Sie war lange Jahre nicht mehr ganz dicht, die Casa Anatta. Es tropfte durchs Dach, es gammelte in den Zimmern, Spinnen und andere Viecher machten es sich gemütlich. Diese Art von Naturnähe war dann doch nicht ganz im Sinne ihrer Erfinder.
Nudisten, Veganer, Anarchisten, Kommunisten, Theosophen – Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts probierten hier auf dem Monte Verità verschiedene Aussteiger- und Künstlertypen neue Lebensmodelle aus.

Sie suchten auf dem Hügel über Ascona ein einfaches Paradies auf Erden. Ohne Komfort lebten sie in der Casa Anatta und weiteren Holzhäuschen, ihren Lichtlufthütten. Nacktbaden und Eurythmie in weisser, wallender Kleidung gehörte bei vielen zum Lebensstil. Das ist nicht nur eine Fantasie der fernen Städter, wie Schwarz-Weiss-Fotos festhalten.

Acht Jahre geschlossen

Solche Fotos sowie Gemälde, Objekte und Dokumente aus jener Zeit machen den grössten Teil von Harald Szeemanns Ausstellung «Die Brüste der Wahrheit» aus – Le mammelle della verità. Sie eröffnete 1978 in der Casa Anatta und wanderte dann nach Zürich, Berlin, Wien und München. Nun wird sie ab Samstag an ihrem Ursprungsort im Urzustand wieder zu sehen sein: originalgetreu rekonstruiert im originalgetreu restaurierten Haus. Ein Museum im Museum. Man sieht nun kaum, dass etwas an der Casa Anatta gemacht worden ist. Genau das war das Ziel. «Alles soll so bleiben, wie es war», wie Lorenzo Sonognini, Direktor der Fondazione Monte Verità, sagt.

Endlich hat man es geschafft. Immer wieder war die Sanierung des «originellsten Schweizerhauses in Holz» aus Geldmangel verschoben worden, acht Jahre war es geschlossen. Sehr zum Ärger auch von Szeemanns Witwe, der Künstlerin Ingeborg Lüscher. Schliesslich haben der Bund, der Kanton Tessin und Private gemeinsam die nötigen
2,5 Millionen Franken aufgebracht.

Zeitgenössische Esoterik

Selbstfindung, Spiritualität, Reinheit, Fitness – das damalige Programm sei heute wieder sehr modern, sagt Sonognini. Der Verità-Direktor führt eine Gruppe von Journalisten vor der offiziellen Eröffnung durch das Haus. Fotos der Begründer der Kolonie, Fotos der bekanntesten Gäste, die je hier waren. Hermann Hesse soll sich hier seiner Alkoholsucht gestellt haben. Carl Gustav Jung führte Seminare durch. Autor Erich Mühsam war zunächst vom alternativen Leben angetan, doch schon bald machte er sich über den übermässigen Salat- und Sonnenkonsum lustig.

Ein Stuhl mit einer Lehne aus knorrigen Ästen zeugt davon, dass man es hier sehr ernst meinte mit der Natürlichkeit. Mannequin-Oberkörper dekorieren einen Raum mit Entwürfen der damaligen Wahrheits-Fashion. Insgesamt 975 Ausstellungsstücke hängen, stehen oder liegen da, wo sie vor 42 Jahren schon lagen. Etwas vollgestopft wirkt die Casa, altertümlich die Ausstellung. So würde man heute nicht mehr ausstellen. So würde heute natürlich auch der begnadete Ausstellungsmacher Szeemann nicht mehr ausstellen, sagt Sonognini. Aber genau das macht nun den Reiz aus.

Um die Besucherinnen und Besucher nicht ganz in den 70er Jahren hängen zu lassen, wurde eine App entwickelt. Hier sind gut aufbereitete Informationen zu den ausgestellten Personen und ihren Geschichten erhältlich. Und ein Test, der verrät, welcher Verità-
Persönlichkeit man entspricht: Demnach könnte in der Autorenzeile dieses Artikels stehen: Sophie Taeuber-Arp.


Eröffnung Casa Anatta auf dem Monte Verità. Samstag, 20 Mai, 11 Uhr. Eintritt frei. Mehr Informationen: www.monteverita.org/de/32/museumskomplex.aspx