Existenzfragen
Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Am Montag jährt sich Max Frischs Tod zum 25. Mal. Wir haben den Schriftsteller Philipp Tingler, die Slam-Poetin Hazel Brugger und die amtierende Miss Schweiz Lauriane Sallin mit seinem Fragebogen konfrontiert.

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Max Frisch 1979 am Schreibtisch in seiner Wohnung in Küsnacht bei Zürich.

Max Frisch 1979 am Schreibtisch in seiner Wohnung in Küsnacht bei Zürich.

Foto: FERNAND RAUSSER/Keystone; Montage: Marco Tancredi

Max Frisch starb am 4. April 1991. Er hat als Schriftsteller wie kein anderer das Gewissen des modernen Intellektuellen thematisiert. Frisch war ein Fragender. Auch in seinen bekanntesten Büchern «Stiller» und «Homo Faber».

Doch in keinem seiner literarischen Texte wurde das so offensichtlich wie in seinen berühmten Fragebögen, die als Teil seines «Tagebuchs 1966–1971» erschienen sind. Sie hängen als Plakate und Poster in Küchen, Toiletten, Salons. Sind zumindest optisch also immer noch omnipräsent. Es sind die Fragen, die Frisch ans Leben hatte.

Doch sind es auch die Fragen, die uns 2016 noch beschäftigen? Wie aktuell ist der grosse Max Frisch heute? Wir nehmen den 25. Todestag eines der grössten Schweizer Autoren aller Zeiten zum Anlass, um drei unterschiedlichen Personen des öffentlichen Lebens 25 Fragen Frischs vorzulegen.

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle
Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

Philipp Tingler, Schriftsteller: Wer kann schon sicher sein, dass ihn irgendetwas wirklich interessiert, wenn er nicht mehr ist?

Hazel Brugger, Slam-Poetin: Nein.

Lauriane Sallin, Miss Schweiz: Ja.

2. Warum?

Tingler: Warum was?

Brugger: Weil es über den Menschen hinaus noch genauso Spannendes gibt.

Sallin: Wir leben in einer Epoche, in der wir einzelne Personen verherrlichen und immer tiefer ins Privatleben des Individuums vordringen. Das erkennt man auch daran, dass wir uns für die Vergangenheit interessieren und für die Personen, die vor uns gelebt haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass wir Dinge in der Moderne sehen, die eigentlich von Menschen aus der Vergangenheit stammen. Ich freue mich darauf, zu sehen, was die Generationen nach uns mit all dem Material und all den Informationen machen werden, die wir momentan generieren.

3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?

Tingler: Keins. Oder alle.

Brugger: Ich weiss nicht, ob ich wirklich Kinder kriegen könnte. Aber was man nicht will und nicht bekommt, ist schnell vergessen.

Sallin: Ich habe keine Kinder, aber ich denke gerade an Hanna aus Homo Faber von Frisch, die einer Abtreibung entkam. Ich lebe in einer anderen Zeit, wo die Kinderfrage eher als Planungsdetail des Lebens gilt. Die Norm hat die Tendenz, auf die andere Seite zu kippen: Es ist schon fast normal, ein Kind abzutreiben, da es die Lebenspläne stören könnte.

4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Tingler: Dolores vom Mietwagen-Schalter am George Bush Intercontinental Airport in Houston, Texas.

Brugger: Der Religionslehrerin im Wahn.

Sallin: Niemandem. Selbst, wenn ich jemanden treffe, der mir absolut unsympathisch ist, bereue ich es nicht. Es ist eine Seite der Menschlichkeit, die ich hinterfragen und versuchen zu verstehen muss, wenn ich weiterhin denken möchte, dass man die Welt gemeinsam verbessern könnte.

5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?

Tingler: Wat is kaputt?

Brugger: Tatsächlich fällt mir niemand ein.

Sallin: Ich habe einen unglaublichen Durst nach Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit bringt mich auf die Palme. Kann sein, dass ich schon einmal eine Situation erlebt habe, in der sich jemand mir gegenüber benachteiligt gefühlt hat. Aber Ungerechtigkeit ist ein grösserer Begriff. Es ist für mich ein Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Möglichkeiten, bei welchen sich die eine Partei auf Kosten anderer an etwas bereichert und nicht dasselbe zurückgibt. Das kann sich finanziell äussern, aber auch moralisch.

6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Tingler: Auf gar keinen Fall, danke.

Brugger: Vergiss es.

Sallin: Nein, das würde ich nicht wollen. Unser Gedächtnis selektioniert innerhalb aller Erlebnisse die Momente, die wir wahrnehmen und jene, die wir zurückhalten. Es ist unmöglich, sich an alle Personen oder Details einer Aktion zu erinnern, die man erlebt hat. Die Dinge, die uns prägen, hängen von unserer Originalität und Persönlichkeit ab. Mit einem absoluten Gedächtnis gäbe es meiner Meinung nach keine Poesie, denn ich denke, es ist genau in dieser verschwommenen Zone der Wahrnehmung, in der Kreativität entsteht.

