Montagsinterview

Walter Andreas Müller: «Ich kann wahnsinnig viel – aber ich kann nichts richtig»

Walter Andreas Müller sieht sich politisch interessierten Menschen, der zwischen links und rechts schwankt: «Nur wenn ich nicht klar zu verorten bin, habe ich die Freiheit, jedem Politiker ans Schienbeintreten zu können.Chris Iseli

Walter Andreas Müller sieht sich politisch interessierten Menschen, der zwischen links und rechts schwankt: «Nur wenn ich nicht klar zu verorten bin, habe ich die Freiheit, jedem Politiker ans Schienbeintreten zu können.Chris Iseli

Walter Andreas Müller – kurz WAM – ist der wohl beliebtestes Schweizer Schauspieler. Ein Gespräch über Globi, Homosexualität und die Glatze von Bundesrat Alain Berset.

Sie mögen das Wort «Volksschauspieler» nicht. Wieso?

Walter Andreas Müller: Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen. Was ist ein Volksschauspieler? Ist das einer, der vom Volk auserwählt wurde? Oder ist es einer, der «nur» Boulevard-Theater fürs Volks spielt und nicht fürs gehobene Theaterpublikum? Natürlich weiss ich, dass zum Beispiel Ruedi Walter sich diesen Titel hart erarbeitet hat, aber heute geht man sehr inflationär mit dem Begriff um. Er hat an Wert verloren.

Aber wenn er auf jemanden zutrifft, dann auf Sie. Sie begleiten den Deutschschweizer von den Windeln bis in den Sarg.

Ja, wenn man wie ich bald 50 Jahre auf der Bühne steht, wird man wohl automatisch zum Volksschauspieler. Vielleicht ist es ja eine Bezeichnung für die Ablaufzeit eines Schauspielers (lacht).

..

Das ist jetzt sehr bescheiden. Gerade der Erfolg von Globi ist ja gewaltig.

Globi ist ein Phänomen. Der wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Erst vor kurzem lief mir in Winterthur eine Mutter mit ihrem Kind hinterher und sagte immer wieder: «Schau, da ist der Globi». Und das Kind antwortet «wo, wo, wo?». Als es dann verstand, dass ich gemeint war, sagte es: «Was, dä alt Maa isch de Globi?»

Aber es sind nicht nur die Globi-Hörbücher, es ist auch die Satire-Sendung Zweierleier, ihre Politiker-Parodien...

Ich hatte einfach Glück, dass ich das Leben lang breit gefahren bin.

Alles nur Glück?

Es liegt an meiner breiten Palette. Ich kann wahnsinnig viel. Aber ich kann nichts richtig. Ich kann parodieren, ernste Rollen spielen, Musical singen und so weiter. Deshalb bin ich bei Gross und Klein präsent. Und ja, Ich habe mir über die Jahre einen gewissen Status erspielt. Aber es gibt keinen Grund, darauf stolz zu sein. Ich bin keine Ausnahmeerscheinung. Ich übe einen Beruf aus, wie alle anderen auch. Ich bin ein Mensch, der seinen Job gut machen will. Nicht mehr. Ich hasse den Begriff Star.

Gibt es eigentlich einen roten Faden, der sich durch ihr Schaffen zieht?

(zögert) Eigentlich nicht. Es gibt keine grade Linie. Es entwickelte sich immer eines aus dem anderen. Aus dieser Erfahrung heraus wurde ich auch nie wütend, wenn Projekte mal endeten.Als zum Beispiel das Radio beschloss «Zweierleier» abzuschaffen, interpretierte die Presse Wut in meine Reaktion. Fälschlicherweise. Nach 28 Jahren muss etwas Neues kommen, das ist doch klar. Auch als «Classe Politique» abgeschafft wurde, schrien manche Zeter und Mordio. Eines habe ich gelernt: Es geht immer wieder ein neues Türchen auf.

Und trotzdem ist ihre Präsenz am Bildschirm nicht mehr so hoch....

...natürlich nicht, ich bin 70.

Menschen, die lange im TV waren, erleiden manchmal Entzugserscheinungen, wenn sie nicht mehr so oft am Bildschirm sind.

