Alfred Nobel würde sich im Grabe umdrehen. Hatten die Nobelpreise aus der Stiftung des schwedischen Dynamiterfinders einst einen nahezu unantastbaren Ruf, stecken zwei der fünf Preise in der Krise. Bereits seit einigen Jahren schwindet das Ansehen der Friedensnobelpreis-Jury, wegen eines Skandalbuchs, umstrittener Preisträger und vermeintlicher Einflussnahme der norwegischen Regierung.

Nun wackelt auch der Literaturnobelpreis. Ein seit längerem schwelender Machtkampf in der für seine Vergabe verantwortlichen Schwedischen Akademie ist explodiert. Am Donnerstag wurde die erst zweite weibliche ständige Sekretärin, Sara Danius (56), von der Mehrheit der aktiven Akademiemitglieder entfernt.

Ausgelöst wurde die Auseinandersetzung im November 2017. Im Rahmen der in Schweden engagiert geführten #MeToo-Debatte hatte 18 Frauen den 71-jährigen Ehemann des Akademiemitgliedes Katarina Frostenson (65), Jean-Claude Arnault, der groben sexuellen Belästigung bezichtigt. Die lag bis zu 20 Jahre zurück und wurde damals nicht bei der Polizei angezeigt. Wohl auch aus Angst. Denn der aus Frankreich stammende Kulturveranstalter galt als mächtige Figur im Stockholmer Kulturleben. Zwar arbeitete er nie für die Schwedische Akademie, doch er führte mit seiner Ehefrau Frostenson den privaten Kulturklub «das Forum», «Wohnzimmer» genannt. Das Paar erhielt dafür ab und zu Geld und Räumlichkeiten der Schwedischen Akademie in Stockholm und Paris, wo auch ein Teil der Übergriffe stattgefunden haben soll.

Eine zerstrittene Schar

Die erst seit 2015 amtierende Vorsitzende Sara Danius nahm die Anschuldigungen ernst und beauftragte eine Anwaltsfirma mit der Prüfung der Vorfälle. Und sie wollte die Ehefrau von Arnault aus der Akademie entfernen. Eine Mehrheit stimmte aber Anfang April für deren Verbleib, worauf drei gewichtige Akademiemitglieder ihren Rücktritt erklärten. Darunter der Schriftsteller Klas Östergren und Kjell Espmark, der 17 Jahre den Nobelvorsitz führte. Mitglieder der Akademie setzen private Freundschaften vor die Integrität der Institution, begründeten sie.

Der Ex-Vorsitzende Horace Engdahl, ein guter Freund von Arnault, bezeichnete Danius, mit der die umstrittene Nobelpreisvergabe an Bob Dylan verbunden wird, als die schlechteste ständige Sekretärin der Akademie seit ihrer Gründung. Am Donnerstag wurde Danius als Vorsitzende abgewählt. Immerhin muss auch Frostenson gehen. Dass mit Danius eine engagierte Frau in diesem traditionell von älteren Herren dominierten Gremium gehen musste, sei «schwarze Ironie», befindet Björn Wiman von der Zeitung «Dagens Nyheter». «Es ist eine traurige Schar», die übrig bleibt, um den wichtigsten Literaturpreis der Welt zu vergeben, kommentierte er.

In Schweden wird gefordert, man müsse das gesamte Gremium des Literaturnobelpreises auflösen. Das geht aber schon rein formal nicht. Weil die 18 Akademiemitglieder auf Lebenszeit berufen werden und formal nur inaktiv werden, aber nicht austreten können, stellt sich nach den fünf jüngsten Abgängen die Frage der Funktionstüchtigkeit. König Carl XVI. Gustaf, Schirmherr der Akademie, prüft nun, ob die von Alfred Nobel testamentarisch erlassenen Regeln zur Benennung von Mitgliedern auf Lebenszeit abgeändert werden können.