Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Wort «Cabaret», das im Französischen ursprünglich eine Schenke oder eine Kneipe bezeichnete, zu «Kabarett» eingedeutscht. Mit seiner Übertragung ins Deutsche wechselte der Begriff seine Bedeutung.

Nach 1900 begannen erste Kleinbühnen in deutschen Städten humoristische, zeitkritische, literarisch-musikalische Programme zu veranstalten, die sich kabarettistisch nannten. Richtig populär wurde die Bühnenform freilich erst in den Zwischenkriegsjahren.

Da das Kabarett in den Anfangszeiten eher aus Liedern und gespielten Szenen bestand, wurde es oft von Gruppen oder kleinen Ensembles betrieben. So gründeten etwa die Geschwister Klaus und Erika Mann mit der Schauspielerin Therese Giehse und dem Musiker Magnus Henning 1933 in München das legendäre Kabarett «Die Pfeffermühle».

Diese Truppe wurde schon nach wenigen Wochen von den Nationalsozialisten verboten, worauf sie nach Zürich in Exil kam. Aber auch in der Schweiz war die scharfe Kritik am Nationalsozialismus nicht allen genehm. Einzelne Kantone verhängten sogar Aufführverbote. «Die Pfeffermühle» verliess die Schweiz 1935.

Das kurze intensive Gastspiel der «Pfeffermühle» hatte einige Schweizer Bühnenkünstler dazu animiert, ein eigenes Kabarett zu gründen. Nicht pfefferscharf wie ihre deutschen Vorbilder wollten sie sich anpreisen, sondern würzig-sauer wie die Essiggurken. Also nannten sie sich «Cabaret Cornichon».

Das klassische Cabaret-Ensemble

Das «Cabaret Cornichon» reizte die Grenzen der politischen Zensur in der Schweiz aus. Es wurde während des Zweiten Weltkriegs zu einem Hort der geistigen Landesverteidigung und des künstlerischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Doch mit dem Ende des Krieges löste sich die Truppe auf. Die ehemaligen Mitglieder des «Cabaret Cornichon», Otto Weissert, Max Werner Lenz und Zarli Carigiet, gründeten 1949 das «Cabaret Fédéral», das bis 1960 bestand.

Mit dem Ende der genannten Kabarett-Truppen begann in der Deutschschweiz der Aufstieg einzelner Kabarett-Stars, die zum Teil bereits als Ensemble-Mitglieder des «Cabaret Fédéral» Popularität erlangt hatten. Alfred Rasser, Walter Roderer, César Keiser und Margrit Läubli waren wohl die bekanntesten von ihnen. Klassische Elemente des Kabaretts wie das Chanson oder der politische Aspekt rückten mehr und mehr in den Hintergrund.

Und spätestens als in den späten 1960er-Jahren die Kleinkunstbühnen, Kellertheater und lokalen Kulturvereine wie Pilze aus dem Boden zu schiessen begannen, war die Zeit der traditionellen Kabaretttruppen endgültig vorbei. Ensembles bespielten von nun an eher Boulevardbühnen wie das Bernhardtheater, das Corso und das Theater am Hechtplatz in Zürich, das Theater am Käfigturm in Bern oder das Tabourettli in Basel. Ihre Domäne war nicht mehr das Nummern-Kabarett, sondern das Lustspiel.

Zur gleichen Zeit eroberten Einzelkünstler wie Franz Hohler, Emil, Dimitri und Mani Matter die überall entstehenden Kellerbühnen. Ihre Ausdrucksformen enthielten zwar noch Elemente des klassischen Kabaretts, doch gleichzeitig hielt auch eine gewisse Spezialisierung Einzug. Chansonsänger, Clowns oder Literaten teilten sich die Bühne mit denen, die beim Kabarett geblieben waren.

Auch bei den Bühnen selbst veränderte sich Entscheidendes. Hatten das «Cabaret Cornichon» und das «Cabaret Fédéral» ihr Publikum noch nach Zürich gebeten, reisten die Stars der Kleinkunstszene nun raus zu den Leuten. Die föderalistischen Strukturen der Schweiz spiegeln sich seither in einer weltweit einmaligen Kleintheaterdichte.

Olten: Hauptstadt des Kabaretts

Dass die Idee zur Veranstaltung eines Kabarett-Festivals in einer Stadt wie Olten entstand, muss uns nicht wundern. An der bahntechnisch perfekt erschlossenen Aarestadt kommt jeder Kleinkünstler der Deutschschweiz ohnehin mehrmals jährlich vorbei. Ausserdem spielte Olten in der Kleinkunstszene früh eine Rolle. 1967 hatte der Oltner Architekt Massimo Hauswirth das «Keller-Theater am Zielemp» eröffnet, an dem sich unter anderem auch der Oltner Stadtchronist, Lehrer und Literat Peter André Bloch engagierte.

1983 gründeten die drei Freunde Daniel Hoch, Daniel Tröhler und Mike Müller die «Jugendtheatergruppe Olten», aus der 1986 der Verein «Theatergruppe Olten» entstand. Im gleichen Jahr fand das erste Oltner Kabarett-Festival statt. Der Initiant war Peter Niklaus, damals Lehrer und Mitglied der städtischen Kulturförderungskommission, der zur Erkenntnis gelangt war, ein solcher Anlass würde Olten gut anstehen.

