Agnes nennt der Reporter die Frau im Spital, 51 Jahre ist sie alt, «und sie weiss nicht, wer sie ist». Vor allem aber kann sie sich nicht mehr erinnern an das, was sie angeblich getan hat: Sie soll ihre Tochter Karin, 14 Jahre alt, umgebracht haben, nicht irgendwie, sondern erst versuchte sie, sie zu erdrosseln, dann schnitt sie ihr die Unterarme auf und am Ende, als das Opfer noch immer nicht tot war, den Hals. «Wir hatten es immer so schön, sagt Agnes.» Und wundert sich, warum ihr Mann, der Alois, sie nicht besucht.

Gerade einmal 13 Seiten braucht Erwin Koch, um die Geschichte von Agnes, die Geschichte ihres Lebens und ihrer schrecklichen Tat, vor uns auszubreiten. Es ist die erschütternde Geschichte eines eigentlich ganz gewöhnlichen Lebens, das ganz allmählich ins Rutschen gerät und am Ende in eine Katastrophe mündet. Zuerst werden Agnes Gerüchte zugetragen, ihr Mann, «Bodenleger und Chauffeur», gehe fremd. Sie spricht nicht darüber, schon gar nicht mit ihrem geliebten Alois. Als sie selbst dann eines Tages dem Bäcker Odermatt am Brotstand aushilft, kommt es zum Geschlechtsverkehr zwischen beiden, und als die Tochter Karin, je älter sie wird, immer mehr Herrn Odermatt zu gleichen beginnt, erfasst Agnes Panik: «Ich hatte Angst, Alois würde es irgendwann merken. Und dann würde er mich verlassen.» Wieder spricht Agnes mit niemandem darüber. Bis dann eines Tages in der heimischen Küche das Schreckliche passiert . . .

Zehn Reportagen

Der 1956 geborene Erwin Koch, der zuletzt mit drei Romanen von sich reden gemacht hatte, ist wohl einer der besten Reporter, den es im deutschsprachigen Raum gibt. Seine Texte sind regelmässig in der «Zeit» zu lesen, im «Spiegel», im «Tagesanzeiger» oder auch in der noch recht jungen Zeitschrift «Reportagen» aus Bern, die zu den interessantesten Neugründungen der letzten Jahre gehört. Nun hat er zehn seiner Reportagen, erschienen zwischen 2002 und 2012, in einem Band versammelt. Und wie so oft bei Koch geht es in vielen von ihnen um die Liebe: um die Unbedingtheit, die Aussichtslosigkeit, das Existenzerschütternde der Liebe.

Koch erzählt von zwei Priestern in Kolumbien, die ihre gegenseitige Zuneigung nicht leben können und deshalb einen Killer beauftragen, sie zu erschiessen. Er erzählt von einem verzweifelten Elternpaar aus Holland, dessen Kind mit Epidermolysis bullosa zur Welt kommt, mit einer «Schmetterlingshaut», die ständig wund ist, aufreisst und Blasen bildet; Vater und Mutter verzweifeln schier an dem Zwiespalt zwischen der Elternliebe und dem Wunsch, ihrem Kind das schreckliche Leid dieser Krankheit zu ersparen. Am Ende dauert das Leben der kleinen Sanne gerade einmal 260 Tage. Und er erzählt von der verzweifelten Liebe zum Leben: bei der 14-jährigen Sarah, die unheilbar an Leukämie erkrankt ist und doch hartnäckig versucht, ein normales Leben zu führen, und beim 60-jährigen Maler Jörg Immendorf, der an ALS leidet und nur weiss, dass er «alles ausnutzen» will, «jede Möglichkeit, jede Ressource», um so lange wie möglich zu leben.

Die Lebensgeschichten, die Koch in der ihm eigenen kargen, schnörkellosen und gleichwohl sehr eindringlichen Art erzählt, nehmen selten ein Happy End. Mitunter glaubt man als Leser, all die Traurigkeit dieser «wahren Geschichten» nicht mehr auszuhalten, aber so ist die Wahrheit eben, und dass die beteiligten Personen trotz des Unglücks und der Ungerechtigkeit, die sie erfahren, so gut wie nie den Mut verlieren, ist das vielleicht grösste Wunder dieses Buches.

Erwin Koch Von dieser Liebe darf keiner wissen. Wahre Geschichten. Nagel & Kimche, 191 S., Fr. 25.90.