Gemüse zu rüsten, scheint eine Lieblingsbeschäftigung dieses Künstlerduos. Doch statt in der Pfanne landen die Produkte der portugiesischen Künstler João Maria Gusmão & Pedro Paiva in den Kunstmuseen und Galerien dieser Welt. Gefilmt, gezeichnet oder als Skulptur. Aktuell ist eine grosse Schau der beiden erfolgreichen Jungstars im Aargauer Kunsthaus zu erleben. Das haben sie in ein filmisches Multiplexhaus mit angegliedertem Preziosen-Showroom verwandelt. Man wandelt also einmal durch zappendustere Säle voller raffiniert bewegter Bilder, um sich danach an der kindlich einfachen Darstellbarkeit der pflanzlichen und tierischen Welt zu ergötzen.

Aber zurück zum Gemüse: Im brasilianischen Urwald haben die beiden Künstler Gemüse und Früchte auf einem grossen Tisch ausgelegt. Doch offensichtlich waren sie hungrig und haben sich da und dort ein paar Scheiben und Ecken abgeschnitten. Doch nicht ohne formales Kalkül: So werden Ananas, Kohlkopf oder Melone zu Tetraedern, zu geometrischen Widersprüchen der natürlichen Form. Dass diese Körper dann zu fliegen beginnen, verdanken sie der analogen Filmtechnik des Duos. Das filmt, schnipselt, filmt ... Mit solch zusammenmontierten Einzelbildern bieten sie uns auch einen optischen Spaziergang ins Innere von Zitronen, Chicorées oder Radiesli.

Analoge Raffinesse

Die beiden lieben auch Slow Motion und Speed-Aufnahmen, sodass Schläfer in einem japanischen Zug traumwandlerisch vor den Landschaften vorüberziehen oder ein Fisch sich wie eine Preziose auf einem Teller dreht. Doch auch in normalem Tempo werden wir irritiert: Ein ausgestopfter Affe wirkt lebendiger als eine fast versteinerte Schildkröte. Doch was ist schon tot, was lebendig? Wenn uns eine goldene Buddha-Statue mit durchdringend blauen Augen anblinzelt, so hat das bei Gusmão & Paiva nichts mit digitalen Tricks zu tun, sondern mit gefilmter Handarbeit. Die Augen wurden dem Buddha aufmodelliert, die Sequenzen einzeln gefilmt und montiert. Wie im guten alten Trickfilm halt.

Konsequent werden die Filme auch analog präsentiert. So rattern charmant-nostalgische 16-mm-Projektoren gleich gruppenweise. Der Effekt der neben- und übereinander platzierten Projektionen erinnere an die Hängung von Gemälden, kommentiert Kunsthaus-Direktorin Madeleine Schuppli, die zusammen mit dem Künstlerduo die Ausstellung konzipiert hat.

Dreidimensionale Kindereien

So komplex wie die über 40 Filme anmuten, so einfach wirken dagegen die Skulpturen von Gusmão & Paiva. Aus Wachsplatten schneiden oder konstruieren die Künstler einfachste Formen, die in Bronze gegossen seltsam veredelt wirken. Ein Paar Kistchen- oder Röhrenformen werden zu einem narzisstischen Entchen, einem falschen Pferd und selbst der Vorgang, wie ein Koch schwungvoll ein Spiegelei mit der Bratpfanne (zum Wenden?) in die Luft wirft, gefriert zur Skulptur.

Die Künstler befeuern die surreale Leseart ihrer mit krud-witzigen Rätselzeichnungen, die sie von Flipcharts abfotografiert haben, oder mit Polaroid-Aufnahmen von skurril verfremdeten Gemüsen. So gibts den «Smoking Potatoe» als Foto, aber auch farbige Plastik-Skulpturen, die sowohl Gesicht wie Lauchbündel oder Kohlkopf sind.

Was wie Kindereien oder ins dreidimensionale verlagerte Comics anmutet, hat durchaus stabilen gedanklichen Boden. Das Künstlerduo serviert uns einen gewaltigen Eintopf aus Gemüse, Psychoanalyse, Humor, Wahrnehmungs- und Augentäuschereien. In unserem Hirn köchelts – und so verlässt man das Kunsthaus leicht überfordert, aber gut unterhalten. Sind Gusmão & Paiva doch alles andere als künstlerische Veganer.

João Maria Gusmão & Pedro Paiva The Sleeping Eskimo. Aargauer Kunsthaus bis 7. August. Gleichzeitig zu sehen: Martha Riniker-Radich. Manorpreis und Carvan. Pauline Beaudemont.