Illustrator

Warum die Brüder Grimm auch Aargauer sind

«Die sieben Raben» zählt zu seinen berühmtesten Illustrationen: Felix Hoffmann gehört zu den bedeutendsten Schweizer Bilderbuchkünstlern des letzten Jahrhunderts. NordSüd-Verlag

«Die sieben Raben» zählt zu seinen berühmtesten Illustrationen: Felix Hoffmann gehört zu den bedeutendsten Schweizer Bilderbuchkünstlern des letzten Jahrhunderts. NordSüd-Verlag

Alle kennen ihn, wenn nicht namentlich, dann in der Erinnerung an seine Märchenillustrationen. Nun entreisst ein neues Buch den beliebten Illustrator Felix Hoffmann dem Vergessen

Streng genommen sind die Märchen der Brüder Grimm ein Aargauer Exportprodukt. Wenn das «Rotkäppchen» oder «Der Wolf und die sieben Geisslein» auch in Japans Kinderzimmern angekommen sind, ist das vor allem das Verdienst von Felix Hoffmann (1911–1975). Der gebürtige Aarauer fand als Illustrator jahrzehntelang über die Landesgrenzen hinaus Resonanz. Nun fasst der Nordsüd-Verlag sieben bebilderte Märchen in einem Buch zusammen: «Hans im Glück» ruft mit dem stolzen Reiter auf dem Cover jenes Märchen in Erinnerung, mit dessen Erstausgabe Felix Hoffmanns Laufbahn 1975 zu früh ein abruptes Ende fand.

«Als Bilderbuchkünstler habe ich keine andere Absicht, als den Kindern eine Geschichte zu erzählen und ihnen eine Freude zu machen», wird Hoffmann postum zitiert, «vor allem habe ich keine pädagogische Hinterlist.» Den Weg zur Märchenwelt habe er wie von selbst gefunden. Wann alles angefangen habe, weiss sein Schwiegersohn Peter Grendelmeier genau. Als sein Töchterchen wegen Keuchhusten seinen neugeborenen Bruder nicht besuchen durfte, habe der junge Vater sie Abend für Abend mit einer fortlaufenden Bildgeschichte überrascht. Hoffmanns Ur-Wolf und seine Ur-Geisslein waren der Trost, der das Mädchen vor Eifersucht schützte und ihn selber tun liess, was er am besten konnte: «Den Kindern ein Erlebnis schenken.»

Kindern ein Erlebnis schenken

Bis es zu einer ersten Veröffentlichung der höchst privat motivierten Zeichenkunst kam, sollte es Jahre dauern. Zwischen 1949 und 1975 erschienen von «Rapunzel» bis zum «Hans im Glück» insgesamt neun Märchenbücher – fast alle beim Verlag Sauerländer, der die Rechte später an Hoffmanns Erben zurückgab. Diese hätten sich gefreut, «dass ein Schweizer Verlag die Bücher wieder veröffentlichen will und auch bereit ist, die Kosten für die Umsetzung zu übernehmen», sagt Verleger Herwig Bitsche. «Nun vertritt der Nordsüd-Verlag die Rechte an den Bildern weltweit.»

Geschichten prägen sich als Bilder ein: Hinter Dornröschen steht der fürsorgliche König, der offensichtlich alles daransetzt, dass seinem zierlichen Kind jeder Drohung zum Trotz nichts zustösst. Die Ziegenmutter trägt eine gestreifte Schürze, sie kann weinen und ist im Notfall auch bereit zur List. Und wer bis ans Ende der Welt gehen muss, wie die Schwester der verzauberten sieben Raben, quert mutig Hell und Dunkel und wird zu einem Punkt am Horizont. Und wahrscheinlich wäre der «Däumling» in Vergessenheit geraten, wenn nicht seine winzige blaue Latzhose im Ohr des Pferds ein so klares Bild über die Wirkungsmacht der kleinen Geste abgäbe. Als Kind war einem der Name des Illustrators einerlei – Hauptsache, es waren Personal und Requisiten da, die den Text glaubhaft und reich machten. Aus zeitlicher Distanz wissen wir: Felix Hoffmann war der Illustrator, der bei aller Liebe zum Detail das Wesentliche im Auge behielt: Wachsendes Gestrüpp stiehlt dem Küchengehilfen im Tiefschlaf die Mütze, und die ausgestreckte Hand des Kochs holt zur Ohrfeige aus – doch Hauptsache bleibt der Kuss, der die Prinzessin – hier und jetzt – aus dem hundertjährigen Schlaf erlöst.

Klassiker unter den Grossen

Es gibt andere Zeichner, die das Kinderbuch aus der Schweiz in den deutschsprachigen und internationalen Raum ausstrahlen liessen: Alois Carigiets «Schellen-Ursli» (1945) etwa macht bis heute die jüngste Leserschaft mit dem Unterengadiner Dorfleben vertraut, Hans Fischer schürte mit «Pitschi» (1948) die kindliche Identifikation mit einem Kätzchen, das seinen Platz in der Welt suchen muss. Kein anderer seiner Generation jedoch hat sich so intensiv wie Felix Hoffmann der klassischen Überlieferung zugewandt. Dramen und Glück auch der eigenen Zeit wusste er in der grossen Literatur aufgehoben, in antiken Sagen fand er ebenso Anregung wie im Alten Testament oder eben im Märchen, das Mut, Demut, Dankbarkeit und Beharrlichkeit mit Frieden beantwortet.

Geborgen im Kreis der Familie

Als einen «Chrampfer» charakterisiert Grendelmeier den Schwiegervater, nach Hoffmanns Persönlichkeit gefragt. Anders hätte er die vielen Aufträge, die ihm für Lehrmittel und darüber hinaus für Schulhauswände oder für die Gestaltung von Kirchenfenstern anvertraut wurden, gar nicht realisieren können. Grendelmeier denkt zurück an einen, der abends das Musizieren im Kreis der Familie gegenüber öffentlichen Anlässen bevorzugt habe. Nun lebt sein leises Wesen weiter – nicht nur für seine Enkel und Urenkel, sondern für alle nostalgischen Erzähler und nachgeborenen Liebhaberinnen des illustrierten Kinderbuchs.

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