Polo Hofer

«Wenn Männer Kunst machen, wollen sie imponieren. Sie balzen»

Sieben Jahre nach seinem letzten Studioalbum «XangischXung» hat Polo Hofer (64) eine neue CD eingespielt. Sie klingt gelassen und entspannt.

Von Stefan Künzli

«Prototyp» heisst das Album, damit sind sicher Sie selbst gemeint, oder?
Polo Hofer: Klar, ich bin das erste betriebsfähige Modell des Schweizer Mundart-Rock. Damals haben alle englisch gesungen und damit keine Lebensgrundlage gefunden. Ich habe mit den Rumpelstilz gezeigt, dass man als Schweizer Rockmusiker von der Musik leben kann, wenn man Mundart singt.

Welche Rolle hat Woodstock gespielt, als der Prototyp geschaffen wurde?
Woodstock wurde bei uns erst im Nachhinein wahrgenommen. Zuerst war da LSD, dann die Hippiebewegung und der Film «Easy Rider». Bei Rumpelstilz hat LSD eine wichtige Rolle gespielt. Die Droge reisst Grenzen nieder, man sieht Zusammenhänge. Meinen ersten Trip habe ich vom Keyboarder der Moody Blues bekommen und den Drogenpapst Timothy Leary kannte ich persönlich.

Wie haben Sie ihn kennen gelernt?
Zu jener Zeit in der Schweiz hat er eine Band gesucht. Rumpelstilz hatte Anfang der Siebzigerjahre gerade begonnen. Ich durfte ihm ein Band vorspielen, und Leary tanzte dazu, 40 Minuten lang. Dann sagte er: «This is nice, but too poetic, I need more something like Coca-Cola.»

Der Song «Ds Beschte chunnt erscht no» zeichnet ein ziemlich pessimistisches Weltbild. Sind Sie ein Pessimist geworden?
Der Song ist unter dem Eindruck der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise entstanden. Die gibt mir schon zu denken - und der Song soll zum Denken anregen. Gute Popmusik ist immer Spiegelbild der politischen und gesellschaftlichen Vorgänge. Wie die Liebeslieder auf dem Album zeigen, gewinnt bei mir dann doch die Liebe immer wieder. Und überhaupt: Es gibt auch positive Seiten der Krise. Sie macht die Welt grüner. Ich bin kritisch und skeptisch, aber kein Pessimist.

Wie ist es, im Rock älter zu werden?
Genau gleich wie beim Ländler. Du spielst einfach so lange du kannst. Wenn du etwas so lange und so gerne gemacht hast, kannst du nicht aufhören. Das hat mich auch bei den alten Bluesern immer imponiert. In der Musik gibt es kein Pensionsalter. Das ist im Rock nicht anders. Aber es ist natürlich schon so: Als ich mit 28 Jahren begonnen habe, war Rock eine Jugendmusik, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich als fossiler 64-Jähriger noch Rock machen würde. Doch das hat sich grundlegend geändert. Rock stimmt heute bis ins hohe Alter, bis zum Tod.

Aber Sie ecken nicht mehr an. «Vergange und verby» zum Beispiel ist ein Spiesserlied. Ein Votum für Bürgerlichkeit.
Ja, schon. Rock und Pop ist heute Mainstream. Der Song ist aber auch ein Song über die Vergänglichkeit und den Verlust. Was vorbei ist, ist vorbei. Man muss abschliessen können. Alle müssen mal diese Erfahrung machen.

Sie singen immer wieder über Frauen. In Ihrem Leben als Künstler scheinen sie ein wesentlicher Antrieb zu sein.
Das gilt für alle Männer. Das gilt für jeden Künstler. Wenn Männer Kunst machen, wollen sie imponieren. Sie balzen. Erst recht die Rocksänger. Ich kann auch nicht anders. Ich bin genetisch-evolutionär so gesteuert. Es ist meine Funktion, und ist wie beim Grillenmännchen: Es zirpt auch nur den Damen zuliebe.

Sie sind jetzt verheiratet. Hat das die Situation nicht verändert?
Lesen Sie keine Statistiken? Es hört nie auf. Nicht mal bei den Katholiken. Die Natur steuert die Menschen. Die Männer sind definitiv nicht monogam. Ich bin nicht einmal sicher, ob nicht auch die Frauen polygam sind. 20 Prozent der Menschenkinder sollen gemäss neusten Forschungsergebnissen Kuckuckskinder sein. Die heile Welt, die katholisch-zölibatäre Welt gibt es nicht.

In «Jupi Jupi» wird die Polygamie auch thematisiert.
Ja, aber der Song ist nicht von mir. Er ist ein so genannter «Standard», ein Musicalsong aus dem Jahre 1928. Ich habe den Text ins Berndeutsche übersetzt. Er zeigt aber, dass das Thema heute wie damals gültig ist.

Wie stark autobiografisch sind Ihre Texte auf «Prototyp»? Gibt es das «Meitschi» von «Bönigen am Quai»?
Nein, es gibt sie nicht. Das ist Faktion - eine Mischung aus Fakten und Fiktion. Es hätte sie durchaus geben können. Rund 40 Prozent sind autobiografisch.

Und «Lampefieber». Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie je Lampenfieber hatten.
Nein, aber ich hab es miterlebt bei anderen Künstlern. Ich habe Leute vor Konzerten kotzen gesehen. Es ist die Angst, sich im Scheinwerferlicht lächerlich zu machen. Bei Sängern ist das Problem existenziell. Die besten Sänger sind exhibitionistisch veranlagt und haben das Bedürfnis, den Drang, sich zu exponieren und darzustellen.

Welches ist Ihr Lieblingssong?
«Ds letschte Hemmli». Ein Gospelsong, es geht es um die grassierende Gier, das Besitzdenken und den Glauben an den Materialismus. Wir kommen nackt und gehen nackt. Das vergessen viele immer wieder. Die widerlichen Exzesse der «Bankster» sind aber nur die Spitze des Eisbergs: Der kleine Mann ist ebenfalls von der Gier getrieben. Bei den Schenkkreisen ist ja genau dasselbe, einfach auf der Ebene der Arbeiter und des Mittelstandes. Auch hier wollen die Leute möglichst schnell zu möglichst viel Geld kommen. Die Gier ist offenbar auch in der menschlichen Natur, sie ist sogar ein Antrieb. Es geht um den gesellschaftlichen Status, jedenfalls bei den Männern. Das ist nicht per se etwas Schlechtes. Wichtig ist, dass man diese Gier auf ein normales Mass zügeln kann.

Im Song geht es aber auch um den Tod. Beschäftigen Sie sich seit Ihrer Krankheit verstärkt mit dem Tod?
Nein. Ich habe mich stets mit dem Tod beschäftigt und verschiedene Songs dazu geschrieben. «Wenn mys letschte Stündli schlaht» stammt von 1980 und zählt heute zu den beliebtesten Beerdigungssongs. Für mich ist das Thema also nicht neu. Aber natürlich, je älter man wird, desto mehr beschäftigt es. Mit meiner Krankheit hat das aber nichts zu tun. Natürlich geben mir meine Ärzte Ratschläge wie «Herr Hofer, trinken Sie nur noch Samstag und Sonntag Alkohol» oder «Könnten Sie nicht aufhören zu rauchen?». Die Ärzte wollen, dass ich die Lebenserwartung von durchschnittlich 79 Jahren erfülle, sie wollen, dass ich alt werde. Ich sehe das nicht unbedingt so. «Go with the Flow» - es kommt so, wie es kommen muss.

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