Landesmuseum

Vor dem Ersten Weltkrieg glaubte die Welt an Frieden und Freiheit

Die Schweiz und die weite Welt in der Ausstellung vereint: ein Hodler-Gemälde neben Elefantenzähnen.

Die Schweiz und die weite Welt in der Ausstellung vereint: ein Hodler-Gemälde neben Elefantenzähnen.

Das Landesmuseum Zürich lädt zur «Expedition ins Glück». Und zeigt die Jahre 1900–1914 als Zeit des Aufbruchs, als rasante Reise in eine vermeintlich schöne Zukunft.

In welcher früheren Zeit hätten Sie am liebsten gelebt? Meine Antwort ist klar: in den 1910er-Jahren. Denn nie zuvor und danach wurden so grosse Träume geträumt. Es war die Zeit der gesellschaftlichen und politischen Utopien. Technische Erfindungen überraschten die Menschen, der Traum vom Fliegen, vom Reisen wurde wahr. In der bildenden Kunst wurde die Welt neu erfunden, in der Musik und im Tanz gab es Revolutionen. Es musste – so stelle ich mir das vor – eine Zeit des Aufbruchs, der fiebrigen Erwartung gewesen sein, genährt vom Gefühl: Ein neues Zeitalter bricht an.

Wie brutal dieser Traum 1914 gestoppt wurde, wissen wir. Der Kriegsausbruch vor hundert Jahren dominiert 2014 die Agenden von Historikern, Medien und Intellektuellen. Die Zeit davor wird aus dieser Optik allenfalls auf mögliche Gründe für das grosse Desaster untersucht.

Freiheit, Friede, Freude

Doch wie war diese Zeit? Das versucht das Landesmuseum mit der Ausstellung «1900–1914. Expedition ins Glück» zu ergründen. Den Titel könnte man im Wissen um den Kriegsbeginn 1914 als zynisch empfinden. Die Anlage meint aber das Gegenteil, fokussiert gerade nicht auf die düsteren Vorboten und Vorahnungen, sondern auf das hitzige kurze Glück, auf den Aufbruch ins erträumte Ungewisse davor. Erst am Schluss führt ein dunkler Tunnel in den Albtraum.

Pablo Picasso zerstückelte in Paris die Welt in seinen kubistischen Werken in tausend Splitter und setzte sie verfremdet und verstörend schön wieder zusammen. Egon Schiele sezierte in Wien die Körperlichkeit des Menschen und wagte harte ungeschminkte Blicke auf die Nacktheit. Welch Gegensatz zu den Frohnaturen, die nackt auf dem Monte Verità tanzten, nach Freiheit in Geist, Kleidung und Denken lechzten. Freiheit forderten die Frauen wie die Proletarier: Die 1910er-Jahre waren das Jahrzehnt der Suffragetten und der international vereinigten Proletarier. Auch wenn ein gewisser Lenin in Zürich noch still an seinen Schriften werkelte.

Die schöne, neue Warenwelt

Bahnbrechende technische Entwicklungen im Bereich der Elektrizität und Optik erlaubten, mit Mikroskopen und Röntgenapparaten ins Innere der physischen Welt zu blicken. Ihnen setzte Sigmund Freud 1900 seine «Traumdeutungen» entgegen, eine Expedition in die menschliche Psyche, ins Unbewusste und zu den verdrängten (sexuellen) Wünschen. Die Massen allerdings legten sich nicht beim berühmten Psychiater in Wien auf die Couch, sondern suchten lieber Vergnügungen und Nervenkitzel. Oder sie erlagen den Verlockungen der neuen Warenwelt. In Zürich eröffnete Jelmoli 1899 das erste grosse Warenhaus der Schweiz. Odol, Aspirin, Toblerone und Ovomaltine gelangten auf den Markt. Maschinen revolutionierten den Alltag, Fliessbandproduktion die Industrie. 1908 lief der Ford T vom Band, das erste Auto für die Masse.

Die Weltausstellung 1900 in Paris bot Tausenden ein Spektakel. Reisen oder zumindest Fotografien und Filme über fremde Länder waren en vogue. Der Handel mit Kaffee, Zigarren oder Kautschuk blühte. Dass dafür die Kolonien ausgebeutet, die Sklaverei gefördert wurde, interessierte wenig.

In Europa herrschte seit 30 Jahren Frieden, Kriege wurden stellvertretend in fernen Ländern ausgetragen. Das Militär schien eher spielerisch zu agieren, bestückte etwa Brieftauben mit Fotokameras – und der deutsche Kaiser Wilhelm durfte in der Schweiz 1912 gar Manöver kommandieren. Dafür erhielt 1901 Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, den ersten Friedens-Nobelpreis.

Wie eine Splitterbombe

Wie kann man solch widersprüchliche Phänomene und Ereignisse in eine Ausstellung packen? Die Kuratoren Juri Steiner, Stefan Zweifel und der Ausstellungsgestalter Alex Harb setzen auf Fülle, auf die selbsterklärende Gleichzeitigkeit der Dinge. Mit einer Splitterbombe, die nach dem Zerbersten ein buntes Kaleidoskop ergebe, vergleichen sie ihr Konzept. Filme und Kunstwerke, ethnologische Stücke und Kuriositäten sind im dunklen Raum nebeneinander gestellt. Die Besucherin muss die Splitter – angeleitet durch einige Wegweiser – selber wieder zusammenpuzzeln. Die Fülle birgt vielfältige Anregungen, wirkt aber auch einschüchternd.

Zum Schluss frage ich mich: Ist es diese Welt, in der ich gerne gelebt hätte? Nur bedingt. Denn wie sie hier dargestellt wird – in dieser Mischung aus Erfindungen, Skurrilem und Kunst –, scheint sie weit weg vom Alltag. Ausgerichtet eben zum einen auf grosse Taten und die Sensationen und zum anderen auf Nebensächlichkeiten, die einem ein Lächeln oder ein voyeuristisches kleines Erstaunen entlocken. Seien es die Schweizer Südpol-Expedition, die Fotos vom nacktwandernden Fotopionier oder der tragische Sturz des ersten Fallschirmspringers, der 1912 vom Eiffelturm springt – und ungebremst auf dem Boden aufschlägt.

1900–1914. Expedition ins Glück Landesmuseum Zürich. 28. März bis 13. Juli.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1