Womit verbinden aargauische Schriftstellerinnen und Schriftsteller heute den Kanton in erster Linie? Mit seinen Flüssen und Auenlandschaften. Natürlich. Schliesslich «gehört Wasser zu uns Aargauerinnen und Aargauern wie die Berge zu den Walliserinnen und Wallisern,» sagt die Schriftstellerin Noëmi Lerch. Andreas Neeser weist auf die kulturelle und regionale Vielfalt des Kantons hin, welche nicht zuletzt deshalb besteht, «weil der Aargau kein dominierendes urbanes Zentrum» aufweist. So sehr sich aber die «typischen, kleinen, ländlichen Gemeinden, die Siedlungen und einsamen Gehöfte» (Urs Faes) auf die literarische Inspiration der Autorenschaft bereichernd auswirken mögen, so sehr kann die nicht selten als kleingeistig empfundene Atmosphäre gewisser Ortschaften auch beengend sein.

Mit Worten jonglieren

Ob der Aargau auch deshalb immer so reich an guten Autorinnen und Autoren war? Hat die Enge sie förmlich dazu getrieben, ihr schreibend zu entfliehen? Andreas Neeser beantwortet die Frage für sich mit einem Nein. «Ich habe nie geschrieben, um gegen etwas anzuschreiben. Ich habe seit jeher einfach gerne mit Worten jongliert. Ich halte das auch gar nicht für möglich, dass man gegen etwas anschreiben kann. Schreiben gründet zwar in der Auseinandersetzung mit der Welt, aber man schreibt nicht, um diese Reibungen loszuwerden, sondern um die Welt und sich selbst zu verstehen. Das ist ein Prozess.»

Seit Christian Haller Anfang der Achtzigerjahre zu publizieren begonnen hat, hat sich die Welt und mit ihr die Buchindustrie komplett verändert: «Als ich zu schreiben begonnen habe, war das Buch noch mit Radio und Zeitung ein Hauptmedium. Als Autor musste man zusehen, wie man überlebte: Es gab weder Fördergelder, noch Stipendien oder so etwas wie Werkbeiträge. Und man musste sich seinen Lehrmeister selber suchen, wollte man einen haben. Heute gibt es das literarische Institut in Biel, an dem man das Schreiben lernen kann. Aber auch wenn es heute Erleichterungen für Autorinnen und Autoren gibt, so ist es doch nicht einfacher geworden. Das ganze literarische Gebäude, vom Schriftsteller angefangen, über den Verlag, den Buchhandel und den Vertrieb bis hin zum Leser unterliegt einem gewaltigen Wandel.»

Schriftsteller im Hamsterrad

Den erhöhten Leistungsdruck der heutigen Zeit nehmen praktisch alle befragten Autoren und Autorinnen wahr. Er setzt schon bei der Frage an, ob und ab wann man sich wohl als Künstlerin oder Künstler bezeichnen darf. Nathalie Schmid äussert sich dazu wie folgt: «Lange Zeit glaubte ich, ich müsse erst einen gewissen Erfolg vorzuweisen haben, bevor ich mich Künstlerin nennen dürfe. Heute bin ich überzeugt, dass Kunst prinzipiell eine Erfahrung ist, bei der es auf die Resonanz mit Menschen, Gegenständen und der Natur ankommt.»

Noëmi Lerch bringt derweil ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, dass man als Autorin bzw. als Autor praktisch nur über seine publizierten Bücher wahrgenommen wird, nicht aber primär über seine Texte.

Und Silvia Trummer verrät, dass sie zwar grundsätzlich versuche ganz bei sich zu bleiben, sich aber dann und wann trotzdem dabei ertappe, wie sie sich mit anderen vergleiche, die mit ihren Bestsellern sämtliche Buchhandlungen fluten würden.

