Solothurner Literaturtage

Vom Lyriker bis zur Rapperin – alle kommen nach Solothurn

Die Solothurner Literaturtage haben mit dem Mundartroman von Guy Krneta begonnen, dem schnellstsprechenden Berner der Welt. Wippende Wörter und schlechtes Wetter prägten den Auftakt.

«Familie isch, wei mer unger üs si», sagt der Grossvater. Er sagt es aus dem Mund von Guy Krneta, der soeben auf der grossen Bühne des Landhaussaales Platz genommen hat und aus seinem Roman liest. Guy Krneta ist nicht nur der schnellstsprechende Berner der Welt, sondern wohl auch der Einzige, der ein Publikum mit dem Thema «Familiengrab» zu Lachsalven hinreissen kann.

Vor allem aber passt es, dass die Solothurner Literaturtage mit seinem Mundartroman begannen. Denn man ist in Solothurn tatsächlich Jahr für Jahr so etwas wie «unger üs».

Viel Hallo und Händewinken

Das zeigt sich an all den Händen und Hallos, die in schnell wiederkehrenden Intervallen aus der Masse der Besucher platzen. Und genauso am abgeknabberten Olivenkern des Restaurantbesuchers von vis-à-vis. Der kullert dem Kellner nämlich beim Abtischen vom Teller – just auf jenen der Journalistin. Dass der Kellner entschuldigend lächelt, aber keine Anstalten macht, die Sache ungeschehen zu machen, läuft wahrscheinlich schlicht und einfach unter der Kategorie «unger üs». Dass seine Kollegin wenig später den liegen gelassenen Schal der Journalistin mitten durch den Wolkenbruch hinterherträgt, ebenfalls.

Ja, das Wetter. Petrus hat das diesjährige Motto der Literaturtage «Conflicts. Conflitti. Conflits. Konflikt.Stoff» etwas zu ernst genommen. Prompt lässt er statt eitel Sonnenschein zu spielen, die Literatur beinahe zum ersten Mal in seiner 37-jährigen Geschichte förmlich im Regen stehen. Ein Umstand, der sich auch etwas auf die Besucherzahlen auswirkt. Waren die Warteschlangen vor dem Landhaussaal nicht auch schon länger? Das Gedränge grösser?

Vielleicht täuscht es. Denn die Lesungen erscheinen trotzdem gut besucht. Kein Wunder. Vom Romancier bis zur Rapperin, vom Debütanten bis zum Dauergast, von der Lyrikerin über die Leseratte bis hin zum Literaturkritiker – sie alle versammeln sich auch dieses Jahr wieder in Solothurn. Zwar folgt man, anders als im Roman von Guy Krneta, keinem grossväterlichen Ruf zu Kaffee und Kuchen, um mit den Verwandten die Zukunft des gemeinsamen Familiengrabes zu diskutieren (nein, so weit wollen wir es mit der Literatur nun wirklich nicht kommen lassen).

Dafür folgt man dem hehren Ruf der Literatur. Den familiären Charakter am ersten Tag der Literaturtage unterstreicht zusätzlich, dass die Texte sehr oft auf Bärndütsch, Züridütsch, Wallischerdiitsch zu den Zuschauern sprechen.

Slapstick aus dem Dorgenmilieu

Etwa beim Walliser Autor Roland Reichen. Er liest als Solothurn-Debütant aus seinem Buch «Sundergrund» – und lässt einen manchmal erschauern. Denn der Roman schildert in Slapstick-Manier und dialektal gefärbter Kunstsprache (Silvia Tschui und Thomas Meyer lassen grüssen) den Alltag eines Pärchens aus der Berner Drogenszene. Dass «d’Judle» den «Käfer» hat und bald sterben muss, verleihe der gemeinsamen Liebe «einen stark tragischen Hauch», befindet der Protagonist, ein Junkie.

Und dass Judles Liebesschwüre von mundfauliger Luft zu ihrem Gegenüber transportiert werden, lässt an die Wirkung des Romans auf das Publikum denken. Es schaudert einen gehörig ob des Themas – und ein bisschen auch ob der Unverfrorenheit des Autors. Aber vielleicht ist das die einzige Art, die Berner Drogenszene zu einem erträglichen Romanschauplatz zu machen.

Worte für das Unsagbare

Wie reden, welche Worte finden angesichts von Unsagbarem? Das war auch Thema der Diskussion zwischen dem deutsch-irakischen Autor Sherko Fatah («Der letzte Ort») und dem Psychiater Thomas Maier, der jahrelang am Zürcher Universitätsspital Kriegs- und Folteropfer betreut hat. Fatah will mit seinem Roman ein Gefäss bereitstellen, das den Krieg in Syrien den Menschen in Erinnerung hält. Explizite Darstellung von Gewalt findet er indessen voyeuristisch.

Maier dagegen spricht davon, dass Traumata derart extreme Erfahrungen seien, dass Opfer diese nicht in ihre Empfindungswelt integrieren können – sie würden schlicht das eigene Weltbild sprengen. Da helfe es Patienten tatsächlich, die Kriegserlebnisse aufzuschreiben. So würden sie fassbar – und gleichzeitig formbar. Dr. med. Literatur – so etwas ist offenbar auch möglich.

Groovende Geschichten

Unterdessen ist es Nachmittag, doch die Sonne versteckt sich noch immer hinter dichten Wolken: Also strömt man zu gern in den rappelvollen Saal des neuen Spielortes Stadttheater, um sich etwas aufzuwärmen – immerhin heizen dort die Rapper Greis und Anna Frey dem jugendlichen Publikum gehörig ein. Mundart ist Pflicht. Da wippen die Wörter, da grooven die Geschichten, und sogar die jüngste Zuschauerin, ein etwa acht Monate altes Baby, gluckst begeistert mit. Wenn die zehnjährige Heldin der Geschichte, Jubaira, ihre Abenteuer erlebt, tut sie das in einer etwas anderen Form von Literatur. Und dass ein sehr junges Publikum begeistert mitjubelt, ist trotz grauem Himmel die eine heitere Zukunftsperspektive für die Literatur. Oder wie rappte Greis noch mal? Literatur? «Das isch voll o. k.»

Solothurner Literaturtage

Mit Lesungen unter anderem von Peter Bichsel, Hanna Johansen oder Michael Fehr («Simeliberg»). Sowie Podiumsgesprächen und Diskussionen zum Beispiel mit Lukas Bärfuss und Alain Berset. Noch am Samstag, 15. Mai, und Sonntag, 16. Mai.

Mehr Infos über die Solothurner Literaturtage finden Sie hier. 

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