Kunst

Warum eine antike Sängerin ein Facelifting und ein neues Skelett braucht

© Kunsthaus Zürich

Marmor, Stein und Eisen bricht... Aber damit die Liebe zu einem Kunstwerk ewig hält, haben Museen Restaurierungs-Teams. Im Kunsthaus Zürich wurde jetzt die überlebensgrosse Bronzefigur «Sappho» von Antoine Bourdelle restauriert.

Vergilbte Zeichnungen und krakelige Leinwände an den Museumswänden, verrostete Skulpturen auf den Plätzen: Das stört. Denn Kunst ist teuer – im doppelten Sinn: Wir lieben sie und sie kostete einst viel Geld. Damit diese Werte nicht zerbröseln, sich verflüchtigen und in nichts auflösen, brauchen Kunstwerke Unterhalt. Nicht nur schimmelnde und zerbrechende Schoggihasen-Türme von Dieter Roth im Museum für Gegenwartskunst Basel oder die sich abnützenden Tinguely-Maschinen sind ein konservatorisches Problem. Sondern auch Werke aus scheinbar unendlich haltbaren Materialien. Wie im Schnulzen-Schlager bröckelt selbst Marmor, zersetzen sich Metalle. Sogar die überaus beständige und robuste Bronze.

Den letzteren Fall erlebte das Kunsthaus Zürich in den letzten Jahren mehrfach. Das mächtige «Höllentor» von Auguste Rodin vor der Fassade war nicht nur fleckig, sondern drohte einzustürzen. Denn Bronzeskulpturen werden hohl gegossen und inwendig mit einem Gerüst stabilisiert und verschraubt. Wenn das lottert oder durchgerostet ist, droht der Totalschaden. Das Höllentor war eine der spektakulärsten Restaurierungs-Taten des Zürcher Kunsthauses. Seit 2006 steht es wieder sauber und eindrücklich vor der Fassade. Ja, es wurde gar so weit weggerückt, dass man einen Blick von hinten in die Eingeweide werfen kann – eigentlich sonderbar und falsch, aber aufschlussreich.

Der neueste Fall in Zürich

Nun hat das Kunsthaus Zürich die überlebensgrosse Bronzefigur «Sappho» von Antoine Bourdelle (1861–1929) restauriert. Der grosse französische Bildhauer schuf die nachdenkliche, doch innerlich unter Spannung stehende Figur der antiken Dichterin Sappho 1887. Gegossen wurde das Zürcher Exemplar 1925. Weil «Sappho» mit ihrer Lyra jahrelang draussen im nicht immer angenehmen Zürcher Klima, sass, haben ihr Regen, Luftverschmutzung und die Zeit zugesetzt. Die Bank PNB Paribas hat ihre Restaurierung gesponsert und das Kunsthaus zeigt sie nun stolz – im Verbund mit anderen Figuren und Gemälden. Die Besucher erhalten so eine kleine, aber bestens ausgewählte Kunstgeschichtslektion über die Skulptur und die Frauendarstellung von 1880 bis heute.

Auf den ersten Blick würde man als Besucherin vielleicht gar nicht merken, dass diese Figur eben restauriert wurde. Denn die Patina ihrer Oberfläche changiert weiterhin zwischen grünlich und einigen goldenen Glanzspuren. Doch weg sind Ablagerungen, Schmutz und die hässlichen Flecken des gestauten Wassers. Vor allem aber wurden Korrosionsschäden behoben und die rostigen Eisenschrauben im Innern durch Edelstahlschrauben ersetzt. Fotos in der aufliegenden Broschüre zeigen das, ebenso wie stumpf die Bronze nach der Reinigung gewirkt hat. Nun ist «Sappho» innerlich wieder fit, die Oberfläche gewachst und widerstandsfähig. So kann man der Dame auch wieder die Zürcher Luft zumuten: Geplant ist, sie im zukünftigen Skulpturengarten hinter dem Neubau zu platzieren.

Aufgabe in allen Museen

So wenig wie man als Besucherin die rostigen Schrauben im Innern der «Sappho» wahrnimmt, so wenig merkt man im Normalfall von den Restaurierungen, die das Konservatoren-Team des Kunsthauses unter Leitung von Hanspeter Marty leistet. 480 Stellenprozent und jährlich 670 000 Franken setzt das Kunsthaus ein.