7. Wie heisst der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?

Tingler: Kein Mensch ist unersetzbar in Geschäften. Auch die widerwärtigsten Despoten nicht.

Brugger: Assad vertritt die alte Riege, eine letzte alte Zahnreihe, wo kein exakter Nachkömmling dahinter lauert. Anzuzweifeln bleibt eine Verbesserung, aber für einen Moment lang wäre doch ein Loch mit viel Raum für Bewegung.

Sallin: Ich finde diese Frage schrecklich, denn ich wünsche niemandem den Tod. Vielleicht gäbe es Länder, in denen einzig der Tod Politiker verdrängen kann, da sie unerschütterlich und unantastbar wirken. Aber leider ist es so, dass in ebendiesen Ländern selbst der Tod diese Politiker nicht entmachten könnte, da ihr Tod die Politik nicht von Grund auf ändern würde. Es gibt immer mehrere Menschen mit derselben Ideologie.

8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Tingler: Dominick Dunne.

Brugger: Die Oma meiner Mutter.

Sallin: Natürlich denke ich bei dieser Frage sofort an meine verstorbene Schwester. Doch eigentlich möchte ich sie gar nicht wiedersehen. Es ist schon schwierig genug, zu verstehen, was der Tod wirklich darstellt. Jetzt plötzlich eine Fiktion darum herumzukreieren, möchte ich nicht. Ich habe keinerlei Hoffnung, meine Schwester je wieder zu sehen, und ich möchte es mir auch gar nicht vorstellen, denn es ist schlicht unmöglich. Ich möchte leben und hoffen, dass mein Umfeld dies auch tut. Meine Schwester lebt in meinem Kopf und in meinem Herzen ohne Limit weiter.

9. Wen hingegen nicht?

Tingler: N/A

Brugger: Jemand, von dem ich vergessen habe, dass er schon gestorben ist. Es wäre peinlich, ihn nicht mit der nötigen Ekstase zu begrüssen.

Sallin: Ich möchte keinen Verstorbenen wiedersehen.

10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?

Tingler: Ich hätte lieber einen anderen Fragebogen ausgefüllt.

Brugger: Eine Jüdin aus Brooklyn sein, das würde passen.

Sallin: Als ich mich für die Miss-Schweiz-Wahl anmeldete, habe ich mir überlegt, was es heisst, Schweizerin zu sein. Ich erkenne mich nicht in den typischen Schweizer Charakteristiken wie Pünktlichkeit oder der ausgesprochenen Fähigkeit, Kompromisse zu machen. Ich bin frankophon, gehöre also einer lateinischen Kultur an. Dadurch, dass ich aus Fribourg komme, kenne ich auch die germanische Kultur. Ich bin die Botschafterin von Corelina, einer Kinderherzstiftung, und werde gleichzeitig von L’Oréal Paris mit meinem Styling unterstützt. Ich bin Miss Schweiz und werde später – hoffentlich – Archäologin. Ich möchte nirgends anders sein. Ich bin zwischen verschiedenen Kulturen geboren und hatte das Glück, mit dem Bewusstsein dieser Unterschiede aufwachsen zu können. Das schätze ich.

11. Wie alt möchten Sie werden?

Tingler: Alt genug, um überall einschlafen zu können.

Brugger: Gesund zweiundneunzig, krank höchstens siebzig.

Sallin: Etwas zwischen morgen und tausend Jahren.

12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.

Tingler: Ja oder nein.

Brugger: Nein.

Sallin: Ja.

13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?

Tingler: Warum, wenn es mir nicht richtig scheint?

Brugger: Mit fünfzehn schien es mir richtig, ein Skateboard-Poster in meine Kleiderschranktür zu leimen.

Sallin: Ich habe Ja gesagt.

14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?

Tingler: Ich hasse nicht. Well, ausser vielleicht Dolores vom Mietwagen-Schalter am George Bush Intercontinental Airport in Houston, Texas. Vgl. dazu bitte Frage 4.

Brugger: Alleine ein Kollektiv.

Sallin: Ich hasse weder eine Gruppe noch eine Person. Der Hass erzeugt schreckliche Gefühle, und die erste Person, die daran leidet, ist man selbst.

15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden, oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.

Tingler: Ich werde jeden Tag klüger. Und auch dümmer. Beides hat nur am Rande mit dem Alter zu tun.

Brugger: Es gibt alle paar Wochen Tage, an denen ich es nicht nur meine, sondern merke. Bisher wird es nicht weniger.