Ich glücklicherweise noch nicht. Weil bei mir einfach immer so viel läuft. Ich muss ja dauernd bremsen. Diese verhältnismässig kleine aber wunderbare Rolle in «Sugar – manche mögen’s heiss» an den Thunerseespielen ist fast schon ausspannen. Im September spiele ich in St. Gallen wieder im «Don Camillo und Peppone». Heute Morgen kam ein neues Manuskript für ein Globi-Hörspiel, das muss ich im Januar produzieren. Dann präsentiere ich den Loriot-Text von «Karneval der Tiere» bei einem Konzert im KKL Luzern...

Sie müssten eigentlich gar nichts, Herr Müller. Sie könnten alles absagen

Ja, mein Steuerberater sagt immer: «Hör mal auf zu arbeiten und verpulvere Dein Geld! Für wen krampfst Du eigentlich?»

Ja, für wen?

Für mich. Es ist mein Leben. Ich sehe mich nicht den ganzen Tag in einem Liegestuhl. Ich brauche diesen Motor.

..

Wie kamen sie eigentlich zur SRG?

Als ich 1972 aus Deutschland in die Schweiz ans Theater Winkelwiese in Zürich zurückkehrte, ging ich davon aus, dass ich eine Karriere im seriösen Theater machen werde. Wir spielten damals die verrücktesten Experimental-Inszenierungen. Von Fassbinder bis Sophokles. Aber ich musste halt auch Geld verdienen und meldete mich deshalb beim Radio als Sprecher. Da kam ich dann in Kontakt mit all den Menschen aus der leichten Unterhaltung: Hans Gmür, Kurt Felix und so weiter.

Wie war es 1972 nach Zürich zurückzukommen?

So paradox es klingt, es war viel grösser und breiter als in Deutschland. Ich kam als blutjunger Schauspieler nach Deutschland. Als Stadttheaterschauspieler war ich in einem Käfig. Ich musste spielen, was man mir gab. Manchmal drei Stücke parallel. Im letzten Jahr in Bielefeld merkte ich, dass die Leute gar nicht wussten, was sie mit mir anstellen sollten. Ich bin ein schwer einsetzbarer Typ.

Wieso?

Ich spielte anfangs oft Buben wegen meiner Grösse. Aber ab einem gewissen Altern kann man keine Buben mehr spielen. Und mich als Liebhaber in Don Carlos einzusetzen, da hätte schon einen sehr verrückten Regisseur gebraucht. Ein Schauspiellehrer sagte mir dann etwas, was mir nie mehr aus dem Kopf ging: «Walter, deine grosse Zeit kommt nach 50». Ich dachte: Um Gottes willen, was mach ich bis dann? Aber er hatte Recht.

1978 spielten Sie als Schauspieler in einem Einspieler der «Telearena» mit beim Schweizer Fernsehen mit.In der Sendung ging es um Homosexualität. Es gab einen Aufschrei.

Ja, es gab einen riesen Wirbel, weil Homosexualität damals immer noch ein unglaubliches Tabu-Thema war. Der Schauspieler und Schriftsteller Alexander Ziegler war damals als grosser Vorzeigeschwuler eingeladen. Regie bei den Einspielern führte Xavier Koller und Matthias Gnädinger spielte einen Bar-Mann in einer Schwulenbar.

Ihr öffentliches Coming-Out kam aber erst viel später. Obwohl Sie seit fast 30 Jahren mit ihrem Partner zusammenleben. Wieso?

Es war eigentlich gar kein Coming-Out. Ich finde es auch nach wie vor ein sehr unwichtiges Thema. Irgendwann griffen es die Medien halt auf. Aber natürlich finde ich es wunderbar, vor allem auch für die Jungen, dass heute bei diesem Thema eine grosse Akzeptanz und Offenheit in der Bevölkerung da ist. Die spürte ich und spüre ich. Das macht es mir auch sehr einfach, darüber zu reden. Früher tat ich das nicht gern.

Sie bezeichneten sich in einem Interview mal als Mitte-Links-Menschen. Was ist das?

Ein politisch interessierter Mensch, der zwischen links und rechts schwankt. Ich versuche, politisch zu lavieren. Ich sehe auch bei einem Christoph Blocher Dinge, die ich unterschreiben kann und anderes finde ich hahnebüchen. Genau gleich passiert es mir auf der linken Seite. Nur wenn ich nicht klar zu verorten bin, habe ich die Freiheit, jedem Politiker ans Schienbein treten zu können.

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Sie haben Sepp Blatter aber für das Hilfswerk Solidar Suisse parodiert. Das ist ein politisches Bekenntnis.

