Fondation Beyeler

Wassily Kandinsky und Franz Marc: Ein neuer Blick auf den Blauen Reiter

In der Fondation Beyeler in Riehen BS zu sehen: «Fuga», 1914, von Wassily Kandinsky u

In der Fondation Beyeler in Riehen BS zu sehen: «Fuga», 1914, von Wassily Kandinsky u

Wassily Kandinsky und Franz Marc strebten nach geistiger Neugeburt der Kunst und entdeckten die Quelle einer «inneren Notwendigkeit». Nun gruppiert die Fondation Beyeler um die beiden ihre neue, reiche Schau.

Landschaft ist nicht mehr haltbar als Raum, in dem Hinten und Vorne zentralperspektivisch aufgeräumt erscheinen. Nein: Farbe organisiert Himmel, Feld und Häuser in
einer Palette, die nur unsere Erinnerung als Dorf zusammenhält. Wolken können bei Kandinsky und seinen Weggefährten auch tagsüber rot aufglühen. Die Blüten von Sonnenblumen sind nicht von Stielen gehalten, sondern von Blau und Braun, wie ein Wind sie hingeworfen haben muss. Franz Marcs Fuchs und Hunde ducken blau oder gelb ihre Köpfe, wobei die Landschaft nicht mehr taugt als Kulisse. Sie umschliesst ruhende Körper oder schürt mit markanten Stämmen und leuchtenden Hügeln deren ungestüme Erregung.

Als Wassily Kandinsky im Juni 1911 seinem Künstlerfreund Franz Marc die Idee unterbreitete, dem Neuen gemeinsam eine Publikation zu widmen, war die Malerei bereits in Aufruhr. Es schien an der Zeit, die verschiedenen Bewegungen, die den schal gewordenen Akademismus zu überwinden versprachen, in einem Buch zusammenzufassen. Dieses Buch erschien 1912 unter dem Titel «Der Blaue Reiter».

Eine Wunderkammer der Moderne

Der legendäre Almanach lässt auf knapp 150 Seiten Maler, aber auch Komponisten wie Arnold Schönberg zu Wort kommen. Bei den Illustrationen quert die Schrift nicht nur die Ateliers von Vertretern der Avantgarde. Es ankert ebenso bei Votivbildern aus Bayern, bei der japanischen Federzeichnung, in Volkskunst aus Borneo oder Ägypten. Und auch, wenn der interaktive Flachbildschirm in der Ausstellung nicht viele Besucher gleichzeitig durch die Seiten blättern lässt, wird nachvollziehbar: Hier steht nicht bloss die Korrektur überkommener Seh- oder Hörgewohnheiten auf dem Spiel. Hier sucht eine kundige, international vernetzte Generation die «geistige Neugeburt» der Kunst – auch, indem sie selbst die Feder führt im Entwurf ihrer Geschichte.

«Die grossen blauen Pferde» von Franz Marc.

«Die grossen blauen Pferde» von Franz Marc.

Der Auslegeordnung des «Blauen Reiters» ist gleichsam als Herzkammer der Schau angelegt, mehr noch: Sie nimmt in der Fondation eine Mitte ein. Denn während die exquisite Sammlung mindestens teilweise dem Gipfeltreffen Kandinsky/Marc Platz macht, hält die kleine Wunderkammer einen Mentalitätsraum offen, die uns aus dem Hause Beyeler lieb und vertraut ist: Chinesische Fabeltiere, balinesische Holzfiguren oder ein Kleinformat des vermeintlich naiven Henri Rousseau sind Zeugen dafür, dass die innovativste Kunst im Europa des letzten Jahrhunderts ihre expressive Kraft auch von fernen Vorbildern bezog.

Protagonisten einer entzündlichen Welt

Und einmal mehr bereitet sich die Fondation mit einer Superlative auf den Publikumsandrang vor. Es ist viel mehr da, als der Nachweis einer künstlerischen Revolution vor hundert Jahren erfordern würde – darunter selten gesehene Leihgaben und solche, die seit Jahrzehnten keine Reise antreten durften. Wir spazieren eingangs durch Dorf und Umgebung von Murnau – jener voralpinen Ortschaft, deren Kirchturmspitze und Bergflanken dem kühner werdenden Pinselzug Pate standen. Gabriele Münter, Alexej Jawlensky und Marianne Werefkin sind hier ebenso bestechende Bilder gelungen wie dem prominenteren Kandinsky. Auch mit August Macke begegnen wir einem Wahlverwandten – seine Bilder rufen die lichten Kompositionen französischer Vorbilder in Erinnerung und setzen – wie im Katalog angedeutet – eine möglicherweise ironische Pointe zu Franz Marcs verwundbaren Tierfantasien.

Vor allem aber folgen wir im Hauptstrang dem Wechselverhältnis zwischen Wassily Kandinsky und Franz Marc. Ganze drei Säle leisten grossformatige Gegenüberstellungen. Sie belegen eine Künstlerfreundschaft, die bei allen künstlerischen Unterschieden von freilassendem Respekt gezeichnet war. Ihre Werke scheinen alles aufzunehmen, was die Welt bis 1914 an neuen Klängen, an Dichte und Geschwindigkeit, aber auch an Bedrohung und Entzündlichkeit bereithielt. «Das ganze Werk, Kunst genannt, kennt keine Grenzen und Völker, sondern die Menschheit», formulieren die Freunde.

Das war – damals, im Jahr 1911 – Zukunftsmusik. Heute wissen wir, dass diese Malerei, so frisch sie auch daherkommt, selbst in den Schatten einer Apokalypse geriet, die sie auf der Leinwand ahnend vorwegnahm. Diese historische Unausweichlichkeit steht – bei aller Sorgfalt der kunsthistorischen Würdigung – etwas im Abseits. Doch so ist die Kunstgeschichte, die ihr Bestes zur Schau stellt: Sie muss dem Glauben an die Kraft der Bilder folgen, sie schult das Auge am Glück der Farben, sie dokumentiert die Leistungen der Kunst, indem sie sie feiert.

Fondation Beyeler  bis 22. Januar 2017

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