In den kulturellen Mainstream hinein fliessen aber nicht nur viele Bücher, sondern auch Theaterstücke, Konzerte und sogar unser Aargauerdeutsch: «Menschen, die heute noch so genuin reden wie es meine Grossmutter zu tun pflegte, sind selten geworden. Wer aus dem Raum Baden – gerade von den jüngeren Generationen – sagt denn aktuell zum Beispiel noch «sääge» anstelle von «säge»?», fragt Sascha Garzetti. Tröstlich ist, dass viele Aargauische Autorinnen und Autoren die Sprachsinnlichkeit des Dialekts auch in ihrem Schreiben immer mal wieder suchen und sie deshalb – sei es direkt oder indirekt – verwenden. «Mundart ist mir Herzsprache», sagt Silvia Trummer, «Schriftdeutsch schafft etwas mehr Distanz zwischen mir und meinen Worten. Aber ich lehne mich gerne auch mal im Schriftdeutschen mit Redewendungen, Ausdrücken oder direkter Rede an das Schweizerdeutsche an.»

Entgegen der geschwätzigen Flut unseres Zeitalters fällt auf, dass die befragte Autorenschaft auch praktisch ausnahmslos verdichtet arbeitet. Gemeinhin als Meister dieser Kunst gilt Klaus Merz: «Auch bei Prosatexten ist das Verdichten eine wichtige Komponente. Dabei geht es allerdings um eine poetische Verdichtung und nicht um das pure Kürzen. Sätze müssen Leuchtkraft haben. Sie müssen etwas bedeuten und nicht nur dem Zweck des Zeilenfüllens dienen. Das hasse ich.»

Marketing in eigener Sache

Und wie nehmen junge Autorinnen und Autoren ihr Schreibverhalten gegenüber dem von älteren Generationen wahr? Sascha Garzetti: «Wir werden natürlich massiv von der heutigen Medienvielfalt und den unzähligen Plattformen und sozialen Netzwerken Im Internet beeinflusst. Ich kenne zum Beispiel einen Autoren, der praktisch ausschliesslich auf Basis von Whatsapp-Chatverläufen seine Texte schreibt.»

Mehr und mehr müssen sich gerade auch junge Schreibende damit befassen, wie sie sich in der Öffentlichkeit vermarkten oder eben nicht. Die Boulevardpresse hat es nicht auf literarische Texte abgesehen, sondern auf die Menschen, die dahinter stehen. Und wie präsentiert man sich in der Öffentlichkeit? Simon Libsig: «Ich glaube der Schlüssel dazu, die Bestandesprüfung auf der Bühne des Lebens zu absolvieren, liegt darin, nicht cool sein zu wollen. Ich versuche eigentlich immer, einfach mich zu sein. Klar hatte auch ich schon Angst, aber mit der Zeit lernt man, dass einem Fehler in der Regel grosszügig verziehen werden. Ein Fehler in der Aussprache hier oder ein Versprecher dort ist ja auch viel menschlicher, als wenn einer auf der Bühne die perfekte Show abliefert und aalglatt daherkommt. Wichtig ist, dass man die Verbindung zwischen dem Publikum und sich selbst spürt, denke ich.»

Warum finden in der öffentlichen Wahrnehmung der Aargauer Literaturszene regelmässig mehr Autoren denn Autorinnen ihren Platz? Ruth Schweikert: «Da geht es weder um Kantons- noch um nationale Grenzen. Viele Frauen haben noch immer eine gewisse Scheu davor, sich etwas anderes für ihre Zukunft vorzustellen als ein Familienleben und eine 40-bis-60-Prozent-Stelle. Und das sage ich so, weil Teilzeitstellen ja oft mit Beschränkungen verbunden sind. Darüber hinaus sind wir noch immer geprägt von unzähligen Mustern, die sowohl Frauen als auch Männern über die letzten Jahrhunderte von der Gesellschaft aufgedrängt wurden.»

Und genau hier kommt die Literatur wieder ins Spiel. Denn ihre Essenz – ohne den ganzen Betrieb um sie herum – ist «für das Individuum zuständig. Für das, was im Kleinen, im Einzelnen, in der Familie geschieht», sagt Urs Faes. Und all diesen Individuen hilft die Literatur schliesslich, sich mit den besagten Prägungen zurechtzufinden oder sich gar von diesen zu lösen.