Literatur

Vom Lieben, Leben und Sterben

Sarah Kuttner (Archiv)

Sarah Kuttner (Archiv)

Sarah Kuttners Roman «Kurt» handelt von Trauer und Familie heute.

Der kleine Kurt wird sterben. Das verrät Sarah Kuttner schon im Klappentext ihres neuen Romans «Kurt». Im Zentrum der Erzählung stehen Lena, ihr Freund Kurt und dessen sechsjähriger Sohn, der ebenfalls Kurt heisst. Weil die Mutter des Kindes nördlich von Berlin lebt, kaufen Lena und Kurt ein kleines Haus in der Nähe.

Zunächst geht es um Lenas Gedanken darüber, wie sehr sie sich als Freundin des Vaters für den kleinen Jungen zuständig fühlen darf. Als der sechsjährige Kurt bei einem Sturz vom Klettergerüst im Pausenhof stirbt, sind seine Eltern und Lena ob der Tragödie fassungslos. Zwischen Versuchen, Kurt irgendwie Trost zu spenden, merkt Lena, dass dabei ihre eigene Trauer zu kurz kommt.

Dramaturgie vorgegeben

Die Geschichte lebt vom Drama des Todesfalls. Durch das Wissen um Kurts Tod und den intimen Einblick in die Kleinfamilie fühlt man sich von Beginn an mit den Personen verbunden. Die Gefühls- und Erlebniswelt von Lena wird durch eine treffende Mischung aus Metaphern und Umgangssprache nachvollziehbar gemacht. So wird Klein Kurt «an den Kindersitz und an die anstehende Mutterwoche getackert», und als die Mutter genderstereotype Bemerkung über seine rosarote Gartenschaufel macht, rollt Lena mit den Augen, «dass es knirscht». Die im Buch verwendete Umgangssprache spiegelt die Generation Kuttners, zu der auch ihre Protagonistin gehört, unverfälscht wider. Bei einem Ausflug erstreckt sich vor Lenas Augen «ein ganzer fucking Park», das Kurhotel hat eine «okaye Rezeption» und der grosse Kurt ist in seiner Trauer nur noch zu «egalen Küssen» fähig.

Der Roman ist in drei Kapitel gegliedert: Der zweite Teil beginnt mit dem tödlichen Unfall. Die Trauer legt sich wie eine «dichte, undurchlässige Decke aus lähmendem Entsetzen» über Lena und Kurt, nur ganz langsam kehrt eine Art Normalität ein. Zum Schluss hält Kuttner eine Überraschung bereit: Der kleine Kurt ist wieder am Leben und sitzt mit Lena an einem Flussufer. Haben Lena und Kurt ein Kind gekriegt und es Kurt genannt? Handelt es sich um eine Rückblende oder einen Traum Lenas? Der wiederbelebte kleine Kurt, den man schon zu Beginn der Erzählung widerwillig ins Herz geschlossen hat, lässt einen leicht getröstet und zugleich ratlos zurück.

Unrealistisch harmonisch

«Kurt» ist der vierte Roman von Sarah Kuttner, ihr Erstling «Mängelexemplare» stand 2009 auf der deutschen Bestsellerliste. Mit «Kurt» ist ihr eine eindrückliche Erzählung über Trauer in einer modernen Familie gelungen. Allerdings ist die Beziehung von Lena und Kurt von einem störend hohen Mass an Leidenschaft und Harmonie geprägt. Gezofft wird nicht, Missverständnisse und Einsamkeitsgefühle werden nicht immer sofort, aber immer einfühlsam geklärt. Bei so viel Romantik beschleicht einen der Verdacht. dass die Geschichte ohne den tragischen Tod des kleinen Kurts langweilig wäre.

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