Marianne Faithfull und ihr Geliebter Mick Jagger waren die Ausnahmen. Die britische Popmusik war die Musik der Working Class, die einzige Hoffnung, um den Fliessbändern zu entrinnen. Doch Jagger und Faithfull kamen aus dem Mittelstand und genossen eine gehobene Bildung.

«Fast alle Leute in der Musikszene kamen damals aus der Working Class», bestätigt Faithfull. «Irgendwie wurde das im Zusammenhang der Musikszene als ehrenhafter und ehrlicher erachtet. Wer aus den anderen Schichten kam, wurde scheel angeschaut.» Während Jagger die «falsche» Herkunft verziehen wurde, geriet Faithfull zwischen die Stühle. Für die Arbeiterschicht galt sie als Eindringling und wurde nie akzeptiert, in der Mittelschicht galt sie als Ausbrecherin, die mit ihrem dekadenten Lebensstil Schande über ihren Stand brachte.

Musik als Karriereoption

Heute würde Faithfull das nicht mehr passieren. Denn Pop und Rock sind längst auch im gehobenen Mittelstand salonfähig geworden. Florence (&The Machines), Eliza Doolittle, Coldplay,
Keane, Elly Jackson (La Roux), The Horrors, Bombay Bicycle Club, James Blunt und Freddie Cowan (Vaccines) sind die aktuellsten Beispiele. Sie alle sind Kinder wohlbetuchter Familien, die sich Privatschulen leisten konnten. An den Privatschulen gehört es heute sogar zum guten Ton, ein bisschen Musik zu machen oder Musik gar als «Karriere-Option» wahrzunehmen.

Grund für die Vorherrschaft der Arbeiterklasse im britischen Pop in den 60er- und 70er-Jahren war die erstaunlich grosszügige Vergabe von Arbeitslosengeldern und Studentenstipendien. Mindestens drei Jahre lang konnten Möchtegernmusikanten einigermassen frei von finanziellen Sorgen einfach drauflosexperimentieren. Kein Erfolgsdruck, keine Verpflichtung. Dieser Situation hat Grossbritannien die überaus reichhaltige Musikszene zu verdanken, von deren Errungenschaften das Land noch heute profitiert. Musik wurde damals zu einem wichtigen Exportgut.

Sparmassnahmen von der Regierung

Der Bruch erfolgte in den 80er-Jahren mit Margaret Thatcher. Ihr radikaler Sparkurs beschnitt Sozialdienste und Künste. Es wurde ungleich schwieriger, mehr als ein paar Monate lang Arbeitslosenunterstützung zu kassieren. Studenten erhalten seither kaum noch Stipendien und müssen beim Staat ein Darlehen aufnehmen, das sie zurückzahlen müssen, sobald sie Geld verdienen.

Diese Situation wird sich durch die jetzt von der konservativ-liberalen Regierung angeordneten massiven Erhöhung der Studienbeiträge noch zuspitzen: Wer mit Musik seinen Lebensunterhalt verdienen will, kann sich keine Experimente leisten. Er muss Musik machen, die er verkaufen kann. Zum Beispiel funktionelle Tanzmusik, bei der nicht die Neuerung, sondern nur der Beat zählt. Oder er kann den Weg zum Erfolg über die diversen Casting-Shows suchen. Im Vorteil sind jene, die auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen können. Auch in der Musikbranche selbst. Wer einsteigen will, muss sich heute in einem langen, unbezahlten Pratikum beweisen. Unmöglich für ein Arbeiterkind. Der obere begüterte Mittelstand hat übernommen.

Musikunterricht nur noch in Privatschulen

Der Vorteil des oberen Mittelstandes gegenüber der Arbeiterklasse zeigt sich auch in der Schule. Während die Staatsschulen heute pro Woche gerade noch ein Pfund pro Kind für die musikalische Bildung ausgeben können, wird in den Privatschulen eine breite Palette von In-strumenten offeriert. Neben Gitarre, Keyboards und Schlagzeug auch Celli, Geigen und Posaunen.
Die musikalischen Auswirkungen dieser Politik sind in der Hitparade bereits abzulesen. Die rotzigen Rockbands - traditionellerweise die Domäne der Working Class Kids - sind verschwunden. Dafür sind überall die folkigen, kammerpoppigen oder theatralischen Klänge zu hören. In der Hitparade, in den Konzerthallen und am Dienstagabend im Pub. Cello, Geige und Posaune prägen die Musik von Laura Marling, Mumford&Sons, Johnny Flynn, The Climbers und Leisure Society. Es ist der Sound der aktuellen britischen Finanzkrise. Doch unterdessen regt sich der Underground. Mittellose Möchtegernmusiker machen eine potente Protestmusik. In besetzten Häusern und Pubs, die aus dem letzten Loch pfeifen, floriert eine neue Punk-Szene. Bands wie Gallows und King Blues haben auch schon den Sprung in die grösseren Konzerthallen geschafft. Craig - einfach Craig - ist Sänger und Songschreiber bei der jungen Band Moral Dilemma. «Trouble ist schon immer gut für die Musik gewesen.» sagt er. «Es ist gesund, dass unsere Generation endlich eingesehen hat, dass die Situation verschissen ist und wir besser etwas unternehmen.»