Vergessene Emigrantinnen

Wie junge Frauen als Haushaltshilfe die enge Schweiz verliessen – und in der Fremde hängen blieben

Anna-Maria Webb-Eggen vom Berner Oberland hat in der Ferne tragische Erfahrungen gemacht.

Anna-Maria Webb-Eggen vom Berner Oberland hat in der Ferne tragische Erfahrungen gemacht.

In «Die vergessenen Emigrantinnen» erzählt Simone Müller von jungen Schweizerinnen, die einst als Haushaltshilfe nach England gingen – und in der Fremde hängen blieben.

«Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England», schrieb 1956 die Thurgauer Zeitung. So betitelt Simone Müller ihre Porträts von elf betagten Frauen aus der Deutschschweiz oder dem Tessin, die zwischen 1938 und 1961 als Haushaltshilfe in England arbeiteten.

In manchen Schweizer Familien erinnert man sich an eine Grosstante, die jung den Sprung über den Ärmelkanal wagte. Es brauchte Mut, ohne Englischkenntnisse allein per Zug und Schiff in ein sehr fremdes Land zu reisen und dort in oft schwierigen Umständen durchzuhalten. Doch für manche dieser tapferen jungen Frauen wurde aus dem geplanten Jahr ein ganzes Leben. Auch für eine Aargauerin:

Von Schlossrued nach London

Helene Alexandrou-Neeser wurde 1927 als eines von fünf Geschwistern in Schlossrued geboren. Ihr Vater war Eisenbahner, die Mutter führte einen kleinen Laden und webte oder nähte in Heimarbeit. Nach der Sekundarschule machte Helene die klassische Fremdsprachenausbildung mittelloser Mädchen: Sie arbeitete in einem Restaurant und einer Confiserie in Neuenburg, dann in einem Hotel in Ascona. Als der dortige Chef ihr empfahl, auch noch Englisch zu lernen, fanden sie und ihre Schwester 1949 durch eine Agentur Haushaltstellen in Londoner Familien.

Helene verliebte sich in den Koch Nick Alexandrou aus Zypern und heiratete ihn trotz der Skepsis ihrer Eltern. Sie lernte Griechisch, ohne ihr Schweizerdeutsch zu vergessen, ihre beiden Kinder wuchsen dreisprachig auf. Das Paar rackerte und sparte, bis sie ein Arbeiterrestaurant kaufen konnten, das sie 27 Jahre erfolgreich führten. Als Rentner zügelten sie ins Grüne; doch als ihr Mann 2009 starb, kehrte Helene nach Nordlondon zurück. «Ich habe es nie bereut, nach England gezogen zu sein. Es ging mir gut und es ist mir wohl hier», sagte sie zu Simone Müller.

Die Berner Journalistin stiess während eines längeren Londonaufenthalts auf das historisch nie aufgearbeitete Thema dieser Schweizer Emigration. Und behandelte es erstmals in ihrer Biografie von Claire Parks-Bärfuss («Ueber London und Neuseeland nach Eggiwil», 2015).

Ab 1930 reisten jährlich hunderte, ab 1945 bis anfangs der Sechzigerjahre dann 5’000 bis 7’000 junge Schweizerinnen, oft aus ländlichen Gebieten, nach Grossbritannien. Trotz Warnungen vor dem nasskalten Klima, vor Mädchenhandel, Geschlechtskrankheiten und unerwünschter Schwangerschaft. Die damals hohen Reisekosten übernahmen meist die Vermittlungsagenturen oder die zukünftigen Arbeitgeber. Anfänglich arbeiteten die Haushaltshilfen meist als schlecht bezahlte Dienstmädchen bei der reichen Oberschicht, später auch als Au-Pair in Mittelklassefamilien.

Viele wurden ausgenutzt und litten in der englischen Klassengesellschaft unter Einsamkeit und Heimweh, andere heirateten einen Briten, oft aus den Kolonien. Nicht alle wurden glücklich dabei: «Einige interessante Gesprächspartnerinnen wollten leider Privates nicht öffentlich machen, vor allem, wenn es schmerzlich war», bedauert die Buchautorin. Doch Anna-Maria Webb-Eggen aus Zwieselberg im Berner Oberland erlaubte die Publikation ihrer tragischen Erfahrungen:

Heute bessere Bedingungen

1952 arbeitete die 22-Jährige für eine jüdische Londoner Diamantenhändlerfamilie und fand es interessant. Doch als sie schwanger wurde, heiratete sie ihren indischen Freund und zog in der Folge fünf Kinder auf. 1977 beging ihr kriminell gewordener Mann Selbstmord, wenig später verschwand ihr ältester Sohn. Anna-Maria arbeitete als Verkäuferin und fand in Cyril Webb einen zweiten Ehemann, verlor ihn aber nach wenigen Jahren. Heute lebt sie mit einem neuen Lebenspartner in Newcastle.

Simone Müllers Buch ist ein anschauliches Zeitdokument, gemischt aus persönlichen Erinnerungen, historischen Fakten und feinfühligen Fotografien. Und das Thema bleibt aktuell: Bis heute «schwärmen junge Frauen aus», um Sprachkenntnisse zu erwerben. Doch dank gewachsenem Wohlstand haben sie es komfortabler: Viele können sich einen reinen Schulaufenthalt oder ein Austauschjahr leisten. Für die andern vermitteln Agenturen wie Pro Linguis «Au Pair light» nach Grossbritannien, Kanada, Australien oder Neuseeland mit viel Zeit für Unterricht. Und dank Frühenglisch an unseren Schulen muss sich niemand mehr sprachlos ins Auslandabenteuer stürzen.

Simone Müller: Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England. Limmatverlag, 255 S.

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