Die Rollen scheinen verteilt: Mann liebt Motoren, Frau hasst erst den Motor, dann den Mann. Diese Rollen haben wir vertauscht: an einer neuen Ausstellung über den Motorsport. Zudem waren unsere Generationen verschieden.

Quasi ein Benzin-Gas-Gemisch.

Chlütterer und Dr. Mabuse

Zuerst die junge Kollegin: Sie ist U30 und fährt einen sogenannten Muscle-Car. Eine Mühle mit Kraft und Bizeps, einen Mustang. Sie ist aktives Mitglied im Mustang-Club Schweiz und befasst sich dort mit den «Ponys». Es gibt auch Clubs für Japanerwagen. Wie man hört, schwenken Anhänger von US-Autos niemals um zu den Japanern. Das müsse man sich so problematisch vorstellen, wie wenn ein Muslim zum Judentum konvertieren würde. Nun – dieser jungen Frau wäre es zuzutrauen, den Club auch mal zu wechseln.

Zu den Muskeln des Alten ist zu sagen, dass sie langsam schwinden. Reichlich passé, frönt er dem Autowandern. Dafür genügt freilich eine Kutsche, die sich im Sommer aufklappen lässt, ein Cabrio. Alles, was unter der Haube liegt, ist ihm schnuppe. PS hält er heute noch für ein Postskriptum.

So standen wir vor dem Museum Bellpark in Kriens: die Fotografin Annika Bütschi und ich. Die junge Muscle-Car-Begeisterte und der Geist-ist-Wort-Bappeli. Um gemeinsam eine neue Ausstellung über Motosport zu besuchen: Vroooaaammm. Man kann, einander kaum fremder, sich über das Gleiche beugen. Aber daraus dann auch gleichen Gewinn ziehen? Ein Stresstest, vor allem für die Ausstellung. Weckt sie beidseits Interesse, ist sie gelungen.

Zunächst fühlte sich eher der Alte angeregt, vertrauter. Das Museum Bellpark konzentriert sich nämlich, wie es in einer Mitteilung heisst, auf die «Jugendjahre» des Automobilrennsports. In jenen Jahren sei er «archaisch» gewesen, «wild und tödlich». Passt, dachte der Alte, damals jung, und fühlte sich angesprochen. Bilder aus dem «Golden Age» des Motorsports, sagt Hilar Stadler, der Museumsleiter, «faszinieren uns deshalb so sehr, weil sie von einer entwaffnenden Authentizität sind.»

Tatsächlich: Die Mechaniker sahen aus wie Chlütterer in der Dorfgarage. Oder dann wie Dr. Mabuse. Familien posierten für Papis neue Kodak Instamatic neben einem am Strassenrand geparkten Blechferrari mit Daniel-Düsentrieb-Raketen. Niemand musste dem Buben erklären, welch tollkühne Hasardeure das waren. Ganz im Gegensatz zu den Langweilern heute.

Piloten lebten und waren gefährlich. Piloten hatten lange Haare wie Hippies. Sie rauchten, kifften, gingen barfuss an Pressekonferenzen wie James Hunt. Sie klebten auch mal Öko-Stickers an die Kisten: «Rettet Wale, boykottiert Japan». Zu Freunden hatten Rennfahrer auch Künstler. Wie Joe Siffert und Jean Tinguely, Schweizer Charakterfiguren von Rang. Siffert nahm Tinguely einmal mit im Auto ans Rennen. Dem Kleinkrämer von der Kontrolle sagte er, Tinguely sei Reporter. «Auch Reporter haben keinen Zutritt.» Siffert kehrte um. Kurz darauf kam er wieder, allein im Auto. Tinguely lag versteckt im Kofferraum.

Nie waren die Miniröcke kürzer

Siffert fuhr alles, oft nahtlos hintereinander: Formel 1, Can-Am, das Bergrennen von St-Ursanne. Einmal zwei Rennen in den USA und in Japan an einem Tag, dank Zeitumstellung. Das Logo von Marlboro nähte er sich an den Overall, bevor er Geld dafür kassierte. Vom zweiten Sponsor – Bio-Strath – bekam er 500 Franken und ein paar Gratisflaschen. Andere hatten Armi Beretta als Sponsor, die Bleiföhn-Fabrik.

Die Camps um die Rennstrecken glichen Woodstock. Canned Heat hörte man hüben wie drüben. Nie wieder waren Miniröcke kürzer als hier und im Prager Frühling. Und Motorsport noch tiefstes Macholandia. Trotzdem setzten sich auch Frauen in die Boliden. Etwa Denise McCluggage, Rennfahrerin und Journalistin, mit ultrakurzen Haaren eine Art Jean Seberg des Motorzirkus. Spätestens ihr Bild zog die junge Kollegin in den Bann. Alles andere waren schliesslich Dokumente einer Welt, die vor ihrer Geburt lag. Denise McCluggage aber war wie eine vorausgefahrene Schwester. «So will ich eines Tages auch mal fahren», sagte sie.

Das war Rennsport mit Seele, im Gegensatz zum sterilen Kommerz heute. Darum animierten am meisten die guten Geschichten, die in den Bildern des Sammlers Thomas Horat stecken. Das Alter so gut wie die Jugend. Etwa die Geschichte vom einstigen Massenstart in Le Mans, bei dem die Piloten zuerst zu Fuss die Strecke überqueren mussten. Jacky Ickx fands Blödsinn. Er spazierte provokativ zum Wagen. Und gewann das 24-Stunden-Rennen.

Buch zur Ausstellung Gasoline and Magic. 264 Abbildungen. Edition Patrick Frey.