Steve Lee

Wenn Trauer zum Geschäft wird

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Die «Witwe» des ehemaligen Gotthard-Sängers drängt mit einem Buch ins Rampenlicht. Am Mittwoch war die Vernissage des Buches über «Mein Leben mit Steve».

Bei Steinmetzen gilt eine Schonfrist. Nicht sofort nach dem Erscheinen der Todesanzeige in den Zeitungen senden sie ihre Angebote an die Hinterbliebenen. Trauer kommt vor dem Business. Brigitte Balzarini-Voss ist kein Steinmetz. Leider.

Die letzte Freundin von Steve Lee, dem verstorbenen Sänger der Hardrockgruppe Gotthard, hat einen sehr offenen Umgang mit der Trauer um «ihren» Steve gewählt. Schon kurz nach dem tragischen Unfalltod gab sie «Exklusiv-Interviews», und diese Woche erscheint nun ihr Buch «Mein Leben mit Steve». Gerade einmal knapp sechs Monate nach dem tragischen Unfalltod von Lee auf einer Bikerreise in den Vereinigten Staaten.

Schreiben als Therapie?

Jetzt kann ja Schreiben durchaus eine heilende Wirkung haben, therapeutisch sein und helfen, die Trauer zu überwinden. Doch bei Voss-Balzarini ist dieser löbliche Ansatz zumindest infrage zu stellen. Zu absurd ist die Bewerbung des Werkes. Was gar in bizarren Vorabdrucken einzelner Kapitel im «Blick» gipfelte. Darin schilderte sie unter anderem, wie sie kurz nach dem tödlichen Unfall hinter ein Gebüsch ging, um Wasser zu lassen («bis ich innerlich austrocknete»). Spätestens da ist die Grenze zum schlechten Geschmack überschritten.

Der böse Verdacht liegt nahe, dass es Balzarini-Voss weniger für die Verarbeitung, sondern fürs Bankkonto gemacht hat. Damit, wäre es denn so, wäre sie beileibe nicht die Erste. Aus dem Tod von Stars lässt sich einfach Geld machen. Das letzte grosse Beispiel ist Michael Jackson. Kurz nach dessen Ableben schnellten seine Songs in die Hitparade, es erschienen DVDs und CDs, Musicals gingen auf Tour.

Bei Schweizer Stars war das allerdings noch nie so heftig wie jetzt im Fall von Steve Lee. Angefeuert vom Boulevard, graben Lees Angehörige immer neue Geschichten aus, und intime Momente werden so knallhart an die Öffentlichkeit gezerrt, dass man darob fast ein bisschen abgestossen wird. Dass merken selbst die Medien, die aus der Mitteilungsfreudigkeit der «Gotthard-Witwe» (streng genommen ist sie übrigens keine Witwe, Lee und Balzarini-Voss waren nicht verheiratet) Profit schlagen.

Programmierter Bestseller

So rechtfertigte sich die «Schweizer Illustrierte» etwa bereits in einem Vorwort, warum man jetzt mit Voss-Balzarini die Unfallstelle in Amerika besucht hat. Die Trauerreise wurde trotzdem zum Titelmotiv, exklusiv natürlich –, die Trauerverarbeitung zum Verkaufsargument. Fraglich ist, ob es Balzarini-Voss wirklich auf das Geld abgesehen hat oder ob sie im Umgang mit den Medien inklusive ihres Buchverlags vielleicht einfach auch etwas zu naiv ist.

So oder so, das Buch wird zum Verkaufsschlager werden, obwohl im Kommentarbereich auf diversen Internetportalen das Ganze zuweilen als «Leichenfledderei» bezeichnet wird und an selber Stelle in Umfragen über 90 Leser das Buch für geschmacklos halten.

Balzarini-Voss wird, ob sie es nun will oder nicht, daran gutes Geld verdienen. Sie wird weiterhin Interviews geben, Passagen veröffentlichen. In ihren Augen bewahrt sie dadurch vielleicht tatsächlich das Andenken an ihren Steve. Doch hätte dieser das tatsächlich gewollt, dass seine Freundin Intimes aus dem Schlafzimmer erzählt, muss seine erste Liebesnacht mit Balzarini-Voss wirklich an die Öffentlichkeit? Mit einem würdevollen Vermächtnis hat das nichts zu tun.

Trauernde sein lassen

Die Steinmetze warten unter anderem mit den Anfragen, weil die Trauernden in den ersten Momenten allein gelassen werden sollen. Und weil man überhaupt erst nach den ersten Tagen entscheiden kann, was würdig ist, um den Verstorbenen zu ehren. Brigitte Balzarini-Voss hätte gut daran getan, auch etwas länger zu warten. Das Andenken an Steve Lee wird unter diesem Buch eher leiden.

Brigitte Balzarini-Voss Mein Leben mit Steve. Giger-Verlag, Altendorf 2011. 300S., Fr.21.95.

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