Draussen an der schönen Herbstsonne oder drinnen im rustikalen Rund des Badener Restaurants «Gottardo»? «Drinnen», sagt Barbara Riecke ohne Zögern, «so wirds seriöser.» Das Menü 4, «Braten Hirsch mit Gnocchi alla Romana», ist schnell gewählt. Über das Essen verliert die künstlerische Leiterin des Kurtheaters Baden alsbald keine grossen Worte. Barbara Riecke will reden – über ihr Kurtheater, wo sie seit 2007 arbeitet, ja über das Theater ganz allgemein: «Waren Sie auch im ‹Schwarzen Hecht› im Schauspielhaus? Gehen Sie zu ‹Anna Karenina› ins Opernhaus? Kommen Sie zu unserer Saisoneröffnung? Wie haben Sie das genau gemeint in Ihrer Kolumne am Sonntag über die Regie?»

«Jetzt müssen Sie anfangen!»

Und nachdem das überaus offene Gespräch schon auf und ab wallt, bricht die gebürtige Hamburgerin plötzlich ab und sagt: «Jetzt müssen Sie mal anfangen mit Ihren Fragen!»

Die sind parat: Wie planen Sie die Kurtheater-Saison? Ist das Kurtheater ein Badener Theater? Wie geht es mit den Wettinger Klosterspielen weiter? Wie wichtig sind Schweizer Künstler für das Kurtheater? Wie lange bleiben Sie noch in Baden?

Bei der letzten Frage zögert Riecke, die vor dem Kurtheater in der Zürcher Gessnerallee und in der Kaserne Basel arbeitete: «Früher sagte ich immer: ‹Ich will die Wiedereröffnung des Theaters nach der Renovation noch erleben.› Diesen Satz sage ich nun nicht mehr.» Thema beendet.

Bei der Frage um das Schweizerische an ihrem Theater antwortet Riecke dafür energischer als gewohnt, betont, wie wichtig es ihr ist, den Bezug zur Schweiz ins Kurtheater einzubringen. Erstens geschieht das mit den gastierenden Stadttheatern wie St. Gallen und Biel/Solothurn, zweitens mit der Programmation von Stücken von Schweizer Theaterschaffenden und drittens mit mehr oder weniger frei produzierten Schweizer Produktionen, diese Saison mit dem Stück «Mamma Helvetia». Letztes Jahr war es «Melnitz», die Dramatisierung des gleichnamigen Romans von Charles Lewinsky – ein Sensationserfolg! Die «5 Mal mehr als 600 Zuschauer» sorgten auch dafür, dass die Jahreszahlen rekordverdächtig hoch lagen: In der Saison 2013/14 waren es über 4000 Zuschauer mehr als in der Vorsaison, insgesamt 17 825 Zuschauer im kuratierten Programm.

Trotz der tollen «Melnitz»-Zahlen: Den selbst produzierten Abend gleich fünf Mal anzusetzen, war ein Risiko. Normalerweise ist das Kurtheater zufrieden, wenn ein Gastspiel einmal voll ist. Bei der Planung schätzt sie aber naturgemäss dennoch ab, wie gut die Stücke laufen – und mischt dann: Renner und Gewagtes. Der Renner der kommenden Saison? Die Hitchcock-Komödie «39 Stufen». Das bewusste Gegenstück ist das «Von den Beinen zu kurz» der jungen Schweizer Dramatikerin Katja Brunner, wo es um Missbrauch aus der Sicht der Tochter gehen wird. «Wenn da 100 kommen, sind wir froh.»

Der «Einmal und nie wieder»-Spielplan ist ein Risiko: Mundpropaganda für einen Abend gibts nicht, da die Stücke bloss einmal laufen. «Es muss sich vorher rumsprechen, dass es sich lohnt, ins Kurtheater zu gehen.» Das ist in den letzten Jahren zweifellos geschehen. Riecke hat das Vertrauen ins Kurtheater gestärkt, die Zahl der Abonnenten ist am Steigen. Das angebotene Spektrum ist breit.

Neugierige Badener

Es gilt, gemäss Auftrag, für viele Geschmäcker ein Angebot zu machen. Doch dazu gehören eben auch die «kleinen Geschichten», wie Riecke sagt. Stücke, mit denen sie zeigt, was zeitgenössisches Theater sein kann. Diese Saison etwa die inszenierten Bach-Kantaten des Star-Regisseurs Peter Konwitschny. «So etwas können die Leute hier in der Peripherie auch mal kennen lernen!», sagt Riecke fordernd und betont sogleich, dass es völlig falsch wäre, zu sagen, «modern» ginge in Baden nicht. «Das sind sehr neugierige Leute hier!»

Wie gehts weiter in Wettingen?

Für sie ist eine Komödie auch nicht besser oder schlechter als ein Konwitschny-Abend: Und auch «modern» oder «nicht-modern» sei im Prinzip egal: «Es muss einfach gut sein.» Und schon sind wir bei den Klosterspielen Wettingen gelandet, der «modernen» Inszenierung von Shakespeares «Viel Lärm um nichts» in der Regie von Thorleifur Örn Arnarsson. Riecke ging damit als künstlerische Klosterspiel-Leiterin ein Risiko ein, prompt waren die Besucherzahlen nicht grandios. Noch ist offen, wie es weitergeht: Zurück zum grossen Laienspiel oder weiterhin die mutige, moderne Profi-Schiene? Klar ist: Wenn die Laien-Schiene gewählt wird, ist Riecke nicht mehr mit dabei. Und doch ist sie irgendwie schon mitten in der Produktion drin. «2017 ist grosse Badenfahrt, wir müssen gut überlegen, was wir da machen: Auf 2018 ausweichen oder ins grosse Fest integrieren?»

Die Frage nach dem Kaffee bringt uns zurück ins Jahr 2014. «Espresso bitte», sagt Riecke rasch. Und plötzlich hat sie es eilig, der Zug wartet nicht.

P.S.: Übermorgen gehts los im Kurtheater!

Kurtheater Baden: Sa 18. Oktober, 19.30 Uhr, Tanzcompagnie Flamencos en route mit «y que más! perlas peregrinas».