Theater
Vom Glarnerland nach New Glarus, Wisconsin

In ihrem ersten eigenständigen Projekt «Heimaterde» erzählen Sabina Reich und Andreas Bürgisser (Reich + Schön) vom Versuch, Heimat einzupacken und mitzunehmen - und die Erinnerung aufrecht zu erhalten.

Flavia Bonanomi
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Andreas Bürgisser und Sabina Reich packen Nebel zum Mitnehmen ein.

Andreas Bürgisser und Sabina Reich packen Nebel zum Mitnehmen ein.

Mario Heller

Sabina Reich füllt Nebel in eine Kiste. Als sie einige Zeit später diese Schachtel wieder aufreisst, quillt das Gas wie eine Flüssigkeit daraus hervor. Und die Schauspielerin verschwindet im Nebel, nur noch ihre Silhouette ist erkennbar.

Es ist eine der Ideen, die sie, ihr Kollege Andreas Bürgisser und die Dramaturgin Kathrin Yvonne Bigler gemeinsam mit Linda Rothenbühler, die für das Bühnenbild und die Kostüme in «Heimaterde» zuständig ist, testen. Viele kleine Details sind noch nicht definitiv, auch das mit dem Nebel. Aber er steht sinnbildlich für eine zentrale Frage in ihrem Stück: Welche Aspekte von Heimat und Identität lassen sich umpflanzen? Was kann man einpacken und mitnehmen – und was nicht?

Blutauffrischung

Inzwischen sitzen auch die letzten Kniffs. Heute Abend findet in der Tuchlaube die Premiere von «Heimaterde» statt. Es ist das erste Projekt, das Reich und Bürgisser, die sonst als Duo «Reich + Schön» unterwegs sind, im Rahmen von «First Steps/AG» verwirklichen. Das Förderprogramm, das von der Tuchlaube mitfinanziert und vom Aargauer Kuratorium sowie durch Migros Kulturprozent und andere Stiftungen unterstützt wird, soll jungen Theaterschaffenden einen geschützten Rahmen zur Verwirklichung eigener Projekte bieten. Von der Stückidee bis zur Premiere werden junge Schauspieler professionell beraten, begleitet und unterstützt. Das Ziel von «First Steps/AG» ist es dabei, junge Leute auf die Bühne zu holen, um für eine «Blutauffrischung» der regionalen Theaterszene zu sorgen. Dafür unterstützt die Tuchlaube pro Saison drei bis vier junge Gruppen aus dem Kanton Aargau; denn nach der Ausbildung ist es gerade für diese oft schwierig, Platz in einer Kulturstätte zu finden. «First Steps/AG» gibt ihnen die Möglichkeit, erste Erfahrungen in einem Theater, also an einem potenziellen zukünftigen Arbeitsort, zu sammeln. «Gerade für junge Companies ist das wichtig», weiss Sabina Reich. «Als Jungschauspieler wirst du schnell irgendwo angestellt, es gibt ja immer wieder Rollen», pflichtet ihr Andreas Bürgisser bei. Aber als Gruppe ist es schwierig, eine Anstellung zu finden. Ausserdem kommt bei «First Steps» gute Betreuung dazu, und die Schauspieler können ohne Druck arbeiten.

«First Steps/AG» wurde den beiden ans Herz gelegt, als sie sich nach Anstellungsmöglichkeiten erkundigten. «Wir konnten während einer zweiwöchigen Residenz Verschiedenes ausprobieren», erzählt Sabina Reich. In der zweiten Phase erhalten die Theaterschaffenden dann professionelle Beratung, das Stück wird weiter ausgearbeitet. Und die letzte Phase widmet sich schliesslich der Aufführung selbst. Die Unterstützung, die die Schauspieler erhalten, ist dabei rein organisatorischer und dramaturgischer Natur, wodurch sich die jungen Theaterschaffenden künstlerisch frei entfalten können.

Ein Projekt wie «First Steps/AG» ebnet jungen Theaterschaffenden offensichtlich den Weg für die Zukunft, doch es braucht noch mehr: «Die Arbeit an ‹Heimaterde› machte sehr viel Spass, weil wir ein super Team sind, das gut zusammenarbeitet», sagt Sabina Reich.

Was ist Heimat?

Eineinhalb Jahre arbeiten Reich und Bürgisser schon an «Heimaterde». «Wir wollten von Anfang an ein Stück machen, das irgendwie etwas mit Grenzen zu tun hat», erinnert sich Bürgisser. Die Frage nach Landesgrenzen und nationaler Identität interessierte sie; nach ersten Proben entschieden sie sich fürs Thema «Flucht». Nach ausgiebiger Recherche über Schweizer Auswanderung stiessen sie auf die Siedlung «New Glarus» in Wisconsin, Amerika. Das Stück stützt sich darauf ab: anstelle eines festen Skripts bedienen sich die beiden der Dokumente von der Übersiedlung von 300 Glarnern aus dem Jahr 1845. Auf der Flucht vor der Kartoffelfäulnis, und auf der Suche nach einer neuen Heimat traten sie eine mehrwöchige Schiffsreise an – wohlwissend, dass sie die Schweiz wohl nie wieder sehen würden.

Traurige Aktualität

Neben der Frage, was die eigene Heimat und die Identität ausmacht, beschäftigen sich die beiden vor allem mit dem Thema: Wie wird aus einem neuen Land eine alte Heimat? Was kann man mitnehmen; und wie bewahren die Nachkommen das Erbe? Mit verschiedenen Video-Projektionen im Hintergrund erzählen die beiden Schauspieler die Geschichte einer Reise: die Schilderungen der Beschwerlichkeiten, der Verluste und der Ängste der Flüchtenden erhalten vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise eine traurige Aktualität; Tod und Krankheit sind ständige Begleiter der Auswanderer. Mehr als 150 Jahre, nachdem eine Gruppe von Schweizern im Ausland ein neues Zuhause fand, werfen Sabina Reich und Andreas Bürgisser die Frage auf, was Heimat eigentlich ist.

«Heimaterde» von und mit Sabina Reich, Andreas Bürgisser. Fr und Sa 26. und 27.2, jeweils 20.15 Uhr, Tuchlaube Aarau

Do und Fr 3. und 4.3, jeweils 20.15 Uhr, ThiK Baden.

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