Publikationen führten Guntern als Berater in die Top-Managements multinationaler Firmen. Er lernte die Wirtschaftswelt von innen kennen, ohne sich wie andere bis zum Selbstverlust verausgabt und verschraubt zu haben. Er erzählt mit leiser Ironie davon, ohne jede Beschönigung, aber auch ohne Anflug von Hohn. Parallel dazu gründete Guntern – zusammen mit seiner Frau Greta Guntern-Gallati, einer visuellen Künstlerin – ein Symposium für Kreativität und Leadership, brachte Jahr für Jahr Wirtschafts-Kapitäne mit einem Kreis von Geistesgrössen und Nobelpreisträgern zusammen, mit denen er locker auch Ski fahren ging, als noch kaum jemand wusste, wofür denn das WEF in Davos stand.

Gabriel Garcia Márquez und Tomi Ungerer waren «Speakers» bei Guntern in Zermatt, Frank O. Gehry, Derek A. Walcott, der «Skandal-Fotograf» Oliviero Toscani, Joseph Brodsky, der Filmregisseur Werner Herzog, die Schimpansenforscherin Jane Goodall, der Rockmusiker Jon Lord (Deep Purple), der Ausstellungsmacher Harald Szeemann, Helmut Maucher, ehemaliger CEO und Verwaltungsratspräsident der Nestlé, dazu Symposiums-Sponsor, kurz: ein typisch Guntersches Spektrum.

Gegen das grassierende Mittelmass

Seine niedergeschriebenen Erfahrungen und Erkenntnisse in so vielen Bereichen herausragender «Leadership» machten Guntern auch selber berühmt. Sein Sachbuch «Im Zeichen der Schmetterlinge» wurde zum Bestseller. Eine spätere Trilogie über «Die Herrschaft der Mediokratie», gegen das grassierende Mittelmass, wurde hingegen weniger goutiert.

Das ficht ihn offenkundig nicht an. Die jüngste Überraschung Gunterns ist sein «Outing» als Schriftsteller, ja sogar als Musiker und Sänger. Das ist wohl das weiteste Feld, das sich Guntern zurzeit erschliesst, mit erstaunlicher Produktivität. Zwei Romane sind publiziert, zwei weitere bereits unterwegs, mit universalem Personal und Inhalt. Guntern bringt es fertig, selbst Heuschrecken als lebendige Kreaturen von innen her darzustellen, ja sogar dem Küchenrauch Launen zuzusprechen.

So wird am Ende etwas wirklich Beruhigendes am Beispiel dieses ruhigen Mannes klar: Im Kopf keine Schranken und aussen keine Konventionen, die man fürchtet, ergibt etwas eminent Schlichtes – Freiheit.

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