"Wo das Gras so grün, der Nebel so dicht und körperlich, die Ereignislosigkeit derart gross ist, da bleibt nichts anderes als die Flucht in Geschichten."  (Aus einem Interview mit Charles Linsmayer)

Ich treffe Herrn Faes am 1. Advent im Café Altstadt in Zürich. Das kleine Café ist zum Bersten voll. Durch mein Gemüt tanzt noch die Melodie von Mozarts "kleiner Nachtmusik", das Musikanten am Christkindlimarkt am Hauptbahnhof gespielt haben. Aber es ist Mittag. Mittag in einem kleinen Café. Ein schönes Ambiente für ein grosses Gespräch.

Herr Faes, starten unser Gespräch aus der Vogelperspektive und beginnen mit Gedanken zur Literatur in ihrer komplexen Gesamtheit...

Urs Faes: Die Literatur ist für das Individuum zuständig, für das, was im Kleinen, im Einzelnen, in der Familie geschieht. Wir alle sind konstant gefährdete Menschen und labile Wesen. Ausgangspunkt für die Literatur ist somit vorwiegend die Condition Humaine und mit ihr alles, was uns Menschen gefährdet und uns deshalb auch ausmacht. Es geht in der Literatur um Einzelmomente, um Gefühle. Und die Sprache ist ein grosser Teil davon.

Stichwort Sprache. In der Regel verfassen Sie Ihre Werke auf Schriftdeutsch. Für Ihr Schauspiel "Zugluft", das 1982 in Zusammenarbeit mit Klaus Merz entstand, oder auch für Ihr Hörbuch "Bsuechsziit" (1989) haben Sie aber auch schon Dialekt verwendet. Aufgrund welcher Kriterien entscheiden Sie sich in solchen Fällen für die Mundart?

Grundsätzlich ist es so, dass ich tatsächlich auf Schriftdeutsch denke und auch träume, weshalb ich auch meist auch auf Schriftdeutsch schreibe. Texte auf Mundart erfordern immer eine gewisse "Zurückübersetzung" von mir. Aber es gibt natürlich diverse Schweizerische Alltagsszenen, die sich gerade durch den Dialekt der daran Teilnehmenden auszeichnen und nur mit diesem in ihrer ganzen Sinnlichkeit wiedergegeben werden können. Denn die Mundart besitzt eine gewaltige Sprachsinnlichkeit, also eine enorm ausdrucksstarke und besonders klangvolle Melodie, und evoziert dadurch auch ganz eigene Sprachbilder. In meinem Buch "Liebesarchiv" gibt es beispielsweise eine Stelle, in der eine Mutter über ein Flittchen sagt: "Das esch es Tüpfi, es Beeri, es Tuech “. Und diese Aussage habe ich bewusst genauso auf Schweizerdeutsch wiedergegeben, weil in diesen Worten ein Klang mitschwingt, den man nicht übersetzen kann. Übrigens denke ich, dass der Dialekt die Schweizerische Literatur massgeblich prägt. Selbst wenn wir auf Schriftdeutsch schreiben. Die Sinnlichkeit unserer Mundart zeichnet sich in unseren Texten immer irgendwie ab…

Gemäss diversen Umfragen ist der Berner Dialekt der beliebteste. Danach kommen das Bündner- und das Walliserdeutsch. Am unbeliebtesten sind die Dialekte der Ostschweiz. Der Aargauer Dialekt liegt irgendwo dazwischen… Was halten Sie von unserem Dialekt?

Der Aargau ist bekanntlich ein zusammengesetzter Kanton, weshalb sich in ihm auch eine Vielfalt an verschiedenartig gefärbten Dialekten tummelt. Ich mag mich erinnern, wie ich und meine Mitstudenten damals im Lehrerseminar in der Klosterschule Wettingen meist sofort erkennen konnten, wer zum Beispiel aus dem Fricktal stammte, wer von Neuenhof, aus der Gegend rund um Zofingen oder aus der Region Baden. Ich selber bin ja im Suhrental, in Schöftland, aufgewachsen. Statt "Melch" wie die Zürcherinnen und Zürcher habe ich gelernt "Meuch" zu sagen und somit die dem angrenzenden Berndeutsch eigene Vokalisierung zu verwenden… Ich denke die Qualität des Aargauischen liegt somit in der bereits erwähnten Vielfalt der Dialekte auf diesem relativ engen Raum. Und in der Vielfalt überhaupt – auch in literarischer Hinsicht.

