Rudolf Bussmann

Von Basel nach Paris: Ein Dichter im Schwebezustand

Rudolf Bussmann an der Pariser Strassenecke, an der auch mehrere Wochen nach dem Anschlag auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion immer noch der Opfer gedacht wird. Susanna Petrin

Rudolf Bussmann an der Pariser Strassenecke, an der auch mehrere Wochen nach dem Anschlag auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion immer noch der Opfer gedacht wird. Susanna Petrin

Der Poet Rudolf Bussmann ist von der Basler Rheingasse an die Seine gezogen – in ein Haus voller Künstler. Sein Reich in Paris nennt er liebevoll «Bâle-Ville».

Ein Künstler in der Stadt der Künstler in der Stadt der Künstler. Das ist Rudolf Bussmann jetzt. Der Poet aus Basel hat ein sechsmonatiges Stipendium für Paris bekommen. Dort wohnt er in der «Cité Internationale des Arts». Jedes Jahr leben in dessen 324 Atelierswohnungen über 1000 Künstlerinnen und Künstler; aus allen Sparten, aus über 50 Ländern.

An der Seine inmitten all der Pariser Prachtbauten sieht diese «Stadt der Künste» aus wie ein Spital in einem sozialistischen Land. Oder wie eine Irrenanstalt. Der Gedanke kommt mir später beim gemeinsamen Mittagessen im nahen «Les Fous de l’Île». Die mit schimmelgrünem Linoleum verlegten Korridore der Cité sind eng, lang und dunkel. Eine der vielen Türen ist angeschrieben mit «Bâle-Ville».

Wenn man sie öffnet, wird es hell. Bussmanns Reich. Grosse Fenster geben die Sicht frei auf eine efeubewachsene Mauer, auf Häuser, auf einen Garten. Ein Raum mit einem Schreibtisch, ein Nebenzimmer mit einem schmalen Bett, eine Küchennische mit zwei Herdplatten. Einfach, aber funktional. Ein Zimmer für sich allein. Bücher, ein Teekocher, ein Laptop, ein Didgeridoo. Ein Didgeridoo? Ja, dessen Klang beruhige ihn, sagt Bussmann und spielt darauf vor. Über ihm erklinge oft Musik, dort sei das Stockwerk der Musiker.

Man könne hier schnell einsam werden, sagt Bussmann zurück auf dem leeren Korridor. Als er herkam, habe er gar nicht im Sinn gehabt, Leute kennen zu lernen. Er sei nur froh gewesen, eine gute Weile vom Alltag in Basel losgebunden zu werden. Inzwischen seien er und fünf Hausnachbarn eine «eingeschworene Bande, die zusammen Zeug macht». Marktbesuch, Couscous-Essen, Museen, oder plötzlich sage einer: «Morgen Abend gibts ein Fest bei mir.» Alles entsteht immer spontan, man kann mitgehen – oder nicht.

Der Versuch, Neues zu denken

Nichts zu suchen war in Paris sein Sinn. Bussmann kam ohne Projekt, ohne feste Absichten. Jetzt hat er Freunde gefunden, die er sich nicht erhofft hatte. Dinge entdeckt, von denen er nicht gewusst hatte. Gedanken gehabt, die er nicht erahnt hatte. Das sei der Vorteil einer so offenen Zeit: «Dieser Paris-Aufenthalt ist für mich die Chance, etwas Neues zu entwickeln. Der ganze Körper ist daran beteiligt, der Kopf, die Gefühle, das Herz.» So tastet er sich denkend, fühlend allmählich in fremde Gebiete vor.

Bussmann weiss noch nicht, wohin es künstlerisch geht, aber er beginnt es zu erahnen: Prosa soll es werden, um seine Nachbarn soll es gehen. «Sie bringen alle unglaubliche Geschichten mit.» Es berühre ihn, wenn der Palästinenser aus dem Flüchtlingslager Sabra bei einem Nachtessen mit zwei Frauen aus Israel ins Gespräch komme. Oder wenn ein Chinese und ein Japaner sich befreunden. «Es ist eine kleine Idealwelt, in der sich Menschen begegnen, nicht Staatsvertreter.»

Wir spazieren durch das Marais-Viertel. Bussmann kennt jeden Hinterhof, jeden versteckten Durchgang, die Plätze und ihre Geschichten. «In den ersten sechs Woche bin ich nicht aus dem Marais herausgekommen.» Die Place des Vosges ist für ihn der schönste Platz von ganz Paris. Er zeigt auf ein Haus über den Arkaden: Es gehöre Dominique Strauss-Kahn. Obwohl der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds sich leisten kann, was ein Dichterlohn nicht hergibt, möchte Bussmann «auf keinen Fall mit ihm tauschen». Er müsste es nicht mehr laut sagen: «Ich bin echt glücklich über dieses halbe Jahr.»

«Charlie», das prägendste Erlebnis

Rudolf Bussmann geniesst den Aufenthalt obwohl oder vielleicht gerade weil es ihn in der ersten Woche durchgeschüttelt hat. Das Attentat auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» habe ihn völlig aus dem Konzept gebracht. «Ich war erschüttert, war lange besessen vom Thema, fast krankhaft.» Schliesslich gehe es um Sprache, darum, sich ausdrücken zu dürfen. Seinem Aufruf, sich der grossen Manifestation anzuschliessen, folgten rund 30 Künstler aus der Cité. «Es war ein prägendes Erlebnis. Eines der prägendsten meines Lebens.»

Gegen zwei Millionen Menschen kamen. «Man ist hingegangen, hat gezeigt: Ich bin auch da.» Mehr nicht. Keine Lautsprecher, keine Action. Keine Parteien oder Gewerkschaften steckten wie sonst üblich dahinter. «Ich habe das als Demo nicht gegen, sondern für etwas erlebt. Für die republikanischen Werte; für die Errungenschaften der Aufklärung. In diesem Moment bin ich zum Europäer geworden.»

Später besuchte er den Ort des Attentats, war gerührt von den Blumen- und Bleistiftbergen. Jemand habe eine Flasche Wein hingestellt, wie um zu sagen: «Zum Wohl euch dort drüben!» Einen Monat später kam Bussmann wieder hierher und war «noch mehr gerührt». Denn auch Wochen nach dem Anschlag legten die Menschen weiterhin frische Blumen hin.

Jetzt, fast drei Monate später, besucht Bussmann die Gedenkstätte ein drittes Mal. Vor dem Gebäude, aus dem die Überlebenden der Redaktion längst ausgezogen sind, patrouillieren immer noch sechs Polizisten. Die Strassenecken sind weiterhin voller Beigaben und Gedichte. Auf einem Plakat steht «Je suis humain».

Literatur schaffe eine Welt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der realen habe. Er brauche Literatur, um die Welt überhaupt verstehen zu können, erzählt Bussmann auf dem Rückweg. Lese er zu lange nicht, falle er in einen Zustand, in dem er «der Welt nichts mehr entgegensetzen kann».

Die reale Rue des Rosiers lockt mit dem «weltbesten» Falafel und ihren Boulangeries. Kleiderläden wecken Konsumgelüste. Vielleicht hat Bussmann das Hemd mit den farbigen Tupfen, das sonst unter der eher unscheinbaren Kleidung hervorlugt, hier gekauft. Wir verabschieden uns auf der Place du Marché-Ste-Catherine. Ob ich im Gassengewirr den Laden mit den Sonnenbrillen wohl wiederfinden werde? Bussmann lächelt und sagt: «Und sonst finden Sie etwas anderes.»

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