Arabische Literatur

Wie die kreativen Rebellen gegen die Zensur kämpfen

Mundtot: Kritische Äusserungen bleiben in Ägypten oft an der Zensur hängen. Doch Kairos vitale Verlagsszene bietet den Behörden Paroli. reuters

Mundtot: Kritische Äusserungen bleiben in Ägypten oft an der Zensur hängen. Doch Kairos vitale Verlagsszene bietet den Behörden Paroli. reuters

Fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling kämpfen die Kreativen für freies Denken und Schreiben - und den Umbruch. Manche müssen dies aus dem Exil tun.

Durch das einst so quirlige Bermuda-Dreieck von Kairos Kulturszene weht heute ein eisiger Wind. Der Merit-Verlag von Mohammed Hashem, seit langem ein Forum für avantgardistische und unbequeme Literatur, dessen Räumlichkeiten bis vor kurzem als Versammlungsort von Querdenkern dienten, wurde vom Sicherheitsdienst und von Staatsbeamten gestürmt, die Laptops und Dokumente konfiszierten. Ebenso erging es der unabhängigen Townhouse Galerie und dem benachbarten Rawabet-Theater.

Zahlreiche Intellektuelle, Blogger und Journalisten sitzen im Gefängnis oder sind emigriert. Der Bestsellerautor Alaa al-Aswani musste seine legendäre Kolumne, die immer mit dem Satz «Demokratie ist die Lösung» endete, einstellen. Die «unabhängige» Zeitung, für die er schrieb, hat sich als doch nicht so unabhängig erwiesen, seit die von der Wirtschaftselite gestützten Militärs an der Macht sind. Denn diese Wirtschaftselite finanziert manche der «unabhängigen» Zeitungen. Zudem wurde der Autor Ahmed Nagy vor Gericht gezerrt, weil sich ein Leser an einem in einer Literaturzeitschrift abgedruckten Romanauszug in seinem sittlichen Empfinden gestört fühlte. Dem Autor und dem Chefredaktor der Zeitschrift drohen bei einer Verurteilung bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Noch schlimmer präsentiert sich die Situation für syrische Schreibende, die vom Krieg ins Exil getrieben werden. Oder in Saudiarabien, wo der junge palästinensische Dichter Ashraf Fayadh zum Tod verurteilt wurde, weil er in seinen Gedichten angeblich seinen muslimischen Glauben verleugnet habe. Das Todesurteil wurde inzwischen revidiert und umgewandelt zu acht Jahren Gefängnis, 800 Peitschenhieben und einem öffentlichen Widerrufen seiner Gedichte am saudischen Staatsfernsehen. Welch ein Hohn.

Blüte nach Arabischem Frühling

Dabei hatte alles so hoffnungsfroh angefangen. In den Jahren vor 2011 erlebte die arabische Literatur einen Boom. Es wurde so viel geschrieben, gelesen und publiziert wie nie zuvor in der Region. Neue Genres tauchten auf wie Blog-Romane, Politthriller, Krimis, Science Fiction und Comics. Süffig geschriebene Romane, die bald zu Bestsellern wurden, entlarvten mit ätzender Sprache Korruption, Staatsgewalt, moralische Heuchelei, Frauenfeindlichkeit und den Filz von Wirtschaft und Politik. In Ägypten lockten Vorträge der Literaturstars Alaa al-Aswani und Youssef Ziedan Hunderte meist junge Interessierte an. Der Politthriller «Vertigo» über den Filz von Politik und Wirtschaft von Ahmed Mourad erscheint Ende Februar auf Deutsch. 2010 zeichnete der junge Autor in seinem Krimi «Diamantenstaub» das Bild einer Gesellschaft unmittelbar vor dem moralischen, wirtschaftlichen und politischen Kollaps. Die Proteste auf den Strassen schienen danach wie eine logische Fortsetzung der in der Literatur vorweggenommenen Dissidenz. Was ist von diesem Aufbruch geblieben?

