Kunst
Vergiss Mao! Das China von heute zielt global

China zwischen Tradition und Globalisierung: ein weites Feld. In Bern steckt es die Kunst eindrucksvoll ab.

Sabine Altorfer
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Romantisch, fast naiv stellt die Künstlerin Chen Ke in «Little Road» von 2009 ein kleines Mädchen in eine idealisierte Landschaft.

Romantisch, fast naiv stellt die Künstlerin Chen Ke in «Little Road» von 2009 ein kleines Mädchen in eine idealisierte Landschaft.

The Artists/Sigg Collection

Ist der Panzer, der sein Rohr auf uns richtet, eine Bedrohung? Oder eine ironische Verballhornung. Denn He Xianggyu liess ihn aus Leder nähen. Aus dem Leder, aus dem normalerweise die teuersten Taschen für den Weltmarkt gefertigt werden, wurde in dreijähriger Riesen-Büez der eingedellte Panzer genäht. Er wirkt wie ein verendetes Tier – oder wird er sich doch wieder aufblasen und schiessen?

Wir sind unsicher. Denn China spuckt im Moment grosse Töne: Es kauft Firmen und erschreckt den Westen mit Grossmacht-Allüren. Die Kunst hält mit einem Flüstern dagegen. Das jedenfalls will man uns in Bern weismachen. Nicht im Bundeshaus, sondern im Kunstmuseum und im Zentrum Paul Klee. Doch halt, schon in die erste Falle getappt! Die Ausstellung «Chinese Whispers» spiegelt hier mit 150 Werken, was chinesische Künstlerinnen und Künstler im Clinch zwischen Tradition und globalisierter Kunstszene heute beschäftigt.

Der Titel «Chinese Whispers» meint das Spiel, das wir als «Telefon» kennen, bei dem einer der Nächsten etwas ins Ohr flüstert und sie weitergibt, was sie zu hören glaubt. Es geht also um Gerüchte und Gehörtes, um Vorurteile und Klischees. Das passt bestens zur chinesischen Kunst der letzten 15 Jahre aus den Sammlungen von Uli Sigg, die hier gezeigt werden.

Neben dem Leder-Panzer empfängt uns im Zentrum Paul Klee (ZPK) die berühmte Installation «Fragments» von Ai Wei Wei aus Balken von geschleiften Tempeln. Wo Neues entsteht, wird Altes zerstört, ist die eine Botschaft. Aber man kann aus den Ruinen tragfähiges Neues kreieren, zeigt das begehbare Gebilde auch.

«Spuren des Wandels» hat Kuratorin Kathleen Bühler im ZPK zusammengetragen. Dazu gehören ironische Erinnerungen an Propaganda-Bilder wie die Krankenschwestern, die sich durch ein Feld pflügen, aber ebenso Bilder aus der heutigen Partyszene oder Kritik an architektonischen Gräueln.

Eine gemeinsame inhaltliche Linie gibt es dabei ebenso wenig wie eine gemeinsame Ästhetik. Wie harmlos wirken die lustvoll inszenierten Hotelzimmer-Ausschweifungen von Chi Lei im Vergleich zur raumgrossen Filmarbeit von Chen Chieh-Jen, in der die Foltermethode der 1000 Schnitte erschreckend eindrücklich nachgespielt wird.

Der Gefolterte erinnert uns in seiner Leidens-Bereitschaft an eine Kreuzigung Christi. Und wenn Tsang Kin-Wah in einer schwindelerregenden Raumprojektion die biblische Apokalypse als Textbänder über die Wände jagt, wissen wir sowieso nicht mehr, schweben oder fallen wir und sind wir im Westen oder in China.

Globale Träume

Die chinesischen Künstlerinnen und Künstler produzieren längst für den globalen Kunstmarkt und mit Kenntnis der westlichen (Kunst-)Geschichte. Das ist eines der Themenfelder im Kunstmuseum. Im Kopieren, sich Einverleiben sind die Chinesen Meister – nicht nur in der Kunst. Liu Ding illustriert das mit fünfzig in einer Kunstfabrik hergestellten kitschigen Kranichbildern und Wang Xingwei lässt Hitler in seinem Gemälde auftreten, wie er sich ein Kitschbild von «Leda mit dem Schwan» vorführen lässt. Auch die globalisierte Welt des Konsums – von auf Seide gedruckter Viagra-Reklame bis zu Brillo-Seifenschachteln – ist omnipräsent.

Schön, hat Kathleen Bühler ein starkes Augenmerk auf jene gerichtet, die sich mit der chinesischen Tradition beschäftigen. Da steht ein überlebensgrosser Philosophenstein als pinkfarbiger Abguss provozierend wie ein Riesenkaugummi im Raum oder eine gefällte Fichte wird liebevoll wieder zusammengeschraubt. Romantisch, fast naiv stellt die Künstlerin Chen Ke ein kleines Mädchen in eine märchenhafte Landschaft. Versinken möchte man in der Schönheit chinesischer Tusche-Malerei, wie sie Jin Jianbo in einer Videoprojektion zum Leben erweckt. Wenn eine Videokamera einen dann selber als Schattenriss in diese ideale Landschaft stellt, fragt man sich allerdings beklommen: Was störe ich die Ruhe?

«Chinese Whispers» versteht sich auch als Fortsetzung früherer Ausstellung mit chinesischer Kunst in Bern. In «Mahjong» von 2005 war die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit prägend, und Mao als Übervater omnipräsent. Und heute? Nur in Fotos von Bürgermeister-Amtszimmern in der Provinz hat Mao da und dort in einem Bilderrahmen überlebt. Heute setzen Sun Yuan & Peng Yu abgehalfterte Machthaber aus aller Welt als lebensgrosse Figuren in selbstfahrende Rollstühle. Das China von heute zielt global. Vergiss Mao!

Ausstellung Chinese Whispers. Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, Bern.
19. Februar bis 19. Juni Film The Chinese Lives of Uli Sigg (Regie: M. Schindhelm), ab heute im Kino.

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