Sonntagsgespräch

«Wenn es zu harmonisch wäre, würde es nicht funktionieren»

Jonas und Romina Küng in ihrem Musikklub Sounddock 14 in Dietikon.

Jonas und Romina Küng

Jonas und Romina Küng in ihrem Musikklub Sounddock 14 in Dietikon.

Jonas Küng und Tochter Romina Küng vom Dietiker Musikklub Sounddock 14 im Sonntagsgespräch über ihr Erfolgsrezept und ihre gute Streitkultur.

Von Bettina Hamilton-Irvine

Herr Küng, als Sie die Idee für ein eigenes Konzertlokal hatten, träumten Sie von einem «Top-Live-Klub des Landes, wo man als Schweizer Band einfach auftreten muss». Unterdessen ziehen Sie sogar internationale Grössen der Musikszene an. Traum erfüllt?

Jonas Küng: Ja, der Traum ist in Erfüllung gegangen.

Romina Küng: Wobei wir auch heute gerade bei den Schweizer Bands noch lange nicht alle bekommen, die wir gerne hätten.

Jonas Küng: Natürlich sind wir noch nicht am Ende angelangt, das ist klar. Wir möchten auch gern mal noch Züri West oder Patent Ochsner hier haben. Doch leider haben solche Bands oftmals ihre Klubs, in denen sie immer spielen und denen sie total treu sind.

Wollen Sie sich nach wie vor speziell auf Schweizer Bands fokussieren?

Jonas Küng: Das nicht, aber ein Auftritt von Patent Ochsner im Sounddock wäre für mich persönlich und musikalisch ein absolutes Highlight. Aber das hat sich halt noch nicht ergeben.

Wobei es ja auch gut ist, wenn sich nach vier Jahren nicht der ganze Traum schon erfüllt hat.

Jonas Küng: Der ganze Traum wird sich wohl nie erfüllen. Es gibt Bands, von denen werde ich träumen, bis ich 100 Jahre alt bin.

Romina Küng: Es gibt noch einige Bands, die wir gerne hätten. Ausgeträumt haben wir noch lange nicht.

Jonas Küng: Nichtdestotrotz: Von dem, was wir uns erträumt haben, ist sehr vieles eingetroffen, was wir nie für möglich gehalten hätten.

Sie hatten schon grosse Namen wie Krokus oder Ten Years After hier. Wie schnappt man sich so eine Band?

Romina Küng: Anfragen, dranbleiben. Mit der Zeit wird es einfacher, denn die ganze Musikszene ist ein grosser Kuchen: Wenn alles klappt mit einer Band, kommt das Management eher wieder auf dich zu.

Jonas Küng: Die Tourmanager sind wichtig. Wenn einer enttäuscht ist von einer Lokalität, dann heisst es das nächste Mal: Das ist ein Trödlerladen, dahin gehen wir nicht mehr.

Networking und Ruf sind also zentral?

Romina Küng: Das ist das A und O.

Jonas Küng: Man muss absolut professionell arbeiten. Es muss alles klappen. Die Bands, die Tourmanager und die Agenturen haben gewisse Erwartungen, die einfach erfüllt werden müssen.

Das gelingt Ihnen anscheinend gut, obwohl Sie vorher nicht in diesem Metier gearbeitet haben.

Romina Küng: Wir haben klein angefangen und das Ganze dann aufgebaut. Man lernt aus der Erfahrung und wächst mit der Zeit. Bei uns hat auch nicht von Anfang an alles geklappt.

Einige Bands, die hier aufgetreten sind, waren wohl auch die Helden Ihrer Jugendzeit, Herr Küng?

Jonas Küng: Ja natürlich, ganz klar. Wishbone Ash, Ten Years After: Für die Platten dieser Bands sparte ich früher noch das Zeitungsgeld zusammen. Die waren damals für mich Stars von unerreichbarer Grösse. Ich kaufte mir früher das «Bravo» und setzte den Starschnitt dieser Bands zusammen. Und dann spielen sie plötzlich hier.

Haben Sie sich unterdessen daran gewöhnt, dass die Helden Ihrer Jugendzeit nun in Ihrem Klub auftauchen?

