Den Haag. Zehn Jahre dauerten die Vorbereitungen, nun ist es endlich so weit. Wim Pijbes, Direktor des Amsterdamer Reichsmuseums, spart nicht mit Superlativen: «Diese Ausstellung ist nicht nur die beste des Jahres, sie ist vielleicht die beste, die Sie jemals in Ihrem Leben zu sehen bekommen», schwärmt der sonst so nüchterne Niederländer von der neuen Rembrandt-Ausstellung.

Ausstellung der Superlative

Grosse Worte. Aber wer die Schau über das Spätwerk von Rembrandt, die am Donnerstag von König Willem Alexander höchstpersönlich eröffnet wurde, gesehen hat, kommt nicht umhin, dem Museumsdirektor recht zu geben. Schon alleine deswegen, weil es den Amsterdamern gelungen ist, wirklich lückenlos sämtliche Meisterwerke zusammenzubringen, die Rembrandt in den 18 Jahren vor seinem Tod geschaffen hat – jener Phase in seinem Leben, in der er über sich selbst hinausgewachsen ist, sämtliche Konventionen abgestreift hat und seiner Zeit weit voraus war.

37 Gemälde sind bis zum 17. Mai zu sehen, dazu rund 60 Zeichnungen und Radierungen. «Alles Hauptwerke der Kunstgeschichte», so der verantwortliche Kurator Gregor Weber. «Das hat es noch nie gegeben, das ist atemberaubend.»

Die National Gallery in London, wo die Schau zuvor zu sehen war, musste auf vier Schlüsselwerke verzichten. Amsterdam aber hat sie alle, sogar das Porträt von Jan Six, dem Freund und Mäzen Rembrandts. Herausfordernd sieht er den Betrachter an, der rotorange schimmernde Reitermantel hängt lässig über seiner Schulter. Seit 400 Jahren befindet sich dieses Bild in Familienbesitz in der Villa Six an der Amstel. Ausgeliehen wird es so gut wie nie. Doch für diese Ausstellung hat Jan Six X. – seit 400 Jahren heissen alle erstgeborenen Söhne Jan – eine Ausnahme gemacht.

Schicksalsschläge

Die Schau ist nicht chronologisch eingeteilt, sondern in Themenbereiche wie innere Konflikte, Licht oder Intimität. In diesen Bereich fällt auch das bezaubernde «Familienbildnis» aus Braunschweig. Erstmals seit 70 Jahren ist es wieder auf Reisen gegangen und hängt nun neben der berühmten «Judenbraut». Zusammen sorgen sie für ein Feuerwerk an leuchtenden Rot- und Goldtönen, die Rembrandt mit unglaublich losem Pinselstrich auf der Leinwand festgehalten hat. Kühn, frei – und unglaublich modern: «Rembrandt geht technisch wirklich so weit, wie es kein anderer Künstler in seiner Zeit und auch noch lange, lange danach nicht getan hat», schwärmt Kurator Weber.

Was diese Experimentierlust ausgelöst hat, darüber gibt es nur Vermutungen. Der Wandel setzt bereits 1642 ein, nach der Vollendung der «Nachtwache». Kurz zuvor ist Saskia gestorben, Rembrandts erste Frau. Auf einmal drosselt der gefeierte Künstler seine Produktion, macht eine Phase der Besinnung durch. Um sich zehn Jahre später neu zu erfinden und nochmals aufzublühen. Und das, obwohl es das Schicksal nicht mehr gut mit ihm meint: Er geht bankrott, verliert auch seine zweite grosse Liebe, Hendrickje Stoffels, und ein Jahr vor seinem eigenen Tod auch den Sohn Titus. Schicksalsschläge, die zu Verinnerlichung führen, zu grosser emotionaler Tiefe.

Rembrandt kommt nach Hause

In London war die Ausstellung im Souterrain zu sehen, wo sich die Meisterwerke so wie die Besucher den Platz streitig machten. «Himmlische Emotionen im Keller», schrieben die Kritiker. Das Reichsmuseum hingegen kann mit den grossen, hellen Museumssälen im soeben renovierten Philipsflügel aufwarten – und mit viel Tageslicht. Die Arbeiten kommen viel besser zur Geltung, werden regelrecht zelebriert – in der Stadt, wo sie einst entstanden sind. «Nichts Nachteiliges über die Kollegen in London», betont Museumsdirektor Pijbes. «Aber Rembrandt muss man in Amsterdam sehen.»