Postraub

Wie aus dem Postraub ein Theaterstück wurde

Der Reinacher Postraub versetzte die ganze Schweiz in Angst und Schrecken. Nun wird der Fall von 1952 in einem Theater wieder aufgerollt. Die Premiere im Bahnhof Reinach begeisterte die Zuschauer.

10. März 2010. Dicht gedrängt sitzen die Besucher auf ihren Stühlen im Theater am Bahnhof Reinach. Eine besondere Aufführung erwartet sie: «Deubelbeiss & Schürmann», eine szenische Reportage um den Reinacher Postraub von 1952. Eine Dame in der ersten Reihe könnte sich jetzt von ihrem Stuhl erheben, auf die Bühne gehen und erzählen, wies wirklich war an diesem kalten 25. Januar 1952: Therese Huber, Ehefrau des Versicherungsagenten Traugott Huber. Dem Helden des legendären Coups, der mitten in der Nacht eine Pistole in die Hand gedrückt bekam, um die Räuber in die Flucht zu schlagen. Doch Theres Huber bleibt sitzen, neben ihren Kindern und Enkeln, und taucht in die Vergangenheit ein.

25. Januar 1952. Coiffeur Gautschi besitzt den ersten Nagelklipser im Dorf, das Skirennen der «Schneehasen» hat soeben stattgefunden und weit weg von Reinach, in Zürich, findet die Uraufführung der «Niederdorfoper» statt. Im «Frohsinn» stellt Wirtstochter Rita ihre Liebe vor: Polizeiaspirant Ruedi Hunziker. «Tschugger leben gefährlich», seufzt jemand. «Nur in Zürich, in Reinach ‹klöpfts› doch nur.» Ein Akkordeon erklingt.
Unvermittelt werden die Zuschauer aus dieser beschaulichen Millieuatmosphäre der 50er-Jahre herausgerissen. Der Vorhang schliesst sich, ein düsteres Bild schiebt sich vor. Das Postgebäude. Zwei Schattenfiguren, der Polizist, der Versicherungsagent, tauchen auf. Mit Pistolen in den Händen. Ein Maschinengewehr, mit diesem haben die Gangster Deubelbeiss und Schürmann in besagter Nacht Schüsse abgefeuert. Sogar einen Hutrand im Schaufenster des Louvre solls «gepreicht» haben, wird man sich später erzählen. Stille. Die zwei Diebe - oder warens gar drei? - sind in ihrem beschädigten Chevrolet auf und davon. Ohne Beute. «Diese wäre fett gewesen: In der Post lagen 60000 Franken Lohngelder.

Der Tag danach. Chicago im Stumpenland. Alle reden vom Überfall. Coiffeur Gautschi versucht, aus Polizeiaspirant Hunziker Details herauszukitzeln. Eine kärgliche Antwort gegen zwei Präservative. Im Radio wird über den Postraub berichtet. Das Pu-blikum ist gebannt. Das Bühnenbild wechselt ins Polizeikommando Aarau: Der Polizeiaspirant erscheint als Schattenfigur, Er wird herumgehetzt, zwischen Schreibmaschine und Telefon. Er ist entnervt, die Zuschauer sind beeindruckt von dieser theatralischen Leistung. Auch hören sie dem Erzähler gerne zu, der nüchtern über die Fakten des Postraubs berichtet. Gleichzeitig schlüpft er in den Persil-Vertreter Diggelmann, der zu Unrecht als Dieb verdächtigt wird. Oder in den «NZZ»-Journalisten, der den ekligen Lokalredaktor Studer in den Schatten stellt.

Februar 1952. Gedränge auf der Bühne. Die Reinacher könnens kaum erwarten: Die gefassten Diebe Deubelbeiss und Schürmann werden während des Gerichtsverfahrens ins Dorf gebracht. «Ist das der Schürmann? Der war einmal in der Fremdenlegion!», schimpft jemand. Schneiderin Eichenberger reckt den Hals: «Einem Verbrecher wollte ich schon lange mal begegnen», schmachtet sie sehnsuchtsvoll. Die Aufführung zeigt nicht nur ein Stück Lokalgeschichte, sondern greift auch politische Zeitthemen auf, wie etwa das Verhältnis zu Verbrechen in der damaligen Zeit. Auf der Bühne erscheint soeben eine Abfolge des Urteils der Verbrecher Deubelbeiss und Schürmann: Sie erhalten «lebenslänglich» (in Zürich verübten sie einen Mord auf einen Bankier) und verlieren ihre Ehre. Die Musik hört sich unheimlich an.

10. März 2010. Der Vorhang im Theater am Bahnhof schliesst sich. Die Gegenwart holt die Besucher ein. Für einen kurzen Moment nur sind sie benommen, dann applaudieren sie lange. Einige stehen auf. Die Schauspieler schauen sich an; ihnen ist eine meisterhafte Aufführung gelungen. Danach wird zum Theaterapéro geladen. Eine Frau verweilt lange auf ihrem Stuhl: Theres Huber. Für sie war das Ganze mehr als ein Theaterstück.

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