Gegenwartskunst

Vor lauter Ideen die Bilder übersehen

Auch nackt rumliegen bedarf der Vorbereitung: Ein Aktmodell wird in Pose gebracht.

Auch nackt rumliegen bedarf der Vorbereitung: Ein Aktmodell wird in Pose gebracht.

Die Aneignung schon vorhandener Bilder in der Kunst beleuchtet eine Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Basel.

Konsultiert man einschlägige Lexika, so erfährt man, dass die «Kunst der Appropriation», ein Kind der Konzeptkunst sei. Das stimmt nur bedingt. Schon seit Jahrzehnten bedienen sich Künstler auf ihrer Motivsuche bei ihren Kollegen: Auguste Manet und Claude Monet taten es, genauso wie Picasso, Gerhard Richter und Peter Doig.

Diese Aneignung ist nach wie vor en vogue, ob sie auch legal ist, darf bezweifelt werden. Als Karl-Theodor zu Guttenberg wegen seinen Abschriften für seine Dissertation überführt wurde, sprach ganz Europa von einem Plagiat, wenn dies Künstler tun, dann scheint es niemanden zu stören. Ein Armutszeugnis für die Kunst?

Dabei bewegen sich Guttenberg wie auch die Künstler in einer rechtlichen Grauzone. In der Basler Ausstellung sind es vorwiegend arrivierte Künstler, die sich solcher Methoden bedienen und auch wenn nicht alle ihre Quellen preisgeben, so haben sie doch nichts zu befürchten, da ihre Vorlagen von ähnlich bekannten oder unbekannten «Künstlern» stammen, deren Werke dadurch eine Aufwertung erfahren. Zahlreiche Bilder stammen auch aus den Medien, aus Zeitungen und Filmen und nicht selten ist die Aneignung Teil eines Konstrukts, das vorgibt sich auf bestehende Bilder zu beziehen. Als Beispiel seien Cindy Shermans «Untitled Film Stills» erwähnt.

Zu sehen sind Fotografien oder eben «Film Stills» auf denen immer dieselbe Frau in unterschiedlichen Situationen, in Innen- oder Aussenräumen sichtbar sind. Selten posiert die Frau für die Kamera, die Fotos wirken wie beiläufig entstanden, doch zu keinem der Bilder gibt es einen real existierenden Film. Alle Frauen werden von Cindy Sherman gespielt und jedes Bild wie auch das gesamte Konzept der Bildserie, ist von ihr entwickelt worden. Ganz ähnlich verfährt Sherrie Levine. Die amerikanische Künstlerin fotografierte bekannte Aufnahmen des Fotografen Walker Evans aus einem Katalog ab.

Grenzen der Darstellbarkeit

Obwohl Evans-Fotos sehr bekannt waren, unterlagen sie keinem Copyright mehr, zudem war Levines Fotografien kaum anzusehen, dass ihre Reproduktionen aus einem Katalog stammten. Ihre Arbeit hat denn auch eine kontrovers geführte Diskussion über Autorschaft und Original beziehungsweise Reproduktion ausgelöst. Interessant ist die Arbeit, weil sie bereits 1981 entstanden ist. Heute bedienen sich zahlreiche Künstler und auch Laien dieses Verfahrens, in dem sie Bilder aus Katalogen abfotografieren und aus ihnen wieder neue Bilder machen.

Die Frage stellt sich, auf welche Weise die kontextuellen Bedingungen die Bedeutung eines Bildes beeinflussen? Eine Frage, die auch die Ausstellung nicht abschliessend beantwortet. Nicht immer verhält sich Kunst derart diskret und hinterlistig, hin und wieder zeigt sie ihre Vorlagen fast lapidar. Beispielsweise in «Ein Bild» des deutschen Filmemachers Harun Farocki. Er begleitete 1983 ein Team, das mit der Aufnahme eines Centerfold-Fotos für die deutsche Ausgabe des «Playboy» beauftragt war.

Farocki machte aus dieser Fotosession einen Dokumentarfilm, der das «Making-of» dokumentiert. Seine Auftraggeber dachten an eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, die Macher der Bilder an eine Form der Werbung für ihre Bilder. Entstanden ist keines von beiden, sondern eine Dokumentation zur Entstehung eines Sujets. Søren Grammel hätte gut daran getan, mit dieser Arbeit die Ausstellung zu eröffnen.

Sie hätte das System der «Appropriation» am sinnfälligsten erklärt. Denn allzu oft sucht man in der Ausstellung nach den Vorbildern und findet sie nicht. Die Kunst, die uns mit dieser Ausstellung offeriert wird, ist nicht leicht verdaulich. Man tut gut daran, zuerst das «Manual» zu lesen und danach die Werke zu studieren. Doch was man lernt, ist viel und für das Leben.

«Von Bildern. Strategien der Aneignung». Museum für Gegenwartskunst. Bis 24. Januar. 

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