Theater Basel

Wenig Bewegung und viele Marys

Leben und Erinnerungen von Mary (im Vordergrund: Katja Jung) verlangen eine grosse Präsenz des Ensembles.

Leben und Erinnerungen von Mary (im Vordergrund: Katja Jung) verlangen eine grosse Präsenz des Ensembles.

Der englische Regisseur Joe Hill-Gibbins bringt Tracy Letts’ Stück ins Schauspielhaus.

Wer bin ich und wenn ja – wie viele? Die Antwort lautet in diesem Fall: «Mary Page Marlowe. Und mindestens fünf.» Mit Franziska Hackl, Katja Jung, Irene Kugler, Lisa Stiegler und Moyra Studach sind die verschiedenen Lebensphasen dieser Frau hochkarätig besetzt.

Das schlicht gehaltene Bühnenbild im Basler Schauspielhaus nimmt die Themen, um die es geht, vorweg. Auf den flachen Holztreppen, diesen Stufen des Lebens, steht ein kleines Auto, ein Infusionsständer und Alkohol. Viel Alkohol.

Das Stück beginnt 1986, in einem Fastfood-Restaurant. Mary Page (Katja Jung) informiert ihre Kinder über die bevorstehende Scheidung und den Umzug. Der neue Ort liegt in Kentucky – und so tief nach unten liegende Mundwinkel wie die von Wendy (Leonie Merlin Young) haben wir noch nie gesehen. Die Teenager-Tochter rebelliert, der Sohn schweigt, seine einzige Frage ist: «Was passiert mit Spookey?» Die Katze kann bleiben, aber sonst wird alles anders als erträumt.

Pointenreiche Dialoge

In zehn weiteren Szenen mit vier weiteren Marys erfahren wir, nicht chronologisch erzählt, welche Träume Mary hatte und welche Wirklichkeiten ihr widerfahren sind. Denn im Unterschied zu ihrem Therapeuten (Steffen Höld) empfindet Mary (Franziska Hackl) sich selbst nicht als besonders aktiv in ihrer Lebensgestaltung. Die witzige Feder des Pulitzerpreis-Gewinners Tracy Letts trifft in dieser Szene auf Hackls schauspielerischen Tiefgang und Raffinesse. Und nachdem lange viel geredet wurde, kommt hier die erste erholsame Pause des Abends.

Präsenzpausen hat das Ensemble allerdings keine. Während der ganzen 90 Minuten stehen oder sitzen sie alle auf den hinteren Treppen der Bühne. Erinnerung, erzählt diese Aufstellung, ist nichts Lineares, und die Personen, die wir einmal waren, sind ebenso wenig verschwunden wie die Menschen, die uns nahe waren.

Identitätssuche mit Klischee

Für diese eine Aussage harren die Schauspieler dann doch lange und beinahe tatenlos in ihren Positionen. Im Allgemeinen erfordert die Inszenierung von ihren Darstellern wenig Sportlichkeit, sie bewegen sich wenig. Diese Schlichtheit kann man schätzen oder kritisieren, die Schwäche des Abends liegt anderswo. Im Text. Zwar sind die Dialoge des amerikanischen Autors oft pointenreich. Ausgerechnet wenn es ums Kernthema der Identität geht, geraten sie aber teilweise platt.

Vielleicht geht dieses Thema der Identitätssuche nicht ohne Pathos, aber ohne Klischee wäre möglich. So begabt Moyra Studach die 12-jährige Mary gibt, die ihrer Mutter einen Drink mixen soll und Ärger bekommt, weil die Cocktailkirsche fehlt, so gerne hätte man sie in einer Szene gesehen, die weniger klischiert erzählt. Auch diese Flickendecke am Ende des Stückes winkt gar deutlich mit der Metaphernfahne. Ja, so ist das Leben, zusammengenäht aus Einzelstücken.

Doch abgesehen von dieser Metapher, die auch einen Metakommentar zur Form des Stückes abgibt, ist gerade diese Szene an sich ergreifend schön. Eine schlichte Szene einer älteren Frau, die bei der chemischen Reinigung auf einen verklemmten Verkäufer (Nicola Mastroberardino) trifft. Ungefähr so was hatte man sich vorgestellt bei Letts’ Beschreibung, ein Leben in seiner Gewöhnlichkeit darstellen zu wollen. Alkoholsüchtige Eltern, der Drogentod des eigenen Sohnes, Delinquenz und Gefängnisaufenthalt gehören in dieser Häufung eher nicht dazu. Weniger davon hätte der Subtilität des Stückes nicht geschadet.

Weder das späte Glück mit einem dritten Ehemann, der sie mit Spaghetti bekocht (Martin Hug) noch die reizende Szene in der chemischen Reinigung schaffen es, die Tragik dieses Lebens ins Versöhnliche zu retten. Es ist, und hier würde Tracy Letts widersprechen, keine Geschichte von Resilienz, sondern die fragmentierte Erzählung einer tragischen Biografie. Als kleiner Trost ist die berührende Begegnung von Mary Page (Irene Kugler) mit einer resoluten Krankenschwester (Inga Eikemeier) zu nennen.

Die Frage der Identität wird in der Literatur häufig über ihre Negation verhandelt. So heisst ein Kernsatz in Max Frischs Stiller «Ich bin nicht Stiller!», und Mary sagt, dass sie nicht die ist, die andere in ihr sehen. Seit «Stiller» ist einiges passiert im Verständnis von Möglichkeiten und Rollen eines Individuums – dass es verschiedene Marys geben kann, die einander nicht ausschliessen, die vielmehr wie eine Flickendecke ein Ganzes ergeben, sei unbezweifelt.

Ob all des Wandelbaren stellt sich doch die Frage, was es denn ist, was diese Mary im Innersten zusammenhält. Was ist es, das einem glaubhaft macht, dass hier fünf Schauspielerinnen eine Frau spielen? Dass es sich bei den Darstellerinnen zweifellos um starke Charakterschauspielerinnen handelt, vereinfacht es nicht, die verschiedenen Marys als Einheit zu sehen – was den Autoren Letts nicht stören würde. Schliesslich sagte er über sein 17-jähriges Ich, dass es sein jetziges Ich wohl gar nicht erkennen würde. Man kann das Stück auch mit diesem Blick betrachten. Es zu sehen lohnt sich allemal.

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