Jonas Küng: Ja, aber es ist immer noch ein ganz besonderes Erlebnis. Von der Rockband Wishbone Ash habe ich zum Beispiel noch ein Hochglanzposter, das die Band selber nicht mehr hat. Das ist für die Musiker natürlich auch speziell, wenn sie merken, dass ich nicht nur Sprüche mache, sondern ihre Zeit miterlebt habe.

Sie bieten eine breite Musikpalette an: Von Rock, Pop, Blues und Funk über Metal bis zu Irish und Country.

Jonas Küng: Die Auswahl ist etwas enger geworden. Wir haben programmmässig einiges ausprobiert, aber gewisse Konzerte ziehen einfach zu wenig Leute an.

Wie viel haben die Musikstile, die hier gespielt werden, mit Ihrem eigenen Musikgeschmack zu tun?

Jonas Küng: Das sind weitgehend unsere eigenen Musikgeschmäcker.

Romina Küng: Wobei niemand von uns ein ausgesprochener Metal-Fan ist. Aber Metal hat sich als relativ dankbarer Bereich erwiesen. Der Stilmix ist uns jedoch nach wie vor sehr wichtig. Wir wollen nicht zu einem Metal-Klub werden. Doch Rock, Blues und Metal sind im Moment unsere Hauptbereiche.

Das Geschäft mit der Live-Musik ist hart: Viele Klubs bewegen sich nahe am Konkurs, immer mehr müssen schliessen. Das Sounddock hingegen kann eine ziemliche Erfolgsgeschichte aufweisen. Was ist Ihr Rezept?

Jonas Küng: Einerseits gibt es im ganzen Limmattal keinen anderen Klub wie unseren. Andererseits bin ich überzeugt, dass die Halle einfach eine gewisse Seele hat. Das wird uns immer wieder gesagt.

Romina Küng: Das Sounddock ist zu einem Treffpunkt geworden. Die Leute wissen, dass sie gute Musik erwarten können und dass die Gäste hier offen sind und miteinander reden. Diese persönliche Atmosphäre wird geschätzt.

Jonas Küng: Wenn wir einen Klub für zwei Millionen gebaut hätten, wäre die ganze Organisation und Atmosphäre total anders gewesen. Bei uns sind die Musiker näher am Publikum, und das gibt der ganzen Sache ein Herz, das schätzen die Leute extrem. Manchmal ist es uns fast peinlich, wie sehr uns die Leute dafür loben.

Gehören die relativ tiefen Eintrittspreise auch zum Konzept?

Jonas Küng: Auf jeden Fall. Wir wollen die Leute nicht abzocken, sondern eine gute Atmosphäre schaffen, mit fairen Eintrittspreisen und Konsumationspreisen. Oftmals geht es nicht darum, dass die Leute nicht mehr bezahlen könnten, sie wollen einfach nicht mehr bezahlen. Viele sind nicht mehr bereit, 100 oder 130 Franken für ein Konzert zu bezahlen. Das geht mir gleich. Solche Preise finde ich jenseits.

Ihre Familie steckt sehr viel Herzblut und Zeit in das Organisieren von Konzerten - und macht das Ganze nicht des Geldes wegen. Entschädigen die Komplimente für all den Aufwand?

Jonas Küng: Auf jeden Fall. Es ist wirklich Knochenarbeit, aber das haben wir ja gewusst.

Romina Küng: Auch für uns sind die Abende hier schön. Wir müssen zwar arbeiten, aber wir treffen auch Leute und hören gute Musik.

Doch dass Sie das Sounddock zu Ihrer Haupttätigkeit machen würden, könnten Sie sich nicht vorstellen?

Romina Küng: Doch, das wäre das Ziel.

Was brauchte es dazu denn?

Romina Küng: Mut! (lacht) Sehr viel Mut.

Jonas Küng: Das wird sich wohl mit der Zeit sowieso ergeben. Wir werden Schritt um Schritt vollziehen und am Schluss vielleicht gar nicht merken, dass wir immer grösser werden. Das wird man sehen.

Romina Küng: Es wäre ein Traum, es wäre das Ziel, aber wenn es nicht klappt, dann klappt es nicht. Dann hätten wir einfach eine schöne Zeit gehabt.

