Individuelle Geschichten prägen das Leben eines Einzelnen, doch stehen diese persönlichen Erlebnisse selten alleine im Raum. Autoren, Filmschaffende und andere Künstler erzählen Geschichten, mit denen sich ein breites Publikum identifizieren kann. Theaterautorin Daniela Janjic schreibt von individuellen, familiären Schicksalen, basierend auf ihren Erlebnissen im zerrütteten Bosnien und Herzegowina. Und trifft damit sogar im entfernten Kairo einen Nerv.

Die Schweizerin kam 1984 in Mostar, Bosnien und Herzegowina, zur Welt. Während des Krieges zog es die Familie nach Schweden, später in die Schweiz. Dass Janjics Stücke oft von Geschichten im Kontext von Krieg und Zerrissenheit handeln, ist weder Zufall noch gezielt gewählt: «Eine solche Entscheidung kommt aus dem Inneren, wenn einen etwas stark beschäftigt und man versucht, es zu verstehen», so Janjic zur «Aargauer Zeitung». «Ich setze mich nicht hin mit dem Ziel, über den Ex-Jugoslawien-Krieg zu schreiben. Sondern ein Thema, welches mich beschäftigt, sucht im Künstlerischen einen Ausdruck.»

Nach der Matura studierte die Autorin Germanistik an der Universität in Zürich. Danach zog es sie nach Berlin, wo sie Szenisches Schreiben studierte und wo sie heute noch lebt und arbeitet. Ihre Texte sind von Geschichte und Politik beeinflusst, verhandeln oft im Privaten das Politische. «Das Private ist immer politisch und umgekehrt, wobei ich mit politisch nicht ‹auf die Politik bezogen› meine, sondern die gesellschaftlichen Machtstrukturen betreffend», so Janjic. «Als Künstlerin möchte ich einem Inhalt, der mich beschäftigt, eine Form geben. Bei mir ist es das Schreiben.»

Eine tragische Ironie

Das Stück beschreibt diesen Konflikt verschiedener Ethnien in Bezug auf den Mikrokosmos zweier Familien, der in seiner Form anwendbar auf die ganze Gesellschaft ist. «Das Stück funktioniert an vielen Orten. In Zusammenarbeit mit Pro Helvetia Kairo wurde das Stück auf Arabisch übersetzt und am Theater-Festival in der ägyptischen Hauptstadt aufgeführt», erzählt die Autorin.

«Es war sehr spannend, die Reaktionen des Publikums zu sehen. Sie fragten mich danach, woher ich mich so gut mit der ägyptischen Situation auskenne. Eine irgendwie tragische Ironie.»

Den Zuschauer aufklären

Das Bewusstsein wecken für ein gesellschaftliches Phänomen, das Menschen auf der ganzen Welt prägt; eines, das Menschen dazu gebracht hat, ihre Heimat gegen das Fremde einzutauschen: Janjics Stücke prägt das Gefühl, fremd zu sein. Wo findet dieses Fremdheitsgefühl seinen Ursprung? «Es ist hauptsächlich die Gesellschaft, sei das in einer kleinen Gruppe von Menschen oder das ganze Land. Wenn die Umgebung einem dauernd dieses Gefühl vermittelt, verstärkt sich das», erzählt Daniela Janjic.

In «Tod meiner Stadt», das 2015 uraufgeführt wurde, schreibt sie von einer Familie, die zwischen zwei Welten lebt. Einem Nachkriegsland und der neuen westlichen Welt. Ein junger Mann, der diese Zerrissenheit zwischen den beiden Welten durchlebt. Eine Geschichte, die zeitlos ist. «Viele mit Migrationshintergrund kämpfen mit dieser Zerrissenheit zwischen den verschiedenen Welten. Das kenne ich selbst sehr gut und darum geht es in meinen Stücken auch oft», so die Autorin. «Leute mit Migrationsgeschichte leben irgendwann zwischen den Welten.»

Ein Leben vor dem Krieg

Dieses Fremdheitsgefühl kann kleiner werden, je besser die Integration funktioniert. Doch ein Stück Fremde bleibt wohl immer erhalten. Janjic erklärt sich das unter anderem damit, dass Menschen, die einem Konflikt entflohen sind, auch stets auf diesen reduziert werden.

«Bei der Sicht auf Menschen aus Ex-Jugoslawien ist der Krieg so stark im Vordergrund, dass man sich wenig damit befasst, was vorher da war, was gut war. Man wird direkt mit dem schlimmen Ereignis in Bezug gebracht und nicht mit den andren Aspekten des Landes oder der Kultur. Das passiert auch den Menschen aus Syrien. Man wird darauf reduziert und definiert», bemängelt Janjic.

«Es wird vergessen, dass diese Menschen ein Leben führten, das sich von unserem nicht so sehr unterscheidet. Ich habe mit dem Wort ‹Flüchtling› Schwierigkeiten. Man wird auf den momentanen Zustand reduziert. Lebenserfahrungen, die gleichwertig sind mit den unseren, werden vergessen. Es setzt sie auf eine andere Stufe.»

Daniela Janjic ist heute Abend zu Besuch in Baden, wo sie im Gespräch zum Thema «Fremd ist das, was ich nicht bin» philosophiert.

Baden Do., 27. April, 20.15, ThiK.