Wo halten Sie sich gerne auf, wenn Sie im Aargau sind bzw. wo gefällt es Ihnen ganz besonders?

Ich bewege mich gerne in der Aargauischen Natur und gehe deshalb oft wandern. Zum Beispiel im Seetal dem Hallwilersee entlang in Richtung Luzern oder ab Bremgarten das Reusstal hinauf. Oder aber auch von Brugg den Flüssen entlang Richtung Aarau, und hier besonders die Gegend um Veltheim, die ich sehr mag. Auf meinen Wanderungen geniesse und bewundere ich vor allem die Flüsse, die entlegenen Landschaften oder auch all die für den Aargau typischen, kleinen, ländlichen Gemeinden, die Siedlungen und einsamen Gehöfte. Aber auch die kleinstädtischen Szenen, die die Anonymität der Grossstadt noch nicht kennen, finde ich am Aargau sehr reizvoll. Ich finde der Aargau hat etwas ganz Eigenes, ja Eigenständiges und auch klar Konturiertes an sich. Etwas Existenzielles gerade für die Literatur.

In einem Artikel von Charles Linsmayer über ein Interview mit Ihnen bin ich auf das folgende, von Ihnen stammende Zitat gestossen: "Wo das Gras so grün, der Nebel so dicht und körperlich, die Ereignislosigkeit derart gross ist, da bleibt nichts anderes als die Flucht in Geschichten." Würden Sie den Aargau so beschreiben?

Ja, durchaus. Allerdings möchte ich das Zitat vielleicht noch etwas erläutern… Gerade in Schöftland legt sich über die Wintermonate meist ein Wochen- oder gar monatelanger Nebel nieder. Es ist ein sehr dichter und tief hängender Nebel, der Hand in Hand mit einem Nieselregen daher kommt... Mit Ereignislosigkeit meine ich also etwa nicht, dass nichts passiert, sondern vielmehr diese ruhige und statische Nebellandschaft, die alles schluckt und gleichzeitig so viel anregt: Nämlich Geschichten.

Was für Geschichten?

Am besten erzähle ich Ihnen hierzu eine kleine Anekdote: Meine Mutter führte lange den kleinen Quartierladen unweit der Balli-Schuhfabrik am Rande der Gemeinde. Und es war sämtlichen Frauen des Dorfes bekannt, dass der Bäcker ihr täglich um 9.30 Uhr das Brot liefern kam. Nichtsdestotrotz standen viele von ihnen jeweils bereits um 8.10 Uhr im Laden, denn sie wollten die zeitliche Nische nutzen, um sich gegenseitig ihre Geschichten zu erzählen. Und ich spreche jetzt nicht etwa von literarischen Geschichten, sondern von ganz und gar existenziellen Geschichten. Von Familientragödien und –komödien. Geschichten, die die Menschen aus ihren täglichen Erlebnissen spinnen, um sich von deren Bedrängnis zu lösen und zu distanzieren.

Wie bzw. inwiefern hat sich der Aargau seit Ihrer Kindheit, die Sie soeben erwähnt haben, denn verändert?

Mich dünkt, dass die einzelnen Kantone der Schweiz – und mit ihnen der Aargau - aber auch die Gesellschaften in Europa allgemein durch die letzten Jahre hindurch einander immer ähnlicher geworden sind. Bzw. dass nach wie vor ein Trend zu einer gewissen Universalisierung besteht. Aber gerade dadurch besinnen wir uns auch immer auf das Eigenständige und Unverwechselbare unserer Heimat zurück. Und das ist die schöne Seite dieser Trendmedaille.

Sie haben sich viel mit der Rolle der Schweiz im zweiten Weltkrieg befasst und auch schon mehrfach darüber geschrieben. Welche spezielle Rolle hat in diesem Zusammenhang der Aargau – gerade als Grenzkanton zu Deutschland - gespielt?

