Theater
Was taugt er noch, der gute alte Brecht?

Ein Festival erinnert an Bertolt Brechts Jahr in der Schweiz. Der Auftakt war vielversprechend

Mathias Balzer
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Brecht reloaded
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Bertolt Brecht Reloaded Samuel Schwarz und die Digitalbühne Zürich reanimieren den Brecht.
Bertolt Brecht Reloaded Samuel Schwarz und die Digitalbühne Zürich reanimieren den Brecht.

Brecht reloaded

Julian Grünthal

Am Freitag, 23. April, im Jahr 1948 traf sich in der Buchhandlung des Zürcher Volkshauses eine illustre Gesellschaft. Die Buchhändlerin Marthe Kauer hatte Bertolt Brecht davon überzeugen können, eine Lesung zu veranstalten. Der deutsche Dramatiker war im November 1947 aus seinem amerikanischen Exil nach Zürich gekommen. In den USA hatte das «Komitee für unamerikanische Umtriebe» die Hetzjagd auf Kommunisten begonnen. Die Schweiz war damals das einzige europäische Land, das Brecht eine Aufenthaltserlaubnis erteilte.

Ein Festival für Bertolt Brecht

Vor 70 Jahren inszenierte Bertolt Brecht in Chur seine Fassung der «Antigone». Das Festival BB18 zeigt dazu im kommenden Herbst Produktionen in Bern, Zürich und vor allem Chur. Das dortige Theater ist Koproduktionspartner und die Freilichtspiele Chur widmen ihr diesjähriges Stück ebenso Bertolt Brecht.
Als Künstler sind unter anderem vertreten: Milo Rau, Ann-Liv Young, Manfred Karge, Bernhard Mikeska und die Gruppen Digitalbühne Zürich und Kraut-Produktion

Brecht selbst las in der «Katakombe», dem Keller der Buchhandlung, nur zwei Gedichte. Die anderen Texte trugen seine Frau Helene Weigel und die Schauspielerin Therese Giehse vor. Der junge Max Frisch hielt eine Rede. Die Buchhandlung sei damals aus allen Nähten geplatzt, hiess es in der Zürcher Presse. Genau dies tat sie auch am vergangenen Montag, am 23. April, 2018, genau 70 Jahre später.

Entwicklung von Erzählformen

Die Digitalbühne Zürich hatte zur Nachinszenierung des denkwürdigen Abends geladen. Die Gruppe um den Regisseur Samuel Schwarz und die Schauspielerin Meret Hottinger ist unter dem Namen 400asa bekannt geworden. Der sperrige Name Digitalbühne steht für ihre Auseinandersetzung mit neuen, durch die Digitalisierung entstandenen Erzählformen. Sie drehen Spielfilme über abgefahrene Game-Welten, wie in dem 2016 erschienen «Polder», oder sie kreuzen trashiges Puppenspiel mit live gesteuerten Avataren, wie im Theaterstück «Polder – Tintagiles».

Das Reenactement der Brechtlesung ist der Auftakt zu dem von ihnen initiierten, in Zürich, Bern und Chur stattfindenden Festival BB18. Es soll einerseits an Brechts Aufenthalt vor 70 Jahren erinnern, vor allem an seine «Antigone»-Inszenierung in Chur (Siehe Kasten).
Andererseits soll aus unterschiedlichsten Blickwinkeln die Gültigkeit von Brechts Theatertheorie verhandelt werden.

Die Theatermacher stellen die Frage, wie Brecht für die Zukunft reaktiviert werden könnte. Mit seinem epischen Theater, einer Form, bei der die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht in der Rolle aufgehen, sondern diese mit Distanz spielen, hat Brecht Generationen von Regisseuren beeinflusst.

Filmset und Volkshochschule

Ein Raum voller Bücher, die sich dem kritischen Gesellschaftsdiskurs widmen: Einen besseren Ort gibt es für eine Hommage an Bert Brecht, wie er sich selbst nannte, kaum. Schwarz und sein Ensemble inszenierten die Hommage an den Meister als lockere, teilweise improvisierte Mischung aus Filmset, Dokumentartheater, Lesung und Volkshochschule – mit Witz und Brüchen.

Der Pfeifenraucher Max Frisch wurde von Meret Hottinger gespielt und kam mit seiner Theorie über das Theater als feminine Kunst arg unter die Räder. Ted Geyer von der Hamburger Band «Die goldenen Zitronen» machte als Brecht mehr Musik als Worte. Die israelische Schauspielerin Hagar Admoni wwurde der Sprachgewalt von Helene Weigel natürlich niemals gerecht.

Von der Geschichte des Arbeitertheaters am linken Ufer der Sihl erzählte der Berner Autor und Brechtforscher Werner Wüthrich. Kaum ein Detail über Brecht in Zürich, das er nicht abgespeichert hat. Darunter auch interessante, wie die Tatsache, dass die Bühne des Volkshauses 1929 mit der Schweizer Erstaufführung von Brechts «Dreigroschenoper» eingeweiht worden ist.

Ob Brecht für das zeitgenössische Theater noch taugt, darauf gab der Abend keine definitive Antwort. Das Festival wird diese vielleicht nachliefern. Die ebenfalls eingeladene Literatur- und Theatertheoretikerin Sylvia Sasse sieht in Brechts Mut zur Gesellschaftskritik einen wichtigen Ansatz. Ebenso in der von ihm entwickelten Form: «Sein episches Theater könnte durchaus eine taugliche Waffe sein gegen das Illusionstheater, dessen lauteste Vertreter mittlerweile ja nicht Schauspieler, sondern Politiker sind.»