Industriekultur

Vom steten Wandel der Industrie

Ein Hauch von Venedig: Siedlung mit Entstaubungsturm der früheren Spinnerei Uster. (Denkmalpflege Kanton Zürich)

Spinnerei Uster

Ein Hauch von Venedig: Siedlung mit Entstaubungsturm der früheren Spinnerei Uster. (Denkmalpflege Kanton Zürich)

Erstmals liegt ein Inventar des industriellen Kulturerbes im Kanton Zürich vor. Dieses kann auch zu Fuss auf acht Routen erwandert werden.

Thomas Marth

www.industriekultur.ch - seit gestern weist die Website einiges mehr an Umfang auf. Sie umfasst neu auch 1000 Seiten mit Industrieobjekten aus dem Kanton Zürich. Sie ergänzen das bereits 2006 fertig gestellte Inventar der Industriekulturgüter des Kantons Bern. Im Weiteren ist im Rotpunktverlag ein Buch erschienen («Industriekultur im Kanton Zürich»). Wie Autor Hans-Peter Bärtschi gestern darlegte, liess man sich bei dem Projekt von wissenschaftlichen, pädagogischen und touristischen Kriterien leiten. Letzteres zeigt sich darin, dass in dem Buch nicht nur 222 Zürcher Industrieobjekte vorgestellt werden, sondern auch acht Wanderrouten, auf denen sie erkundet werden können.

Die einzelnen Etappen lauten: Frühe Fabriken (Uerikon-Stäfa), Urbane Industrielandschaft (Uster), Zürichs «Manchester» (Wald), Spinnereien im Tösstal (Neuthal-Bauma-Sennhof), Stadt der Schwerindustrie (Winterthur), Stadtwald und Museumsbahn (Sihltal), Brücken und Industrie (Zürich-West) und vom Tram-Museum zum Mühlerama (Zürich Riesbach).

In der Schweiz ist vieles geschützt. Das gilt nur bedingt für technische Bauten und Produktionsgeräte. Die nun vorgenommene Zusammenstellung beruht denn auch auf privater Initiative. Bärtschi hat sie in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur SGTI realisiert. Die Kosten betrugen 545 000 Franken. 90 000 steuerte die SGTI bei, 150 000 kamen aus dem Lotteriefonds, den Rest haben private Donatoren aufgebracht. Nach und nach sollen in den nächsten Jahren alle Regionen der Schweiz in das Projekt einbezogen werden.

Eine sterbende Epoche

Die aufgelisteten Objekte bezeugen auch eine sterbende Epoche, wie gestern ausgeführt wurde. Bereits in der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts war der Kanton Zürich stark industrialisiert. 1966 waren 54 Prozent aller Beschäftigten in diesem Sektor tätig. In den letzten drei Jahrzehnten ging es dann aber bergab. 60 Prozent der Industriearbeitsplätze wurden während dieser Zeit abgebaut. Heute arbeiten noch 22 Prozent der Beschäftigten in diesem Wirtschaftszweig. Entsprechend sind viele historisch gewachsene Gewerbe- und Industrielandschaften heute nicht mehr als solche erkennbar.

Ganz unsensibel gegenüber ihrem industriellen Erbe sind der Kanton und zum Teil auch die Gemeinden aber nicht geblieben. Bärtschi verweist im Buch zum Beispiel auf langjährige amtliche Bemühungen, die zu Gestaltungsplänen und Erhaltungszielen für Zürich-West und Winterthur führten. Er verweist auf das vom Kanton gekaufte und restaurierte Spinnerei-Ensemble Neuthal bei Bauma, auf Investitionen in Millionenhöhe in das Gaswerk Schlieren und in die Lokremise Uster. Sein Fazit: «Gemeinden wie Stäfa, Uster, Wald, Bauma, Zell, Zürich und Winterthur, die ihren Kultur- und Industrielandschaften beharrlich über Jahrzehnte Sorge trugen, besitzen heute besondere Standortqualitäten.»

Plus eine Wanderausstellung

Zusätzlich zu Internetplattform und Buch wurde auch eine kleine Wanderausstellung konzipiert. Noch bis am 21. Oktober ist sie im Mühlerama Tiefenbrunnen zu Gast. Vom 23. bis 25. Oktober ist sie in der Fabrikkirche im Sulzer-Loki-Areal Winterthur zu sehen, ab 30. Oktober in der Museums-Spinnerei Neuthal.

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