Wettingen

Wenn plötzlich die Wände flirren und die Zeit verschwimmt

Christine Camenisch und Johannes Vetsch: «Läufer 9».

Christine Camenisch und Johannes Vetsch: «Läufer 9».

Der Boden schwankt, die Wände beginnen zu flirren. Bewege ich mich oder ist es die Umgebung? Christine Camenisch und Johannes Vetsch stellen im Gluri-Suter-Huus in Wettingen die Wahrnehmung des Betrachters auf den Kopf.

Kennen Sie dieses Gefühl? Sie sitzen in einem Zug, der im Bahnhof steht und betrachten einen anderen Zug auf dem Gleis daneben – wenn dieser plötzlich losfährt, glauben Sie für einen Moment, dass Sie sich selbst bewegen, bevor Sie merken, dass sie eigentlich noch an Ort und Stelle sind. Genau solche Effekte erzielt die Ausstellung «Tauchen 4» von Christine Camenisch und Johannes Vetsch, die im Gluri-Suter-Huus in Wettingen gezeigt wird.

Camenisch und Vetsch verändern unser Gefühl für den Raum mit minimalen Mitteln: Lichtinstallationen bringen den Boden zum Schwanken, Lichtstreifen die Wände zum Flirren, Videoprojektionen lassen aus ihnen Fenster in die Natur werden. Und immer tritt der Unsicherheitseffekt ein: Bewege ich mich oder die eigentlich feste Umgebung? Unabhängig davon, ob die Arbeiten starre geometrische Formen oder Szenen aus der Natur zeigen. Camenisch/Vetsch interpretieren dabei eine reduzierte Formensprache neu, die ihren Ursprung in den 1920er-Jahren im Dadaismus hat.

In der Ausstellung gehorcht auch plötzlich die Zeit den Gesetzen der Künstler: Video und Musik laufen in einer Endlosschlaufe der einen die Zeit vergessen lässt und in eine Art Schwerelosigkeit führt, die an einen Tauchgang unter Wasser erinnert. Es gibt bei ihren Arbeiten keine Entwicklungen von A nach B oder gar Erzählungen, die uns ein Gefühl für das Fortschreiten der Zeit geben.

Melancholie erzeugen

Und das wollen sie auch gar nicht: «Wir sind keine Erzähler», sagt Johannes Vetsch, «denn wir wollen mit unseren Arbeiten in erster Linie Stimmungen vermitteln.» Ihre Arbeiten sollen Melancholie, aber auch Romantik erzeugen. Gedanken und Geschichten zur Stimmung werden bei den Betrachtern aber bestimmt ausgelöst, denn die Endloswiederholungen wirken meditativ, bilden einen Gegenpol zur gewohnten Hektik und lassen Raum für Reflexion.

Der repetitive Effekt, der uns derart in die Werke «eintauchen» lässt, wie es der Name der Ausstellung will, ist auch massgeblich der Musik geschuldet. Klänge, die von Johannes Vetsch entwickelt wurden, unterlegen Camenischs Video- und Lichtinstallationen. Vetschs Inspiration ist die Minimal Music. Deren monotone Rhythmik passt hervorragend zum Licht und den Videos, die im Gluri-Suter-Huus so gleichmässig über die Wände wandern wie Wellen. Doch die Musik darf nie dominieren, sagt Vetsch: «Die Arbeit darf nicht zum Videoclip werden. Der Ton soll eine Stimmung verstärken, aber keinesfalls hinter das Bild zurücktreten, sodass plötzlich die Videos die Musik illustrieren.» Und doch liefert die Musik einen wichtigen Beitrag: Beim Video «Kaze» setzen Geräusche aus dem urbanen Raum die prägenden Kontraste zu Naturszenen.

Der Raum wird instabil

Ihre Werke würden sich um das Thema «Wahrnehmung» drehen, sagt Vetsch. Die Besucherin stellt fest, dass Camenischs und Vetschs Arbeiten die Aufmerksamkeit aber nicht nur auf sich lenken. Beim Anblick ihrer bewegten, tanzenden Bilder sucht man Ruhe und fokussiert auf den eigenen Körper, weil der umgebende Raum durch Lichteffekte plötzlich instabil wird. So wird die Wahrnehmung des Werks auch auf den Betrachter zurückreflektiert.

Christine Camenisch und Johannes Vetsch. Tauchen 4. Gluri-Suter-Huus, Wettingen, bis 13. Dezember.

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