Swiss Comedy Night

Von Helene Fischer bis zum Lehrplan 21

Joël von Mutzenbecher.

Joël von Mutzenbecher.

Zehn bekannte Schweizer Comedian aus den Sparten Stand-Up, Kabarett, Musik-Comedy und Slam Poetry performten am Samstag im Volkshaus.

Das dilettantische Bühnenbild, so denkt man, sei der erste Witz. Da stehen angemalte Schachteln so aufeinander, dass ein Vergleich mit einem Schultheater eine Beleidigung wäre. Für das Schultheater. Sie sollen Backsteine darstellen, Pink Floyds «another brick in the wall» vielleicht. Risse in einer Mauer. Humor als Sprengstoff der gegeben Verhältnisse. «Hey, teacher, leave us kids alone».

Humor ist Rebellion. Man kann im Humor gegen oben rebellieren. Gegen Autoritäten wie Lehrer, Politiker, gegen den Tod. Oder man kann gegen unten treten. Gegen Menschen, die zu Minderheiten gehören. Wie Pflegefachfrauen mit ukrainischem Akzent, den schwulen Steward, Transgendermenschen. Beide Richtungen kommen an diesem Comedy-Abend vor.

Zugegeben, Zukkihunds «Transgenderhund» klingt absurd und witzig. Beim Transgenderkind dann würde einem das Lachen im Halse stecken bleiben, wenn es (das Lachen) bereits soweit fortgeschritten wäre. Natürlich funktioniert Humor ohne Tabubruch nicht. Dass Humor alles darf, ist aber ebenso eine Binsenweisheit, wie dass Comedy in einem moralfreien Raum stattfindet. Es gibt eine rote Linie. Diese wird an diesem Abend aber nicht überschritten. Und selten tangiert.

Die Zuschauer sind gekommen, um zu lachen. Und das tun sie auch bei der ersten Gelegenheit. Klatschen und jubeln auch. Es reicht schon, dass Joël von Mutzenbecher aus Basel kommt. Grosser Applaus. Sein Vater spreche mit seinem Hund wie zu einem Baby. Grosses Gelächter. So ein Comedy-Abend sei eine Symbiose zwischen Publikum und Bühne, sagt er.

Fäkalhumor und Politik

Es soll bewiesen werden: Die Schweiz sei so lustig wie noch nie. Zugegeben, besonders schwierig wird sich das nicht gestalten, bestach sie doch im internationalen Vergleich punkto Humor bis anhin etwa so sehr wie punkto Small-Talk. Rob Spences Vergleich einer britischen Konversation mit einer nüchternen Schweizer Konversation um die Floskel «es ist kalt» ist zwar nicht neu, aber eine brillante Nummer. Seine Fans toben ebenso wie bei seinen Tanzeinlagen zum Schluss. Kein Australier hat Michael Jacksons Moonwalk wohl je so sexy über die Bühne gebracht.

Sex ist natürlich ein Thema. Zukkihund ins Publikum: «Sie hatten heute Sex, aber allein». Von Mutzenbechers Comedy-Ich möchte auch eine weniger scharfe Verkäuferin gerne bumsen. Javier Garcias fand es als Kind schön, wenn der Nuggi in der falschen Körperöffnung landete. Stéphanie Berger freut sich über eine SMS und denkt, es sei ein Date, dabei ist es bloss ein Up-Date.

Nicht alle Darbietungen sind neueren Datums, doch das steckt das Publikum locker weg. Die Stimmung im Saal ist gut. «Es spielt keine Rolle, wer es macht, Hauptsache es wird getan» wäre wohl Patti Baslers Kommentar dazu. Die Slam-Poetin bringt sprachlich verdichtet und inhaltlich scharf kleine metaphernreiche Erzählungen auf die Bühne. Eine der wenigen an diesem Abend, die sich auch mit politischen Themen beschäftigt. Und im richtigen Moment kommt ein blöder Spruch. Dass der Schulkollege Renée Abwart wurde, weil das die einzige Möglichkeit war, die Schule abzuschliessen. Nun ja, es ist schwierig, Witze nachzuerzählen. Viele funktionieren auch nur mündlich, wie etwa Baslers Spruch: (Lesen Sie laut) «Where there is an April – Theresa May.»

Stereotypen greifen

Die zehn Minuten sind definitiv zu kurz für diese Königin des Kalauers. Das Format bietet kaum die Möglichkeit, sich auf eine Spielweise des Humors besonders einzulassen. Auch Pony M. hätte man gerne länger zugehört. Dafür erhält man einen Überblick über das, was Schweizer Comedy zu bieten hat. Wer ironischen Sprachwitz mag, soll sich unbedingt eine Show von Basler anschauen. Joël von Mutzenbecher ist dann am stärksten, wenn er Stimmen imitiert. Und Rapper Knackebouls Parodie auf die House-Musik ist wohl unübertrefflich. Rob Spences Mimik und Gestik sind echt lustig in ihrer Übertreibung. Sergio Sardella erinnert dort, wo er in Hochform kommt, in seiner Analyse von Fernsehwerbungen an Jürgen Kuttners Videoschnipsel. Die Sprüche, die Javier Garcia seinem Vater in den Mund legt, unterhalten: «Wenn du nicht mit Intelligenz brillieren kannst, so sorge dafür, dass du mit deiner Dummheit für Verwirrung sorgst.»

Inhaltlich fällt auf, dass mehrere der Künstler ihre Väter und viele ihre Herkunft thematisieren. Ob es sich um den spanischen, italienischen, Berner oder Zürcher Hintergrund handelt, die Stereotypen greifen, das Publikum spricht an. Baslers «Highway to Hellikon» ist von den Clichées wohl das lustigste. Richtig gut spricht das Publikum auch auf Ex-Miss Schweiz Stéphanie Bergers Schlagersong an, der Helene Fischer parodiert. Berger erfreut sich der Möglichkeit der Postmoderne. Das kann Comedy auch: Dagegenhalten und mitschwimmen zugleich. Indem sie im hautengen Ledermini und Highheels erscheint, kann sie zwei Dinge gleichzeitig tun. Parodieren und endlich einmal so einen Ledermini tragen. Auch ihre Themen sind eher körperbetont.

Kinderbetont sind dann die scharfen Sprüche Claudio Zuccolinis (bekannt etwa als Steinbock Gian im Werbefernsehen), wenn er über seine Maitline (Mädchen) und den Lehrplan 21 spricht. Ob im 21. Jahrhundert Witze über Vegetarismus noch lustig sind, ist Geschmacksache. Zum Streiten ist das Publikum ja auch nicht gekommen. Sondern zum Lachen. Die zehn Minuten pro Künstler boten einen guten Einblick in das Schaffen von Schweizer Comedians.

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