Oltner Tanztage
Westschweizer Compagnie zeigt mit ihren Körpern ein starkes Stück Kunst

Tanzkunst in Perfektion. Das bot an den Oltner Tanztagen die Westschweizer Compagnie Linga.

Isabel Hempen
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Compagnie Ligna an den Oltner Tanztagen
14 Bilder
«Ligna» kommt aus der Westschweiz.
Genauer aus Pully.
Ihr Stück «Ona» ist energiegeladener Tanz.
Mit vollem Körpereinsatz stehen sie auf der Oltner Bühne.
«Ona» ist das das dritte Tanzstück der Compagnie.
Es soll sich gemäss ihrer Webseite mit der «szenischen Erkundung des weiblichen Universums» auseinandersetzen.
Gegensätze prallen aufeinander.
Typische Verhaltensweisen – weibliche und männliche – prallen aufeinander.
Energien fliessen.
Auseinandersetzungen werden ausgetragen.
Gegensätze werden ausgelotet.
Bis die Konturen unscharfer werden.
Bis alles wieder ineinander fliesst.

Compagnie Ligna an den Oltner Tanztagen

Bruno Kissling

Wer einer slawischen Sprache mächtig ist, konnte ansatzweise erahnen, was dieser Abend bringen würde: «ONA» ist (unter anderem) polnisch für «sie» und der Titel der Produktion, die am Freitag im Rahmen der 21. Oltner Tanztage ihre Deutschschweizer Premiere erlebte. Es handelt sich dabei um das dritte Tanzstück der Westschweizer Compagnie Linga aus Pully, das sich gemäss ihrer Website mit der «szenischen Erkundung des weiblichen Universums» auseinandersetzt.

Tänzerisch bewegte sich diese auf höchstem Niveau. Die Bühne in der Schützi war in völlige Dunkelheit getaucht. Allmählich wurde man sieben weiss gekleideter Frauengestalten gewahr. In einer Reihe und in völligem Gleichklang vollführten diese zu leisen Trommelschlägen langsame, geschmeidige Bewegungen; mit zunehmender Geschwindigkeit und Lautstärke der Musik wurden auch die Tanzschritte abrupter und individueller.

Dann: Cut, die sieben Frauen des Ensembles traten nun in schwarze Anzüge gewandet ins Licht. Das zuvor harmonische Miteinander wich jetzt kantigen Gesten und aggressivem Gebaren: gereckte Fäuste, herausfordernde Blicke, Imponiergehabe. Zu treibenden Beats rotteten sich die Tänzerinnen zusammen, um sich gleich darauf wieder kämpferische Auseinandersetzungen zu liefern.

Die Auflösung von Codes

Die künstlerisch eindrückliche Darstellung liess nur einen Schluss zu: Hier prallten Polaritäten aufeinander, als typisch weiblich und männlich geltende Verhaltensweisen wurden einander gegenübergestellt. Interessant wurde es, als sich diese in der Folge zu vermischen und aufzulösen begannen. Der Gestus der Tänzerinnen verlor an geschlechterspezifischer Eindeutigkeit; statt «Frauen» und «Männern» nahm man lediglich noch Körper auf der Bühne wahr. Schliesslich umarmten sich diese, entblössten sich und traten wieder weiss gekleidet und weisse Lichtkugeln auf die Bühne rollend aus dem Dunkel.

Die Wahrnehmung der Zuschauer stimmte durchaus mit der Absicht der beiden Choreografen Marco Cantalupo und Katarzyna Gdaniec überein: Ihnen zufolge sollte das Stück männliche und weibliche Codes aufzeigen und letztlich auflösen, ja transzendieren. Katarzyna Gdaniec, die aus Polen stammt und auch für den Titel der Produktion verantwortlich zeichnet, beschreibt ihre Intention so: «Mir als Frau geht es darum, über das Weibliche hinauszugehen. Wir wollten darlegen, dass Frauen verschiedene Seiten in sich haben, sogar eine androgyne – so empfinde ich es zumindest.» Auch die Kraft und die Kreativität eines Ensembles von Frauen solle in diesem «selbstironischen Spiel mit den Geschlechtern» zum Ausdruck gebracht werden, wie Cantalupo erklärte.

Damit hat «ONA» nicht zuletzt eine politische Botschaft. Weshalb sich derlei Geschlechterfragen auch anno 2016 noch stellen, steht zwar auf einem ganz anderen Blatt Papier. Mit ihrer Darbietung belegte die Compagnie Linga aber eindrücklich, dass der Körper ein starkes Stück Kunst ist.