Adelheid Duvanel – bevor mich ihre Texte für sie einnahmen, tat es ihr Name. Etwas streng und nach Ordnung klingt der Vorname, Melodie und Leichtigkeit hingegen verbindet sich mit dem Nachnamen. Namen waren der Autorin immer wichtig. Ihre Erzählungen setzen oft unvermittelt mit der Hauptfigur ein, und meist trägt sie einen Namen: «Es gibt verschiedene Orte, wo Alma wohnen könnte.», «Annie kennt Roland, seitdem sie eine Zeit lang im gleichen Bus zur Arbeit fuhren», «Die alte Nina war sehr fromm, und ihr Glaube glich einer Hand, die ihr Gesicht zudeckte.», «Vor einigen Wochen ist Jan mit seiner Mutter in eine Wohnung eingezogen, deren Wände dünn sind wie eine Haut; jeden Stoss und jeden Ton von aussen empfindet Jan als Angriff.»

Zeit für späte Anerkennung?

Die Namen gaukeln eine wohlwollende Normalität vor, sie tun so, als ob sie den Figuren Schutz und Geborgenheit sein könnten. Nie hält dieser Eindruck lange an, die zitierten Sätze zeigen dies deutlich. Duvanel erzählt von Menschen, die nur leise aufzutreten wagen, denen Alltagsgegenstände wie ein Radiogerät oder eine Puppe zu Ungeheuern werden, die Räume als Kerker und andere Menschen als Rätsel erleben. Oft sind es Kinder und Frauen, die verstört und verloren Zuflucht suchen auf Inseln. Diese bieten keinen dauerhaften Halt, sondern kippen oft ins Surreale, manchmal auch ins Märchenhafte. Duvanels Figuren fügen sich nicht ein in das tüchtige und zielgerichtete Treiben, das sie umgibt. Vielmehr richten diese Träumer und Fragenden, diese Ängstlichen und Verletzten ihren Blick zielgenau auf die Risse, Bruchstellen und Lügen in ihrer Umgebung.

Adelheid Duvanels Sprache war von Beginn ihres Schreibens an so dicht, bildhaft und präzis, dass ihre Erzählungen kaum je mehr als ein, zwei, drei Seiten lang sind. Mit wenigen Strichen sichert sie ihren Figuren eine literarische Existenz, eindringlich und behutsam zugleich. Diese knappe Form erinnert an die Prosaminiaturen von Robert Walser, ebenso die Lakonie und der Blick für das Sonderbare, Gefährdete, für die Randfiguren. Ob Duvanel wohl mit Walser auch das Schicksal teilt, erst spät die verdiente Aufmerksamkeit für ihr Schreiben zu bekommen? Bis jetzt ist es noch nicht dazu gekommen.

Die Autorin kommt als Adelheid Feigenwinter 1936 in Basel zur Welt und wächst als Älteste von vier Geschwistern in Pratteln und Liestal auf. Im Elternhaus herrscht ein konservativ-strenger, katholischer Geist. Disziplin ist oberste Tugend, und die Moralvorstellungen der Eltern sind eng gesteckt, wie Adelheids Bruder in späteren Jahren zu Protokoll gibt. Bereits als Kind schreibt sie Gedichte, malt und zeichnet mit offensichtlicher Begabung. Schreiben wird ihr zur Leidenschaft, als Jugendliche verfasst sie einige Hörspiele und ein Theaterstück. Aus Sicht der Eltern aber soll sie einen richtigen Beruf erlernen. Sie beginnt eine Lehre als Textilzeichnerin, die sie aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss. An der Kunstgewerbeschule in Basel besucht sie Kurse in Malerei und Grafik. 1962 heiratet sie den Kunstmaler Joseph Duvanel - eine vermeintliche Befreiung aus den patriarchalen Strukturen ihres Elternhauses. Sie verlegt sich ganz aufs Schreiben; neben ihrem Mann ist im Bereich der bildenden Kunst kein Platz mehr für sie. Als 1964 die gemeinsame Tochter Adelheid zur Welt kommt, trägt sie nun als Büroangestellte und als Mitarbeiterin in einem Meinungsforschungsinstitut zum Lebensunterhalt des bescheidenen Künstlerhaushalts bei. Ein längerer Aufenthalt auf der spanischen Insel Formentera um 1968/69 hebt sich hell vom zunehmend belasteten Alltag ab.

Seit den frühen 1960er Jahren tauchen Duvanels Texte regelmässig in den Basler Nachrichten auf. Nicht nur die Namen für ihre Erzählfiguren, auch ihr Pseudonym für diese ersten Texte, Judith Januar, wählt sie mit Sorgfalt. Mit 40 Jahren erfährt sie durch den Basler Literaturkredit eine erste Anerkennung, verbunden mit der Veröffentlichung von neun Erzählungen im Pharos-Verlag. 1980 wird sie zum ersten Mal an die Literaturtage in Solothurn eingeladen und liest aus ihrem gerade im Luchterhand Verlag erschienenen Erzählband «Windgeschichten». Dieser Verlag hält der Autorin zeitlebens die Treue und veröffentlicht im Abstand von drei bis vier Jahren die Erzählbände «Das Brillenmuseum» (1982), «Anna und ich» (1985), «Das verschwundene Haus» (1988), «Gnadenfrist» (1991) und «Die Brieffreundin» (1995). In etwas grösseren Abständen werden der Autorin Preise für diese Bücher zugesprochen, unter anderen der Literaturpreis der Stadt Basel (1987) und der Gastpreis des Kantons Bern (1995).

Abseits des Literaturbetriebs

Ob ihr diese Anerkennungen wichtig waren, ob sie sie überhaupt richtig erreichten? Lebte Adelheid Duvanel nicht längst schon selbst in einem Kosmos am Rande, auf brüchigem Untergrund, ganz und gar den Figuren ihrer Erzählungen zugetan und abgewandt vom sogenannten Literaturbetrieb? Ihr Tod in einer kalten Sommernacht im Juli 1996, als ein Reiter sie am frühen Morgen im Wald fand, mutet uns wie eine allerletzte, traurige Erzählung aus ihrer Hand an. 20 Jahre nach ihrem Tod ist es höchste Zeit, ihrem Werk die angemessene Beachtung zu schenken.

«Buchbetrachtung am Mittag», Dienstag, 24. Mai, 12.15 bis 13 Uhr, Martina Kuoni stellt Adelheid Duvanel in der GGG Stadtbibliothek Schmiedenhof vor.