Moritz Leuenberger

Was Leuenberger gegen eine Klatschtante hat

Bei der Premiere im Opernhaus Zürich hatte alt Bundesrat Moritz Leuenberger eine Statistenrolle inne. Wie das beim Publikum ankam, darüber streiten sich jetzt der Magistrat und eine Klatschkolumnistin.

Bei der Premiere von «Wilhelm Tell» im Zürcher Opernhaus war alt Bundesrat Moritz Leuenberger in einer Statistenrolle zu sehen. Und zwar gleich in der Auftaktszene. Auf der Bühne: Eine Postauto-Endhaltestelle, ein wunderschöner Panoramablick auf Innerschweizer Berglandschaft. Dann schiebt der Zürcher SP-Politiker und bekennender Liebhaber von Kunst und Kultur, ein mit Akten beladenes altes Fahrrad über die Bühne, fragt, ob auf der daneben stehenden Bank noch ein Platz frei ist, und setzte sich dann auf eine Bank.

Es ist die erste Szene, die der Klatschkolumnistin des «Tages Anzeigers», Hildegard Schwaninger, Anlass zu einer Berichterstattung gibt. In ihrer Kolumne «Notizen zu Namen» schreibt die gebürtige Österreicherin: «In der Pause der Premiere von «Wilhelm Tell» herrschte Empörung beim Publikum, das traditionsgemäss ja mehr die Vermögenden und Schönen als die SP-Wähler sind. Das Champagnerglas in der Hand regten sich die rechtsgerichteten Freunde der schönen Künste unglaublich auf, dass sie hier, im Musentempel, den Mann anschauen mussten, der in ihren Augen so viel Kollateralschäden angerichtet hat. Der Gedanke an bilaterale Kompromisse beim Fluglärm, an Autobahnen, die immer noch nicht gebaut sind und alles, was der Alt-Bundesrat so gemacht hat, hätte ihnen die Freude an der herrlichen «Guillaume Tell»-Ouvertüre gehörig vermasselt. Moritz Leuenberger merkte von der rechtsnationalen Erregung nicht viel. Er setzte sich nach seinem Kurzauftritt in die Direktionsloge, neben seine Frau, Architektin Gret Loewenberg, die mit ihren Ohrringen sehr chic aussah.»

Der Feind der Mehr-Besseren?

Hört sich doch glaubwürdig an, oder? Bereits an anderer Stelle beschrieb die Kolumnistin anlässlich des Apéros des Diogenes-Verlags, wie der einstige Medienminister von der besseren (Geld-)Gesellschaft geschnitten wird.

Leuenberger goutierte diese Zeilen ganz und gar nicht. Er lässt ausrichten: «Die Schilderung von Frau S. über meinen kleinen Auftritt trifft nicht ansatzweise zu. Kein Mensch hat über mich geschimpft.» Frau Schwaninger habe offensichtlich Selbstgespräche geführt und diese in den Pluralis Majestatis gesetzt. In Wien würde man sagen: «Dieses Geschwätz ist so unbedeutend, dass man es nicht einmal ignorieren kann», so Leuenberger.

Und es wurde doch geklatscht

Auch das Opernhaus spricht eine andere Sprache: Das Publikum habe den Auftritt des «berühmten Statisten» begeistert beklatscht, sagt ein Sprecher. Das Kulturmagazin «Scheinwerfer», das auch über die Premiere berichtete, behauptet ebenfalls, der spontane Applaus für Leuenberger sei überaus herzlich gewesen. «Das Publikum hat den kurzen, mit viel Selbstironie inszenierten Auftritt mit grossem Amüsement zur Kenntnis genommen.» Überhaupt hätte man dem gut betuchten Premierenpublikum gar nicht so viel Sinn für Selbstironie zugetraut.» (cls)

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