In ihrem neuen Programm «Hobby« geht es vor allem um Sie. Wieso?

Gabriel Vetter: Ich glaube, Stand-up wird erst dann gut, wenn es einen persönlichen und wahren Kern hat. Es hat sich in meinem Leben viel verändert in den letzten Jahren. Ich wurde Vater, meine Mutter verstarb, wir sind nach Norwegen gegangen. Statt in eine Psychotherapie zu gehen, begann ich an meinem Stand-up-Programm zu arbeiten. Ehrlich gesagt hatte ich auch etwas genug davon, in der Öffentlichkeit immer dieser Schweiz-Flüsterer zu sein.

Sie ziehen sich künstlerisch ins Private zurück – in einer Zeit, die nach politischer Satire schreit.

Chabis. Das Private ist immer politisch; heute mehr denn je. Das ist auch der Kern meines Stand-up-Programms. Ich arbeite ja schliesslich immer noch als Satiriker. Aber auch ich muss aufpassen, dass politische Satire bei mir nicht zum Ritual wird. Rituale sind gefährlich. Wenn, dann sollte man in der heutigen Zeit tun, was Jan Böhmermann mit seinem Erdogan-Gedicht tat: sich auch über das Ritual der politischen Satire lustig machen. Heute ist immer alles lustig und politisch und politisch und lustig!

Sie sind doch auch ein politischer Künstler?

Ich finde es einfach heikel, wenn politische Kritik plötzlich Unterhaltungsmechanismen folgen muss. Politische Probleme sind nun mal selten unterhaltsam.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel: Welthunger ist verdammt langweilig. Immer sind sie am Verhungern. Ist es deshalb unwichtig? Nein! Es darf nicht sein, dass politische Probleme nur noch vorkommen, wenn man sie neu und spannend verpacken kann. Und es stimmt schon: Polit-Satire im deutschsprachigen Raum funktioniert auch nach dem Prinzip des Ablasshandels.

Sie meinen: selbstgefällig über die Bösen lachen?

Ja, es ist ein bisschen bequem, und wirklich weh tut Satire ja niemandem. Bis dann ein Andreas Thiel kommt und wirklich etwas macht, wo sich viele Leute im Innersten – ich inklusive – unwohl fühlen. Was passiert dann? Wir können nicht damit umgehen.

Sie halten Thiel für den Märtyrer, als den er sich in einem Interview mit der «NZZ» beschrieb?

Auf Thiel warten im Himmel 72 jungfräuliche «NZZ»-Redaktoren (lacht). Aber ernsthaft. Nein, Thiel ist kein Märtyrer. Ich bin mit ihm auch fast nie gleicher Meinung. Trotzdem fand ich immer, dass er der Kleinkunstszene gut tut, weil er ein wirklicher Stachel in unserem Fleisch ist. Er fordert mich heraus, er ist mühsam. Sein Koran-Essay ist ein ganz anderes Thema.

Jetzt machen Sie also Stand-up. In den USA gilt diese Form als Königsdisziplin des Humors. In der Schweiz ist sie wenig verbreitet. Wieso?

Es gibt hier keine ausgeprägte Stand-up-Kultur. In der Schweiz gilt immer noch: Wenn Comedy drauf steht, dann gibts auch keinen Werkbeitrag. Nach dem Motto: Spielt nicht mit den Schmuddelkindern! Das ist er wieder, dieser bekloppte Elitismus.

Sie sind Drehbuchautor, Kolumnist, Poetry-Slammer. Wieso jetzt Stand-up?

Als ich zum ersten Mal den amerikanischen Stand-up-Comedian Louis CK hörte, dachte ich mir «Fuck, was zum Teufel macht er da? Und wie macht er das?» – und wollte es auch tun. Ich bin da auch nicht allein. Grade manchen Schweizer Slam-Poeten, allen voran Hazel Brugger, ging es ähnlich.

Sie vergleichen in Ihrem neuen Programm unser westliches Leben mit dem Aufenthalt in einer Flughafen-Lounge: einer bedienten Wohlfühloase, abgeschottet vom armen Pöbel. Nun sind Sie mit ihrer Familie aus der Schweiz nach Norwegen gezogen. Dem einzigen Land, in dem die Lounge noch üppiger eingerichtet ist als in der Schweiz.

In Norwegen wird es einem allerdings einfacher gemacht, Teil der Lounge zu werden.

Wie denn?

Es ist nicht alles so aufgeladen. Wenn die Betreuerin in der Kinderkrippe pakistanische Wurzeln hat und halt ein Kopftuch trägt, dann hat das in Norwegen keinerlei Bedeutung. Null. Da musste ich mich daran gewöhnen. Auch ich hatte diese dummen Reflexe in mir, die in der Schweiz so gepflegt werden. Der Reflex geht so: Oha, diese Frau trägt ein Kopftuch, Obacht, das ist ein Zeichen, und ich muss mich dazu verhalten! In Norwegen? Nicht der Rede wert. Das ist wahnsinnig entspannend. Für alle.

Woher kommt das?

Der Staat planiert die grossen Unterschiede. Norwegen achtet penibel auf die Einhaltung von Integrationsmassnahmen. Das fängt früh an: In Norwegen gibt es ein Jahr Elternzeit. Danach gehen die Eltern arbeiten, fast ausnahmslos beide Elternteile. Und die Kinder gehen in die Krippe. Das hat zur Folge, dass alle sofort Norwegisch lernen, und das ist die beste Integration.

Klingt nach einem sozialdemokratischen Nirwana.

Naja. Mir fehlt dafür in Norwegen, dieser politische Alltags-Diskurs, den wir in der Schweiz haben. Wir streiten permanent über politische Details. Das hat etwas Lustvolles. Ich mag das sehr. Auch wenn die Diskussionen wie beim Burka-Verbot manchmal etwas affig sind.