Henning Mankell
Wallanders letzter Fall fährt ein

Heute erscheint «Der Feind im Schatten» von Henning Mankell. Es ist der letzte Krimi mit dem überaus erfolgreichen Kommissar Wallander.

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Wallanders letzter Fall fährt ein

Wallanders letzter Fall fährt ein

Arno Renggli

Wieso triffts immer die Besten? Der Tod von Winnetou war für mich ein Kindheitstrauma. Und als jugendlicher Agatha-Christie-Fan geriet ich plötzlich an einen Krimi, in welchem Hercule Poirot starb. Immerhin tauchte Winnetou in weiteren Filmen wieder auf, und von Agatha Christie hatte ich damals noch nicht alles gelesen, sodass ich Poirot weiter begleiten konnte. Doch jetzt ist es schlimmer.

Ich habe Kommissar Wallanders letzten Fall gelesen. Und da ich zuvor alles mit Wallander verschlungen habe, ist es für mich tatsächlich der letzte Fall. Nein, Wallander stirbt nicht, es ist eher noch übler. Die zwei letzten Absätze des Buches sind gnadenlos, aber mehr verraten werden soll hier nicht.

Zugegeben, ich bin bewegt. Und erinnere mich, wie ich Ende der Neunzigerjahre erstmals einen Krimi von Henning Mankell las. Es war «Mittsommermord», nach «Die fünfte Frau» der zweite, der auf Deutsch erschienen war, nachher sollten im Sog des Erfolgs weitere, auch früher geschriebene folgen. Mein erster Wallander war wie eine Erleuchtung; das war eine andere Kategorie als alle Krimis, die ich gelesen hatte. Und ich hatte schon viele gelesen.

Mankells Erzählart, langsam, behutsam, präzise, atmosphärisch, packte mich. Und da war diese Hauptfigur, die so anders war als die üblichen Krimihelden. Ein Mann mittleren Alters, geschieden, übergewichtig, undiszipliniert, oft hadernd mit sich und einer alles andere als heilen Welt. Kein Genie wie Sherlock Holmes oder Poirot, aber mit der Mischung aus Intuition und Hartnäckigkeit, die ihn komplexeste Fälle lösen liess. Fälle mit psychologischer Tiefe und einer Realitätsnähe, die dem Zufall Raum gab und am Ende auch unbeantwortete Fragen zuliess.

Wallander begleitete mein Lesen fortan. Auch wenn mich manch anderes begeisterte: Ein neues Wallander-Buch in den Händen zu halten, war stets etwas Besonderes. Enttäuscht wurde ich nie, vielleicht mit Ausnahme von «Der Mann, der lächelte». Wallander blieb die Messlatte, auch für andere skandinavische Krimiautoren, die im Sog Mankells bei uns bekannt und geschätzt wurden: Åke Edwardsson, Håkan Nesser, Jo Nesbø und weitere. Jetzt, mit dem letzten Wallander-Krimi, hat es Mankell nochmals allen gezeigt.

Damit ist schon gesagt, dass dieses Buch gut ist. Und trotzdem sei es nur Wallander-Kennern empfohlen. Für alle anderen ist es schade, gleich mit diesem Buch einzusteigen. Nicht nur, weil es sich immer wieder auf frühere Fälle Wallanders bezieht. Sondern einfach, weil es für die Annäherung an die Figur besser ist, mit dem einen oder anderen früheren Fall zu beginnen (siehe Box).

Die Story im neuen Buch: Wallanders Tochter Linda eröffnet ihm, dass sie schwanger ist, und schleppt ihn zudem zum Geburtstagsfest ihres Schwiegervaters mit. Dieser ist ein hoch dekorierter ehemaliger U-Boot-Kommandant. An der Party vertraut er Wallander ein Geheimnis an: In den Achtzigerjahren drangen mehrmals fremde U-Boote in schwedische Hoheitsgewässer ein. Doch bevor man sie zum Auftauchen zwingen konnte, entkamen sie auf mysteriöse Weise oder wurden gar durch Befehle von oben «beschützt». Der alte Ex-Kommandant wittert Landesverrat. Doch bevor es zu einem zweiten Treffen mit Wallander kommt, verschwindet der alte Mann. Seine Frau bittet Wallander um Hilfe, und der merkt bald, dass die Familie mehr als ein Geheimnis hat. Da verschwindet auch die Frau.

«Der Feind im Schatten» ist ein hochklassiger Krimi, brisant, mit überraschenden Wendungen und einem Wallander, der als Fahnder nochmals alle Register zieht. Zudem erfährt man viel Persönliches über ihn. Die Schatten der Vergangenheit kommen nicht nur in Form von U-Booten und Kaltem Krieg, sondern auch über Wallander selbst. Seine Todesahnung, die sich am Ende indirekt erfüllt, verleiht dem Buch zusätzliche Emotionalität. Ein würdiger Abgang für eine grosse literarische Figur. Dennoch: Einfach schade, dass er geht.

Henning: Mankell: Der Feind im Schatten. Zsolnay, 529 Seiten,
Fr. 44.10.

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