«Verkleidungen brauche ich nicht»

Franz Hohler

Franz Hohler im Jahr 2005 (Archiv)

Franz Hohler

Der Solokabarettist, Schriftsteller und Autor, der in fast allen literarischen Sparten zu Hause ist, braucht den Bühnenpomp nicht mehr. Er verlässt sich bei seinen Lesungen allein auf Stimme und Fantasie. Im nächsten Jahr gönnt er sich eine künstlerische Auszeit.

Von Barbara Rüfenacht

Im Stadttheater Olten herrscht die erwartungsvolle Stimmung, wie man sie vor wichtigen Ereignissen kennt. Veranstalter laufen emsig hin und her, das Servicepersonal legt letzte Hand ans Buffet, im Saal vor der Bühne werden die bunten Bücherstapel fünf bekannter Schweizer Autoren zurechtgerückt. Bald beginnt der grosse Solothurner Abend, an dem nebst Franz Hohler auch Peter Bichsel, Ulrich Knellwolf, Alex Capus und Franco Supino aus ihren Werken vorlesen werden.

Als plötzlich die Flügeltüren aufschwingen, trägt der hochgewachsene Mann mit Rucksack kalte Luft und ein paar tanzende Herbstblätter ins warme Foyer. Und eine gefestigte Gelassenheit. Franz Hohler geht mit sicherem Schritt Richtung Bühne, schlägt den schweren Samtvorhang zur Seite und bewegt sich im Halbdunkeln auf seine Künstlergarderobe zu. Er kennt sich hier blindlings aus.

Als Bub spielte er an der Seite seines Vaters ein Kind des tapferen Schneiderleins. «Ich stand schon früh auf der Bühne und habe Texte geschrieben, sobald ich lesen konnte», erzählt der virtuose Artist, der auch singen kann und den man im Zug oft mit seinem Cellokasten antraf. Der gebürtige Solothurner, der die Kanti Aarau bis zur Matura besuchte und im Jahr 2002 den Aargauer Kulturpreis erhielt, gehört zu den raren Alleinunterhaltern mit tausend Talenten. So beherrscht er wie kaum ein Zweiter den Spagat zwischen politischer und gesellschaftlicher Satire und reiner Fabulierkunst. Oft geht er auch von feinen Alltagsbeobachtungen aus, die unversehens ins Absurde kippen.

Er hat nichts unversucht gelassen, hat sich an alles herangewagt. Er ging gegen die Kernkraftwerke auf die Strasse und machte vor dem Bundehaus eine Einmanndemo, als das Parlament der Pro Helvetia eine Million streichen wollte. Als Linker verschrien, fand er Beachtung in den Staatsschutzfichen und wurde 1982 vom Zürcher Regierungsrat desavouiert, der ihm einen Literaturpreis verweigerte, für den ihn die Literaturkommission vorgeschlagen hatte.

Der Sohn eines Lehrerehepaars hat sich dadurch nie beirren lassen. «Man darf nichts verloren geben», meint er und erklärt, dass ihn der Verriss seines ersten Bühnenprogramms geprägt hat. «Ich musste rasch lernen, mich nicht von schlechten Kritiken unterkriegen zu lassen.» Einen langen Atem hat der Naturliebhaber, der gerne jasst, noch heute. So bewältigte er im Sommer mit seinem Bergführer eine viertägige Gipfelwanderung in dünner Luft. Das Atmen hat ihm keine Mühe bereitet, nur geschlafen hat er nicht so gut. Dafür ist er, der Inhaber eines «KMU», eines kulturellen mittleren Unternehmens, wie er es schelmisch nennt, am Himmelsrand gewesen.

Seine Ideen holt der fantasiegesegnete Realist, der auch gerne Lehrer oder Lokführer geworden wäre, aus verschiedenen Quellen. Aus dem inneren Fundus und äusseren Beobachtungen, in der Stille, mitten im Lärm. Im überhellen Licht der Garderobe stellt er sich schonungslos der Kamera. Franz Hohler braucht keine Maske mehr. Jahrzehntelang hat er seine Bühnenprogramme mit Requisiten und Verkleidungen untermalt, heute beschränkt er sich aufs Vorlesen. Er will wesentlich sein. Und sich im nächsten Jahr eine kreative Auszeit gönnen. «Ich möchte langsam pensionierter werden, denn wenn man so engagiert lebt wie ich, kommen plötzlich der Freundeskreis oder die Familie zu kurz.»

Seine Ehefrau hat er als Student während des gemeinsamen Studiums an der Uni Zürich kennengelernt. «Ich dachte unter den 700 Frauen, die Germanistik studieren, hat es sicher auch eine für mich.» Heute beurteilt die ausgebildete Psychologin, die als Psychotherapeutin arbeitet, oft als Erste die neuen Texte ihres Mannes.

Auch wenn der Altmeister künftig etwas leiser treten wird, ist er immer noch voller Kraft und manchmal auch Zorn. «Gegen das neue Asylgesetz habe ich 700 Unterschriften von Kulturschaffenden gesammelt.» Energie tankt er im Austausch mit dem Publikum. «Meine Zuhörer geben mir sehr viel zurück.» Auch an diesem grossen Solothurner Abend.

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