Der Blick auf den Hallwilersee vor seinem Atelier hat Hugo Suter schon Dutzende von Bildern beschert. Inspiration für den Maler, Fotografen, Bildhauer können aber auch eine Regenpfütze, ein geschmolzener Schneerest oder ein seltsamer Schatten sein. Oder so etwas Profanes wie eine Schubkarre. «Auf der Baustelle stand eine Karrette, etwas schräg mit hart gewordenem Zement in der Mulde ...» So schildert Hugo Suter (70) im Buch «Skulpturen aus der Spitzbodenkarrette» den Anfang dieser skulpturalen Arbeit für einen Kunst-am-Bau-Auftrag. Zuerst entdeckte er, dass wenn man den Inhalt der Karretten-Mulde auf den Kopf stellt, eine Art Berg entsteht. Doch dieses Bild war ihm zu statisch, zu unbewegt.

Also begann Suter mit einer Modell-Karrette aus Sperrholz zu experimentieren, um eine «anspruchsvolle Skulptur» zu schaffen. Eine Skulptur, die verschiedene Stellungen der Karrette festhält und zusätzlich ein zeitliches, prozesshaftes Element beinhaltet. «Man fragt sich: Was geschieht, wenn sich die Stellung der Karrette verändert? Jeder Bub, der mit Pflaster spielt, fragt sich das.» Aber Hugo Suter ist eben nicht nur ein Bub, sondern auch ein Konzeptkünstler, ein Tüftler und Denker. Und so kommt er zum Schluss: «Hinsichtlich der Karrette stand am Anfang die Ahnung, dass der Mulde Bilder innewohnen.»

Einblick in die Werkstatt

Im Gespräch mit Architekt Martin Steinmann beschreibt Suter detailliert, wie er die Idee entwickelte, wie viele Kilogramm Zement mit welchem Anteil Wasser er verwendete, warum manche Teile dünner, andere glatter werden ...

Als Leserin folgt man diesen Detailschilderungen gerne, lassen sie einen doch die Überlegungen des Künstlers leicht nachvollziehen und führen einem vor Augen, welch kompliziertes Gebilde so eine Karrette und ihr fest gewordener Inhalt sein können.

Mit Skizzen und Plänen wird der Denk- und Fertigungsprozess dokumentiert. Fotos der fertigen Skulpturen in ganz unterschiedlichem Ambiente beweisen, wie nahe und doch fern sie der Karretten-Schablone sind. Diese ist spürbar, aber die hellen Skulpturen können auch wie Vögel an einem Fluss, wie Nutzbehälter in einer Garage, wie Schmetterlinge in einem Bambushain oder wie Schmuckstücke in einem Wohnraum wirken.

Noch eine überraschende Erkenntnis gewinnt man als Leserin: Die Spitzboden-Karrette sei eine Schweizer Besonderheit, stellt Suter fest. Und Steinmann belegt, dass Schubkarren ausserhalb der Schweiz tatsächlich einen flachen Boden haben – so liefert er gleich noch eine kleine Kulturgeschichte der Karrette mit.

Hugo Suter – Skulpturen aus der Spitzbodenkarrette. Hg. Martin Steinmann, Hugo Suter. Verlag Scheidegger & Spiess. 88 S., Fr. 59.–.