William Shakespeares Leben in Stratford-upon-Avon ist gut dokumentiert. Er hatte ein Haus gekauft, Steuern hinterzogen, er war Schauspieler und Theatermitbesitzer. Aber für das Wichtigste, seine Urheberschaft der weltliterarischen Grosstaten «Hamlet», «Romeo und Julia», gibt es keine Belege. Shakespeares Testament erwähnt weder Manuskripte noch Bücher, und es gibt keine Korrespondenz über Aufführungen, Publikationen oder Honorarzahlungen. War Shakespeare vorgeschobene Figur, verbarg sich der wahre Autor dahinter?

Auftrieb erhalten solche Spekulationen durch den Kontrast zwischen der unglaublichen Bildungsfülle des Werks und dem Leben Shakespeares. Wie soll sich der Sohn eines Handschuhmachers aus der Provinz, der keinen Zugang zu höheren Kreisen hatte, das ungeheure Wissen über Geschichte, Geografie, Kriegswesen, Astronomie, Musik, Sprachen oder das höfische Leben angeeignet haben, von dem seine Dramen durchdrungen sind? So wurden immer wieder angeblich besser qualifizierte Kandidaten für die Urheberschaft vorgebracht, etwa Shakespeares Dichter-Rivale Christopher Marlowe, der Philosoph Francis Bacon oder der Graf Edward de Vere.

Die zuweilen fanatisch geführte Debatte schwelt seit 200 Jahren. Erst kürzlich erhielt sie einen neuen Impuls. Der zwingendste Grund, den jemand haben konnte, sich als Bühnenautor hinter einem Pseudonym zu verstecken, wäre, weiblich zu sein. Frauen hatten im Theater der Tudor-Zeit nichts zu schaffen – weder auf der Bühne noch als Autorinnen.

Der Bezug zu Venedig

Die Kritikerin Elizabeth Winkler hat nun in der US-Zeitschrift «The Atlantic» einer bisher wenig beachteten Figur zu Aufmerksamkeit verholfen – und sich steifem Gegenwind ausgesetzt. Die Autorin der Tragödien, Komödien und Historiendramen soll Emilia Bassano geheissen haben. Die Frau passt tatsächlich verblüffend gut ins Bild. Sie stammte aus einer venezianischen Familie: Viele Shakespeare-Stücke spielen in Venedig und in Italien. Die Bassanos waren wohl konvertierte Juden: Shakespeares Shylock ist ein bewegendes Plädoyer gegen den Antisemitismus. Die Bassanos waren eine Musikerdynastie: Damit wäre das enorme musikalische Wissen etwa im «Mittsommernachtstraum» erklärt.

Nicht zuletzt war Emila Bassano die Mätresse eines Cousins der Queen – und fiel tief, als sie, geschwängert, in einer lieblosen Ehe versorgt wurde: Sie hatte Einblick ins höfische Leben und kannte die Erniedrigungen einer aufgezwungenen Heirat.

Die These wird umso faszinierender, je genauer man sich die Geschlechterthemen bei Shakespeare anschaut. Bereits seine erste Publikation, das Langgedicht «Venus and Adonis», verblüfft mit einem Rollentausch in einer Verführungsgeschichte. Venus ist begierig auf Adonis und drängt sich ihm auf. Nein heisst Nein? Nicht für Venus.

Shakespeares Dramen sind gespickt mit starken Frauenfiguren, die sich der Gewalt und Unvernunft der Männer in den Weg stellen und unerschrocken für die Achtung und Gleichbehandlung der Geschlechter aussprechen. Eine der bewegendsten von ihnen heisst – Emilia. Als Ehefrau von Iago und Freundin von Desdemona überlebt auch sie den letzten Akt von «Othello» nicht. Sie kämpft nicht nur für ihre Freundin, sondern für alle unterdrückten Frauen und fordert die Gleichstellung der Eheleute.

Die vereinten Kräfte der Frauen gegen die Machenschaften der Männer werden auch in «Die lustigen Weiber von Windsor» beschworen. «Let’s consult together against this greasy knight», sagen sich die Frauen, welche Falstaffs Übergriffe satthaben: Beraten wir uns miteinander gegen den schmierigen Typen! Sie legten Falstaff endlich das Handwerk, so wie später die Hollywood-Schauspielerinnen Harvey Weinstein.

Shakespeare hat viele historische Stoffe so bearbeitet, dass Frauen grössere Rollen spielen, und die Ereignisse werden auffallend häufig durch weibliche Charaktere gesehen, reflektiert und kritisiert. Nicht zuletzt treten oft Frauen als Männer verkleidet auf und stiften lustvoll Geschlechterverwirrung.

Die These einer weiblichen Autorschaft passt also hervorragend zu einem Werk, dass durchweg mit grossem Einfühlungsvermögen in die geringgeschätzte und rechtlose Stellung der Frau und in die weibliche Wahrnehmung verfasst ist. Shakespeare als Transvestitin, das wäre eine grossartige Pointe!

Die Vorstellung von Shakespeare als Frau hat allerdings das Zeug, Weltbilder wackeln zu lassen. Shakespeare ist das Genie schlechthin, und der Geniebegriff ist männlich besetzt. Wenig erstaunlich also, dass auf Winklers erfrischenden Debattenbeitrag die geharnischte Kritik nicht lange auf sich warten liess. Dominic Green vom US-Magazin «Spectator» warf die Bassano-These gleich in den Topf der Verschwörungstheorien und machte auf allerlei Schwachstellen in Winklers Indizienprozess aufmerksam. Green hat nicht ganz unrecht festzustellen, dass sich jedes Zeitalter den Shakespeare schafft, den es braucht. Shakespeare als jüdische Feministin mit Migrationshintergrund: Das ist es nun für unsere heutige Zeit.

Leistung steht im Vordergrund

Mag sein, dass die Emilia-Bassano-Theorie nicht schlüssiger ist als andere – auch nicht als jene, dass der Schauspieler aus Stratford-upon-Avon die Stücke eben doch selber geschrieben hat. Letzte Gewissheit wird es wohl nie geben. Doch das spielt auch gar keine Rolle. Das Werk, das unter dem Namen Shakespeare läuft, ist von einem immensen Einfühlungsvermögen geprägt: in Frauen, aber auch in andere unterdrückte Bevölkerungsgruppen wie Fremde, Dunkelhäutige, Behinderte und Andersgläubige. Diese Leistung ist immens, ob sie nun von einem Mann oder einer Frau erbracht wurde. Doch es kann nicht schaden, sich den Menschen hinter all diesen Figuren auch einmal als Frau vorzustellen, die manche geschlechterspezifische Erfahrung vielleicht am eigenen Leib machen musste.