Ich glaube, dass eben gerade dadurch, dass der Aargau direkt an Deutschland grenzt, der Abgrenzungsmechanismus umso stärker zur Geltung kam und damit auch die Besinnung auf die eigenen Traditionen und Werte. Und ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass die so entstandene Ideologie zeitweise genauso eindimensional wurde wie jene, gegen die man sich ja eigentlich absetzen wollte. Gleichzeitig kann ich diese Entwicklungen natürlich auch verstehen. Die Menschen hatten Angst und die Angst hat sie bestimmt. Ich wünschte mir nur, dass der Aargau und die Schweiz im Allgemeinen sich gerade nach Kriegsende grosszügiger gezeigt hätten und bereit gewesen wären, sich schon viel früher der Aufarbeitung zu widmen – und nicht erst in den 90er Jahren.

Der Aargau spricht von sich von einem "Kulturkanton". Gemäss einer Umfrage vom Jahr 2009 sind 86 Prozent, also eine grosse Mehrheit, mit dem kulturellen Angebot im Kanton Aargau sehr oder eher zufrieden…

Ich muss sagen, dass die Kulturförderung, die man im Aargau mit dem Kuratorium in den 70er Jahren etabliert hat, eine vorbildliche Form von Grosszügigkeit war und es noch immer ist. Es ist nur sehr schade, dass aktuell ein Trend zur Kürzung dieser Förderungsgelder besteht… Jedenfalls hat das Kuratorium über die Jahre hinweg unheimlich viele Menschen dazu ermutigt, Kultur zu produzieren und somit einen kulturellen Mehrwert geschaffen, der auch über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus geht. Das finde ich schön.

Sie haben nebst Ihren Romanen auch Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele verfasst. In welchem dieser Genres bewegen Sie sich in Ihrer eigenen Arbeit am liebsten? Und weshalb?

Mein Temperament ist schon ein episches. Ich mag den Erzählkosmos und die Gegenwelt, die durch die Arbeit an einem Roman entsteht. Diese Gegenwelt, deren Erstellung und Einrichtung auch etwas sehr Spielerisches hat. Manchmal denke ich in diesem Kontext an die Sandhaufen, die ich als Kind jeweils zu ganzen Welten belebt habe.

Sie verbringen auch viel Zeit in Umbrien. Was finden Sie dort, was Sie hier vermissen?

Zum einen ermöglichen mir meine Aufenthalte in Umbrien jeweils eine gewisse Distanz zu meinem Alltag hier in der Schweiz. Ich erfahre dort keine Ablenkung durch eben diesen Alltag und kann mich ganz auf das Schreiben konzentrieren. Zum anderen schätze ich die Spontaneität der dort lebenden Menschen und das Licht. Denn sosehr mir der Nebel auch gefällt, ich bin nicht vor der Schwermut gefeit, die er manchmal mit sich bringen kann.

Haben Sie eine Art Ritual beim Schreiben? Oder gibt es etwas Bestimmtes, auf das Sie sich speziell achten?

Ich habe lange Zeit immer Pfeife geraucht, wenn ich gearbeitet habe. Das Auswählen der Pfeife und des Tabaks und das Stopfen und Anzünden der Pfeife halfen mir jeweils den Sprung in meine literarische Tätigkeitswelt zu schaffen bzw. diesen zu erleichtern. Aus gesundheitlichen Gründen musste ich dieses Ritual zwischenzeitlich jedoch aufgeben. Dafür mache ich mir nach wie vor eine Art Spiel daraus, meine Urmanuskripte von Hand zu schreiben. Das Überkleben von durchgestrichenen Passagen oder Worten oder auch das Ordnen der losen Blätter verschaffen mir immer wieder die nötigen "Pausen" während der Arbeit, die mir helfen auf neue Ideen zu kommen oder andere Perspektiven zu erlangen...

Herrn Faes und meine beiden Cappuccinos sind ausgetrunken. Unsere Perspektiven in den Tassen geleert. Wir verabschieden uns. Herrn Faes nimmt die Tram - und ich? Ich gehe zurück dorthin, wo der Nebel so dicht und so körperlich ist… Aber davor statte ich dem Christkindlimarkt nochmals einen ersten Adventsbesuch ab.