Ja, das war es. Ich bezog hier politisch Position. Aber ich habe mich zuvor sehr seriös mit der Sache auseinandergesetzt. Ich wollte ganz genau wissen, in welchem Kontext dieser Spot erscheint. Ich bin misstrauisch auf Grund einer schlechten Erfahrung.

Welche denn?

Ich habe mal für Media Markt Werbung gemacht. Ich tat es primär wegen des Geldes, das sage ich ganz ehrlich. Aber manche Leute fanden es nicht witzig. Die Reaktionen waren teilweise heftig. Deshalb wollte ich es bei Solidar Suisse ganz genau wissen. Die Umsetzung fand ich subtil und korrekt. Eine Klage der Fifa hätte ich mir nicht leisten könnten.

Ist es einfacher, einen Politiker zu parodieren, der einem unsympathisch ist?

Überhaupt nicht.

Aber ist man nicht bösartiger, wenn man den Politiker nicht mag?

Ich finde nicht, dass Satire bösartig sein muss. Sie soll angriffig sein. Aber wir versuchten nie, eine Person in die Pfanne zu hauen. Mit «wir» meine ich in erster Linie die Autoren. Ich bin ja ein rekreativer Künstler, der Material braucht, um zu arbeiten und nicht selber schreibt. Ich habe noch von keiner der parodierten Persönlichkeiten eine negative Reaktion eingefangen.

Sie haben während dreissig Jahren die mächtigsten Politiker des Landes imitiert. Wie unterscheiden sich die Politiker von früher von denen heute?

Grundsätzlich dünkt es mich, die Politiker hätten früher mehr Ecken und Kanten gehabt. Ein Kurt Furgler, der hatte diese wunderbare «Müüli», Flavio Cotti seine Brille und seine eigenwillige Frisur, Bundesrat Schmid den Schnauz und die spezielle Art zu sprechen. Da waren Farben und Konturen. Wenn ich einen Alain Berset parodieren müsste, dann fällt mir spontan nur das Lispeln ein oder die Art und Weise wie er die Oberlippe reinzieht, aber sonst ist da nix. Herr Burkhalter ist ein fantastischer Aussenminister und schön, aber Schönheit kann man nicht imitieren. Und Maurer ist besetzt durch Viktor Giacobbo.

Schneider-Ammann?

Der geht! Hab ich auch schon ein paar Mal gemacht.

Wann haben sie diese Gabe entdeckt?

Während Adam und Eva Chifler, die ich mit Ursula Schaeppi spielte in der Sendung «Traumpaar» Ende der 80er-Jahre spielte. Immer während der Sommerpause der Sendung schnitt ich den Schnauz ab. Irgendwann liess ich ihn nicht mehr wachsen. Und als die Dreharbeiten wieder begannen, fiel uns plötzlich mein Gummigesicht auf. Meine sehr flexible Mimik war vom Schnauz verdeckt gewesen. Vom Schnauz befreit entwickelte ich die Figur des Kurt Furgler.

Mögen Sie eigentlich Ihre Nachfolger beim SRF?

Ich finde was Fabian Unteregger und Michael Elsener machen hervorragend. Anfangs hatte ich meine Vorbehalte, weil ich sagte: Das sind Stimmenimitatoren. Birgit Steinegger und ich versuchten, den Menschen auch optisch gerecht zu werden und in die Figuren rein zu schlüpfen. Aber mittlerweile erschaffen beide Fabian und Michael ebenfalls wunderschöne Figuren. Das macht mir grossen Spass. Da ist keinerlei Neid.

Ab dem 13. Juli spielen Sie im Musical Sugar die Figur des alten Millionärs Osgood Fielding, die im Orginalfilm,«Manche mögens heiss» mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon ebenfalls von einem Komiker gespielt wurde. Von Joe E. Brown.

Einem fantastischen Komiker. Für mich war sofort klar: Ich kann keine Kopie von Brown spielen. Ich habe den Millionär, zusammen mit dem Regisseur, schlussendlich aus mir geschöpft. Ich spiele einen jugendlichen, aktiven Millionär. Eigentlich spiele ich mich selber.

Einen Rolls-Royce haben sie ja auch im wahren Leben.

Ja, einen Oldtimer, Jahrgang 1978! Das einzig was ich noch nicht habe ist eine Jacht. Aber daran kann ich ja nocharbeiten... (lacht).

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