Sabine Kuster

Im Büro des Schweizerdeutschen Wörterbuchs in Zürich sind die Schubladen beschriftet mit «schla-schluk» oder «zans-zer». Hier sammeln die Sprachforscher Niklaus Bigler und seine Kollegen die Schweizerdeutschen Wörter. Auch jene aus dem Aargau - obwohl es keinen Aargauer Dialekt gibt.

Doch Ausdrücke wie «Berndeutsch» oder «Zürichdeutsch» seien ohnehin nur ein Behelf, sagt Bigler. In allen grossen Schweizer Kantonen gibt es mehrere Dialektregionen. Im Aargau ist die Lage besonders heterogen (siehe Karte), doch ganz grob lassen sich vier Regionen auseinanderhalten, wie Niklaus Bigler sie 1984 im Jahresbericht des Schweizerdeutschen Wörterbuchs beschrieb. Sie sind deckungsgleich mit den alten Untertanengebieten: Im Südwesten der Berner Aargau, im Süden sind die Einflüsse der Innerschweiz zu hören, im Nordosten jene der Ostschweiz und der Nordwesten lehnt sich an Basel an.

«Imbi» und «Ägerscht» ausgestorben

Diese Einordnung ist heute noch gültig. «Die Mundartgrenzen haben sich wenig verschoben», sagt Niklaus Bigler, «viel mehr sind einzelne Wörter verschwunden.» Dies betreffe vor allem Ausdrücke aus dem bäuerlichen und handwerklichen Leben, die kaum gebraucht würden, wie zum Beispiel «Chunkle», jenes Stück eines Spinnrades, auf dem die ungesponnene Wolle steckt. Auch ein Insekt ist als Mundartwort praktisch ausgestorben: «s Imb(l)i», wie die Biene im Aargau früher hiess. (Ganz im Süden des Aargaus sprach man von «Bejeli».) Und ein Vogel: «d Ägerscht» (Elster).

Die Zeit, in der fast jedes Dorf seine eigene charakteristische Mundart aufwies, ist vorbei. Allenfalls sprechen noch die ältesten Bewohner so, die den Wohnort nie gewechselt haben. Die Mobilität der heutigen Aargauer führt dazu, dass sich die Dialektgrenzen zwar nicht verschieben, sich aber allgemein verwässern. Das stark geschlossene «o» im Freiamt (Joor, Hoor) ist nur noch in der Sprache der Ältesten zu finden. Das «Feischter», das einmal «Fänschter» hiess, wird heute meist wieder so genannt.

Wer zügelt, nimmt seinen Dialekt mit. Ob er ihn mit der Zeit ablegt und den neuen übernimmt ist individuell unterschiedlich. «Einstellungssache», vermutet Niklaus Bigler, es komme darauf an, wie stark man sich mit der neuen Sprache identifiziere.

Deutscher Einfluss auf die Mundart

Hinzu kommt im Aargau, dass sich die hiesigen Dialekte schon immer an den Zentren Zürich, Bern und Basel orientiert hätten, sagt Bigler. Aber sie würden sich noch mehr in diese Richtung entwickeln und ihre Eigenständigkeit verlieren. «Wohin es führt, ist schwierig zu sagen», sagt Niklaus Bigler. Schon um 1900 hatte man den Untergang der Mundart und die Verbreitung der Standardsprache prophezeit. «Dies traf nicht ein», sagt der Sprachforscher.

Dennoch werde der hohe Anteil von deutschen Einwanderern in der Mundart Spuren hinterlassen, ist er überzeugt. Im 18. Jahrhundert etablierten sich im Ancien Regime französische Ausdrücke in der Mundart wie «Trottoir» oder «Lavabeau». Heute zeigt sich der Einfluss des Hochdeutschen: Aargauer reden von «de Träppe» statt «de Stäge», «em Pfärd» statt «em Ross», «zwöi Männer» statt «zwe Manne» und sagen «desswäge» statt «wäge dem».

Sprachliche Enklave in Thalheim

Trotz allem gibt es noch regionale Eigenheiten. So zum Beispiel in der Region um Thalheim. Obwohl man rundherum «Saloot» und «Oobe» sagt, heisst es hier «Salaat» und «Aabe». Susanne Däster, Finanzverwalterin in Thalheim, sagt, es gäbe sogar Unterschiede zwischen Thalheim und den umliegenden Bauernhöfen. Dort sage man «Milch», obwohl es in Thalheim «Möuch» hiesse. Diese Unterschiede seien aber schon fast verschwunden.

Wo die Aare in den Rhein mündet, gibt es ebenfalls eine sprachliche Enklave: In Leibstadt, Leuggern, Böttstein, Döttingen und Klingnau sagt man «Meel» (Mehl) statt «Määl» und «geel» (gelb) statt «gääl».

Nicht mehr nachweisen liess sich eine Eigenheit in Wynen- und Suhrental. Gemäss dem «Sprachatlas der deutschen Schweiz» soll man dort dem Melken «mäwe» sagen. In den angefragten Gemeinden Bottenwil, Schlossrued, Dürrenäsch und Zetzwil kannte man den Ausdruck jedoch nicht, sondern sagt «mäle».

Alte Schweizerdeutsche Wörter verschwinden, dafür kommen aber gelegentlich neue hinzu. Den Begriff «Natel» gibt es nur hier, und auch «Drögeler», die Bezeichnung für Drogenabhängige, ist in Deutschland oder Österreich nicht gebräuchlich.

Quellen: Sprachatlas der Deutschen Schweiz und Schweizerdeutsches Wörterbuch