Sallin: Ich frage mich: Was ist Intelligenz? Ich versuche, so viel Wissen wie möglich aufzusaugen und zu speichern, doch macht dieser Speicher wirklich die Intelligenz aus? Vielleicht werde ich tatsächlich nicht mehr klüger. Oder vielleicht müsste ich hoffen, klüger zu werden. Ich weiss es nicht. 22 Jahre.

16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?

Tingler: Nicht immer.

Brugger: Nicht bis zum Punkt, wo ich keine Aussenstehenden mehr zur Rate ziehen muss.

Sallin: Ich bin mir nicht sicher.

17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um Verzeihung?

Tingler: «A gentleman is one who never hurts anyone’s feelings unintentionally.» (Oscar Wilde)

Brugger: Dieselbe Sache: Ich bin zu oft müde und zu ruppig, wenn ich müde bin.

Sallin: Die Korruption. Ich würde es nicht ertragen, wenn man versuchen würde mich zu kaufen. Die Macht von Geld ist in unserer Zeitepoche gigantisch. Für mich ist Geld ein Weg des Austausches zwischen Menschen, eine Art Dinge zu unternehmen und eine Art System. Doch ich möchte niemals – und das meine ich aus meinem tiefsten Inneren – meine Art oder mein Auftreten aus einem finanziellen Interesse ändern. Ich könnte mir das nicht verzeihen und ich denke, man könnte es auch niemand anderem verzeihen. Ich kann es zwar verstehen, aber ich kann es nicht akzeptieren. Für mich ist Korruption nicht nur unlautere Wettbewerbe oder Dinge, die unter den Tisch gewälzt werden.

18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese
Vorstellung?

Tingler: Nicht so sehr wie die Vorstellung, ich wäre früher geboren worden.

Brugger: Es wäre erlösend.

Sallin: Seit ich klein bin, sagt meine Tante zu mir «Wenn es dich nicht gäbe, müsste man dich erfinden.» Aber ehrlich gesagt habe ich mir noch nie vorgestellt, nicht zu existieren. Diese Frage löst in mir nicht sehr viel aus.

19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Tingler: Weder noch.

Brugger: Was im Leben nicht gesagt wurde, muss im Tod nicht mehr gehört werden.

Sallin: Kann man das mit ein bisschen Vorstellungsvermögen nicht auch schon in seinen Gedanken tun?

20. Lieben Sie jemand?

Tingler: Allerdings.

Brugger: Klar.

Sallin: Ja.

21. Und woraus schliessen Sie das?

Tingler: Aus einem Zittern im Knie.

Brugger: Liebe ist, jederzeit bereit zu sein, für eine Person zu sterben, während man sie gleichzeitig manchmal umbringen könnte.

Sallin: Weil es für Gefühle, die man für eine Person hat, keine Beschreibung gibt. Weil alle Rechtfertigungen dieses starke und schöne Gefühl, das man erlebt, gar nicht beschreiben können. Ich weiss, dass ich liebe, weil es keine Grenzen gibt und dass alles möglich ist, wenn man Lust dazu hat.

22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?

Tingler: Das ist pseudo-interessant.

Brugger: Faulheit, Angst, zu langes Überlegen. Körperliche Unterlegenheit.

Sallin: Aus Glück. Weil ich noch nie einen Unfall hatte, bei dem jemand hätte sterben können. Weil ich in einem Land lebe, in welchem niemand die Intention hat, mir wehzutun. Und weil ich nicht töten möchte.

23. Was fehlt Ihnen zum Glück?

Tingler: Nichts.

Brugger: Ein Verständnis von mir jenseits des Kopfes. Es gibt Naturvölker, die kennen sich selber so gut, die wissen, wie viel sie vor dem Schlaf trinken müssen, um zu einer bestimmten Zeit von ihrer Blase geweckt zu werden. Besser kann man nicht glücklich werden.

Sallin: Nichts. Das Glück ist schon bei mir.

24. Wofür sind Sie dankbar?

Tingler: Für die Liebe in meinem Leben.

Brugger: Für alle, die unterhalten.

Sallin: In meiner Familie geboren zu sein.

25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?

Tingler: Fernsehhase Cäsar.

Brugger: Als gesundes Tier würde ich gerne leben. Als Schnabeltier Eier legen und Milch geben, meine eigenen Crêpes kochen.

Sallin: Ich wäre sehr gerne ein Tier, um zu erfahren, wie sich das anfühlt. Ich denke, dass ich ein gigantischer Tintenfisch sein möchte. Eigentlich würde ich jedoch gerne einmal in der Haut eines jeden Tieres stecken, dabei aber meine Seele behalten. Und noch viel besser, als ein Tier zu sein, wäre es, ein Baum zu sein. Die Erklärung dazu ist sehr lange – wenn Sie sie hören möchten, können wir gerne ein anderes Mal darüber diskutieren.

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