Inzwischen ist Olten die unbestrittene Kabarett-Hauptstadt der Schweiz. Heuer finden die 30. Oltner Kabaretttage statt. Der Anlass, der seit seinen Anfängen eine internationale Besetzung aufweist, geniesst über die Landesgrenzen hinaus einen guten Ruf. Seit 1988 verleihen die Oltner Kabaretttage den renommierten Kabarett-Preis Cornichon.

Überdies veranstalten die Organisatoren seit 2012 das Oltner Kabarett-Casting zur Förderung weniger bekannter Künstlerinnen und Künstler aus dem Bereich Kleinkunst und Kabarett.

Aufstieg der Comedians

Freilich ist die Vorstellung dessen, was unter dem Begriff Kabarett zu verstehen ist, einem ständigen Wandel unterzogen. Umfasste die Gattungsbezeichnung bis in die 1980er-Jahre mehr oder weniger alle, die auf einer Kleinbühne etwas Lustiges erzählten oder sangen, kam seit der Einführung der privaten Fernsehsender in der zwiten Hälfte der 1980er-Jahre in Deutschland der Begriff «Stand-up-Comedy» auf.

Diese Kunstform, die vom angelsächsischen Raum kommend inzwischen in unseren Breiten Fuss gefasst hat, unterscheidet sich vom Kabarett im herkömmlichen Sinn vor allem durch Tempo und Pointendichte. Sie verhält sich zum traditionellen Kabarett wie der Leistungssport zur Stadtbummelei. Werden beim Kabarett traditionell eher einzelne, in sich abgeschlossene Nummern dargeboten, eilt der Stand-up-Comedian von Punchline zu Punchline.

Politische Ausrichtung und persönliche Haltung der Comedians mögen variieren, aber das Prinzip bleibt stets dasselbe. Jemand steht einfach auf der Bühne und verführt das Publikum erzählend zu möglichst vielen Lachern pro Zeiteinheit.

Poetry Slam wird Comedy

Diese einfache und direkte Form der Unterhaltung scheint bestens in unsere leistungsorientierte Zeit zu passen, weil sie messbar und unverbindlich ist. Die Anzahl Pointen pro Minute bestimmt über die Lustigkeit des Künstlers. So hat denn die Comedy heute fast alle Bereiche der Bühnenkunst durchtränkt. Ein aufschlussreiches Beispiel hierfür ist der Poetry Slam.

Bei dieser Form des Dichterwettstreits, die sich in der Schweiz seit der Jahrtausendwende gleichbleibender Beliebtheit erfreut, kamen anfänglich verschiedene schriftstellerische Gattungen zur Darbietung. Inzwischen sind Poetry Slams praktisch reine Comedy-Veranstaltungen. A-cappella-Gruppe schaffen es ohne Comedy-Elemente nicht mehr auf die Bühne.

Selbst junge Kabarettisten konzipieren ihre Programme wie Comedians, was unter anderem daran zu erkennen ist, dass sie die Pausen, die für die erwarteten Lacher vorgesehen sind, bereits eingeplant haben. Die Zeit, Figuren aufzubauen, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, das Publikum auch mal zu vertieftem Nachdenken anzuregen oder gar mit Musik verschiedene Stimmungen zu erzeugen, wird allmählich zu knapp.

Das Zapping und Videoclip-gewohnte Publikum will, dass der Künstler sofort zur Sache kommt. Viel Höhepunkt und wenig Vorspiel lautet das aktuelle Motto der Spassunterhaltung.

Auslaufmodell Kabarett?

Literarische Aspekte wie bei Franz Hohler, monologisierende Alltagstypen wie bei Emil und bei Gerhard Polt oder skurrile Figuren wie bei Joachim Rittmeyer (alles Cornichon-Preisträger) sind zwar nie ganz von der Kabarett-Bühne verschwunden. Aber das junge Publikum sucht einen anderen Kick. Die Shows sollen schnell, böse, direkt, politisch unkorrekt, frech und falls nötig auch vulgär sein. Alles scheint erlaubt, alles, ausser Feinheiten, denn dort wo ständig laut gelacht werden muss, gehen feine Ironie, Poesie oder kleine Anspielungen allzu leicht unter.
Diese Entwicklung führt zur eigenartigen Situation, dass sich das Humor-Publikum mehr und mehr in zwei Altersgruppen teilt.

Die Mehrheit der unter 40-Jährigen, die mit den Comedy-Formaten im TV gross geworden sind, besuchen praktisch keine Kleinkünstler, die sie nicht vom Fernsehen her kennen. Kabarettisten im traditionelleren Sinn treten dagegen vor meist ergrauten Häuptern auf. Die Gründer der Kleintheater sind mit ihren Künstlern und mit ihrem Publikum gealtert. Und selbst verhältnismässig junge Kabarettisten wie Patti Basler oder das Duo Strohmann Kauz verkaufen mehr Eintrittskarten mit AHV-Rabatt als solche mit Studenten-Rabatt. Fast macht es den Anschein, als seien die Tage für das traditionelle Kabarett gezählt.

Die Veranstalter der Oltner Kabarett-Tage sind sich als Kenner der Szene dieser Veränderung sicher bewusst. Durch die Wahl der Lokale und Künstler tragen sie der Entwicklung Rechnung. Ihr vielfältiges Programm, das den für manche Zeitgenossen aus der Mode gekommenen Begriff Kabarett recht weit interpretiert, ist dazu angetan, alle Generationen anzusprechen.