Nachfragen in den Museen von Basel, Bern und Aarau zeigen: Restaurierungen sind überall Pflicht. Im Kunstmuseum Bern wendet das Team von Nathalie Bäschlin (295 Stellenprozent) etwa je einen Drittel seiner Zeit für den Unterhalt der Sammlung, für Leihgaben und für Kurierreisen mit Werken ein. 500 Stellenprozent setzen das Kunstmuseum und das Museum für Gegenwartskunst Basel ein, im Aargauer Kunsthaus teilen sich zwei Konservatoren 100 Stellenprozent, einiges werde aber auch ausserhalb dieses Etats geleistet, sagt Restaurator Willy Stebler. Die Fondation Beyeler hat für ihre 250 Meisterwerke 280 Stellenprozent für Restaurierungen.

Zentrale Aufgabe für alle Teams ist die Vorbereitung von Werken für Ausstellungen. Vor allem wenn sie an andere Museen ausgeliehen werden. «Sie werden auf ihre Leih- und Reisefähigkeit angeschaut. Diese Arbeiten nehmen mit der grossen Ausleihtätigkeit immer mehr überhand», stellt Hanspeter Marty fest. Wertvolle Werke werden von den Konservatoren verpackt, begleitet, am Zielort ausgepackt und platziert. An jeder Station wird protokolliert, damit man es wieder heil zurückerhält – oder im Schadensfall Regress nehmen kann.

Systematisch die ganzen Depots durchkämmen kann kein Museum. Wie trifft Hanspeter Marty in Zürich die Auswahl? «Erste Priorität hat die Substanzerhaltung, wenn zum Beispiel Farbe aufsteht oder ein Teil abzufallen droht.» Zweitens gelte es «starke ästhetische Einschränkungen zu behandeln, also Verfärbungen oder alte, gegilbte Firnisse». Und dann gebe es kleine Eingriffe wie Oberflächenreinigung oder bessere Rahmen und Verglasungen. Und sein spektakulärster Fall? «Die beiden gestohlenen und wieder zurückgekommenen Werke aus der Sammlung E. G. Bührle, Cézannes ‹Knabe mit der roten Weste› und Degas’ ‹Graf Lepic und seine Töchter›.»

Generell gilt das Augenmerk den Hauptwerken: In Aarau sind die Bilder des frühen Alpenmalers Caspar Wolf ein Langfrist-Projekt. Im Kunstmuseum Bern will man die Tafelbilder des bedeutenden Berner Malers Niklaus Manuel systematisch konservieren. Und bei Beyeler ist «Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope» von Henri Rousseau an der Reihe.

Restaurieren gleich erforschen

Das Basler Privatmuseum macht einzelne Restaurierungen gar zum Thema für Besucher. Die riesige Papierschnitt-Arbeit «Acanthes» von Henri Matisse wurde in einem verglasten Atelier restauriert. Man konnte zuschauen und beim nächsten Besuch die Fortschritte beobachten. Drei Jahre dauerte diese Restaurierung. Denn bevor die Fachleute Hand anlegen, müssen sie nicht nur die Schäden, sondern auch Materialien – Farbe, Träger, Leime, Leinwände, Grundierungen, Firnisse, Lacke – untersuchen. «Das ergibt neue Erkenntnisse über die Arbeitsweise der Künstler, und andere Konservatoren können von unseren Resultaten profitieren», sagt Markus Gross, Leiter der Restaurierungsabteilung. In Zürich war die Untersuchung der Gipse von Alberto Giacometti ein Gross-Projekt und in Bern führte der Transport eines überaus fragilen Gemäldes von Paul Klee gar zu einem Forschungsprojekt über neue Transportmöglichkeiten.

Was ist ursprünglich? Was hat sich im Laufe der Zeit verändert? Das sind die wichtigsten Fragen der Konservatoren. Sie müssen entscheiden: Welchen Zustand stellen wir wieder her? An der Frage, wie strahlend darf ein Gemälde wieder werden, entzündeten sich nicht nur vor Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle oder vor Rembrandts «Nachtwache» hitzige Diskussionen. Bei der Zürcher «Sappho» etwa vermutet Hanspeter Marty, dass sie ursprünglich bräunlich patiniert war. Das Dunkelgrün sei eine typische Verfärbung und die Goldspuren, seien nicht original. Und doch hat man sie belassen, denn solche Spuren gehören untrennbar zur Geschichte eines Werkes. Wie die Fältchen in unserem eigenen Gesicht.

Antoine Bourdelle. Sappho. Kunsthaus Zürich, bis 6. Juli.

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