Die Repression nimmt Tag für Tag zu, aber noch wird weitergeschrieben – wenn es sein muss, im Exil oder im Gefängnis, aber auch wie bisher am eigenen Schreibtisch in der Heimat. Mansura Eseddin, die ihr literarisches Schreiben ein Jahr lang auf Eis gelegt hatte, um über die politischen Ereignisse zu berichten, liess sich für ihren ersten Roman nach 2011 von der Unerschrockenheit einer jungen Aktivistin auf dem Tahrirplatz inspirieren. Wagdy el-Komy zeichnet in seinem Roman «Der Kerker der Jungfrauen» von 2013 die Doppelmoral einer Gesellschaft nach, in deren Untergrund Zuhälter, Drogendealer und Wirtschaftskriminelle alles verkaufen, was Geld bringt – auch Frauen und das eigene Land. In seinem jüngsten Roman «Beat» thematisiert er die Spannungen zwischen Muslimen und Christen in Ägypten. Gesellschaftskritik und Rebellion bestimmen trotz aller Repression nach wie vor das Schreiben, wie auch das Beispiel des oben erwähnten Alaa al-Aswani zeigt. In seinem Roman «Der Automobilclub von Kairo» inszeniert er einen Aufstand gegen ein patriarchales und autoritäres Regime, der stark von der revolutionären Aufbruchsstimmung von 2011 geprägt ist.

Regimetreue zwecks Schutz

Syrische Autoren, von denen heute die meisten im Exil leben, setzen sich mit ihrer neuen Situation auseinander oder spielen Vermittler zwischen den Kulturen. Der junge syrisch-palästinensische Lyriker Ramy al-Ashek, der 2011 Lieder für die syrische Revolution schrieb, veröffentlichte danach seinen ersten Gedichtband in Amman und lebt heute in Deutschland. Dort unterstützt er als Chefredaktor des neuen Magazins «Abwab» (Türen) arabische Flüchtlinge bei der Integration.

Doch nicht alle Schreibende sind Dissidenten. In Syrien ebenso wie in Ägypten gibt es auch Intellektuelle, die das repressive Regime unterstützen, weil sie sich davon Schutz gegen die Islamisten versprechen. Selbst Alaa al-Aswani und viele seiner Kollegen haben den Militärputsch 2013 in Ägypten begrüsst und sind erst später auf Distanz gegangen, als sich der Apparat gegen sie selbst richtete.

Die Bedingungen des freien Denkens und Schreibens sind in der arabischen Welt härter geworden. Aber die Flamme brennt weiter. Eine entscheidende Rolle spielt dabei eine vitale Verlagsszene. Die engagierte Buchhändlerin und Verlegerin Karam Youssef publiziert nicht nur junge arabische Literatur, sondern führt in ihrer Buchhandlung in Kairo, die zugleich Literaturcafé ist, gut besuchte Schreib-Workshops, Lesungen und Diskussionen durch und bietet so eine Plattform für Debatten. Und dies seit zehn Jahren. Sie wird zusammen mit dem Verleger Sherif Bakr an den Tagen der arabischen Literatur in Zürich über die Herausforderungen des Publizierens sprechen. Und wie das arabische Buch schliesslich zum deutschsprachigen Publikum gelangt, davon erzählen der eben mit dem Spezialpreis Übersetzung der Schweizer Literaturpreise ausgezeichnete Hartmut Fähndrich und seine Kollegin Larissa Bender.

Es soll nichts schöngeredet werden: Literatur, die in der arabischen Welt Verbreitung sucht und über die literarischen Zirkel hinaus wirken will, setzt sich dem Risiko von Willkür und Repression aus. «Es ist gerade das Zum-Schweigen-bringen, die Eliminierung der Literatur, die vor das Strafgericht gehören», schreibt der Schriftsteller und Journalist Youssef Rakha – und dies ausgerechnet in der staatlichen Zeitung «Al Ahram Weekly».

Tage arabischer Literatur: 26.–28. 2. 2016. Literaturhaus Zürich.

*Susanne Schanda ist die Autorin von «Literatur der Rebellion. Ägyptens Schriftsteller erzählen vom Umbruch».

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