Experiment

Wenn das Publikum das Stück schreibt

Beim Proben: Newa Grawit (links) und Rula Badeen als Lehrerinnen im Gespräch.

Beim Proben: Newa Grawit (links) und Rula Badeen als Lehrerinnen im Gespräch.

Schriftsteller Guy Krneta verhilft als Schreibcoach seinen Zuschauern zum eigenen Theaterstück. In diesem Workshop soll Kunst fassbar gemach werden.

Es fing alles mit Mut an: Elf theaterbegeisterte Menschen haben die anonyme Dunkelheit des Zuschauerraums verlassen und selbst ein Theaterstück geschrieben. «Fehlende Liebe haut den stärksten Eskimo vom Schlitten», heisst es.

Das Projekt ist eine Idee der Stückbox. Im Workshop «Das Publikum schreibt ein Stück» haben elf Zuschauer von 16 bis 65 Jahren unter der Leitung von Schriftsteller Guy Krneta einen gemeinsamen Text erschaffen. Dem Projekt liege ein starker Wunsch nach einer Entheiligung der Kunst zugrunde, sagt Regisseurin Ursina Greuel: «Wir haben in den letzten Jahren immer mehr den Austausch mit dem Publikum vermisst. Im Gespräch mit Guy sind wir dann darauf gekommen, dass es schön wäre, das Publikum noch mehr einzubinden in den Prozess — nicht nur in den des Probens, sondern auch in den des Schreibens. Das Ziel ist, die Kunst vom Sockel zu holen und konkret fassbar und diskutierbar zu machen».

Dies war allerdings kein einfacher Auftrag: «Es war ein ungewöhnlicher Workshop. Ich habe Aufgaben gegeben, es wurde improvisiert, es wurde zusammengestellt, und dann wurde es wieder zurückgegeben und in neue Aufgaben formuliert», erzählt Guy Krneta. So sei ein kollektiver Text entstanden, in welchem sich jeder Autor wiederfinden könne. «Die Teilnehmenden mussten sich auf etwas einlassen, sehr viel von sich preisgeben und gleichzeitig ihre Autorenpersönlichkeit ein bisschen zurücknehmen, denn das entstandene Werk gehört allen», fährt Krneta fort.

Kampf gegen Selbstzweifel

«Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass aus so verschiedenen Texten eine zusammenhängende Geschichte mit einem roten Faden gemacht werden kann», wundert sich Herbert Holliger, einer der Workshop-Teilnehmer und Autoren. «Guy hat uns versichert, dass er selber nichts schreibt, dass er die Stücke nimmt und sie so zusammensetzt, dass eine Geschichte entsteht.»

Manche in der Autorengruppe diskutieren ihre Befürchtung, die Aufführung könnte ein Misserfolg werden. «Wenn ich auf der Werbekarte meinen Namen lese, finde ich das völlig fehl am Platz», erzählt Holliger. «Abends nach dem Workshop kamen bei mir immer wieder Bedenken auf: Was ist das für ein langweiliger Stoff, die armen Schauspieler müssen wahnsinnig gut sein, um die Zuschauer nicht einschlafen zu lassen.» Auch das literarische Selbstbewusstsein von Esther Degen, die sich ebenfalls am Verfassen des Stücks beteiligt hat, scheint hin und wieder zu schwanken: «Wir stellen hohe Ansprüche an die Zuschauer. Ich frage mich, ob es überhaupt ein Publikum gibt, das den Text nicht langweilig findet.»

Das Thema des Stücks ist die Schule mit ihrem komplizierten Alltag. Es entwickelte sich im Lauf des Workshops — denn schliesslich haben alle die Schulbank drücken müssen. Augenzwinkernde Bezüge auf die Aktualität fehlen im Werk auch nicht, wenn von Handschlägen und Mobbing die Rede ist.

«Ich wage zu behaupten, dass zwischen einem Autorentext und einem von Laien geschriebenen Werk ein Unterschied zu spüren ist», kommentiert Schauspielerin Newa Grawit, die mit Rula Badeen und Michael Wolf das Stück auf die Bühne transponiert. «Die Sprache ist viel alltäglicher. Der Text nimmt dadurch einen anderen Rhythmus an.»

Im Zentrum ist immer das Stück

Ein Rhythmus, dem die drei Schauspieler beim Proben im Kosmos Basel folgen und vor den Autoren, nun wieder in die gemütlichere Rolle der Zuschauer geschlüpft, einen überzeugenden, nie amateurhaften Ausdruck verleihen können. Die Buchhandlung wird so zu einer Bühne des künstlerischen Experiments, dem sich Ursina Greuel und die drei Schauspieler ebenfalls aussetzen: Es sind das Stück und die Autoren, die ständig im Zentrum stehen. Nach den Proben herrscht ein vorsichtiger Enthusiasmus, der alle Gemüter beruhigt. Autorin Esther Degen ist zufrieden; die Selbstzweifel scheinen ein wenig verblasst zu sein: «Es ist gar nicht so merkwürdig, wie ich gedacht habe. Das Stück ist mit uns gewachsen, und jetzt ist es da. Ich bin berührt.»

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