Wie wichtig sind Orte wie das Sounddock für das Limmattal?

Jonas Küng: Es wird immer mehr gebaut und es verschwinden immer mehr die kulturellen, alternativen Begegnungsorte. Das Dietiker Industriegebiet wird nie zu einer Siedlung mit Gartenzaun und sauberer Luft und Ruhe werden und auch nicht die Leute anziehen, die das wollen. Ich hoffe, dass wir mit dem neuen Dietikon wachsen können und auch ein Bedürfnis nach Ausgang, nach Livemusik und nach Kultur abdecken können, das bei den Leuten ohne Zweifel vorhanden ist.

Romina Küng: Wir wären auch gerne bereit, kulturell noch mehr zu bieten und zum Beispiel Komiker oder Kabarettisten in unser Programm einzubauen.

Das Sounddock ist ein Familienbetrieb: Vier der fünf Familienmitglieder sind involviert. Sind Sie eine besonders harmonische Familie, dass das funktioniert?

Romina Küng: Speziell harmonisch würde ich nicht sagen. Im Gegenteil: Bei uns fliegen auch mal die Fetzen.

Also eine gute Streitkultur?

Romina Küng: Genau. Wenn es zu harmonisch wäre, würde es nicht funktionieren. Wobei unsere Mutter auf jeden Fall ein ausgeprägter Familienmensch ist; sie hat die Familie immer zusammengehalten. Aber auf eine vernünftige Art. Wir fassen einander nicht mit Samthandschuhen an, wir lassen einander einfach leben.

Und die Musik war immer ein wichtiges Thema in der Familie?

Jonas Küng: Absolut, schon immer. Wir haben immer Musik gehört, wir sind immer an Konzerte gegangen. Musik war seit je eines der absolut bestimmenden Themen für unsere Familie.

Dann war es natürlich, dass Musik auch der Inhalt Ihres Familienunternehmens geworden ist?

Romina Küng: Etwas anderes wäre gar nicht infrage gekommen.

Herr Küng, kommen Sie überhaupt noch dazu, mit Ihrer Johnnys Factory Band selber Musik zu machen?

Jonas Küng: Nein, dieses Kapitel ist abgeschlossen, die Band gibt es nicht mehr. Es war Zeit, dass wir wieder einmal etwas anderes machten. Ich hätte aber wahnsinnig gerne eine Balkonband.

Eine Balkonband?

Jonas Küng: Einfach eine Band, die ohne viel Aufwand zusammenspielt, mit der man ein bisschen jammen und Spass haben kann und dann ein Bier trinkt und wieder nach Hause geht, ohne grosse Ambitionen, ohne Druck von aussen.

Die anderen Familienmitglieder machen keine Musik?

Jonas Küng: Die drei Jungen haben alle mal ein Instrument gespielt.

Romina Küng: Aber wir waren nicht gut.

Jonas Küng: Das ist gar nicht wahr.

Romina Küng: Wir waren auf jeden Fall keine Ausnahmetalente. (lacht)

Eine Familienband à la Kelly Family wird es also nie geben?

Romina Küng: (lacht) Ich denke nicht.

Jonas Küng: Das würde zeitlich gar nicht drinliegen.

Romina Küng: Und dann wäre die Harmonie in der Familie nicht mehr da.

Was haben Sie in den letzten vier Jahren gelernt?

Romina Küng: Wir haben viel Erfahrung gesammelt und wir sind sicher ruhiger geworden. Früher haben wir manchmal überstürzt gehandelt.

Jonas Küng: Man muss auch die Emotionen unter Kontrolle behalten. Aber das gelingt uns unterdessen gut.

Was ist Ihr Ziel für die nähere Zukunft?

Romina Küng: Erfolgreich weiterzumachen. Dieses Jahr war durchs Band weg gut, auch von der Anzahl Leute her. Wir haben eine Stabilität erreicht, die wir aufrechterhalten wollen.

Jonas Küng: Das Ziel ist, dass Leute auch an ein Konzert kommen, wenn sie die Band nicht kennen. Das ist das Schönste, was passieren kann: dass die Leute ins Sounddock kommen, weil sie sich darauf verlassen können, dass es bei uns einfach gute Musik gibt.

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