Opernhaus Zürich

Und das soll Weltklasse sein?

Ein Windermärchen? Zürichs «Bohème» spielt mit Klischees - und verwirrt.

Ein Windermärchen? Zürichs «Bohème» spielt mit Klischees - und verwirrt.

Giacomo Puccinis viel gespielter Klassiker «La Bohème» misslingt am Opernhaus Zürich – musikalisch und vor allem szenisch.

War das eine gute «Bohème», die da am Opernhaus Zürich wenn auch nicht jubelnd, so doch mehr oder weniger kritiklos aufgenommen wurde? Oder anders gefragt: War es eine erstklassige Aufführung, so, wie man es an einem Haus erwarten will, das fast 81 Subventionsmillionen erhält und mit Kartenpreisen zwischen 38 und 270 Franken sein Zubrot verdient? Ging man da stolz raus auf den Weltstadtplatz und dachte: «Warum nach Mailand fahren, wo wir doch eine genauso gute «Bohème» in Zürich haben?»

Die Zürcher «Bohème» ist zweitklassig. Wohl durchaus aus Berechnung: Warum sollen wir für Sänger und Dirigent Spitzengagen wie einst bei Pereira ausgeben, wenn das Haus in den nächsten Vorstellungen sowieso voll wird?

Vielleicht eben gerade, weil in Zürich einst Stars wie Neil Shicoff, Francisco Araiza, Vincenzo La Scola, Mirella Freni, Daniela Dessi oder Angela Gheorghiu diese Oper sangen, weil Franz Welser-Möst oder Rafael Frühbeck de Burgos dieses Giacomo-Puccini-Rührstück grossartig dirigierten. Es ist Kleinkrämerdenken, wenn man hoffnungsvolle Talente engagiert in der Meinung, «Bohème»-Vorstellungen füllten sich in dunklen Novembertagen sowieso. Vielleicht in Chemnitz, aber sicher nicht im opernverwöhnten Zürich. Es gibt noch für alle Vorstellungen Karten ab Platzgruppe 4 (95 Franken). Und die Aussicht auf günstige Volksvorstellung am 8. 12. (Vorverkaufsstart am 7.11.)

Einmal mehr: Traummetapher

Es gibt Opern, die man neu erfinden kann: Vivaldis «La verità in cimento» etwa, in Zürich im Mai gespielt. Aber Giacomo Puccinis 1896 uraufgeführte «La Bohème» ist zu genial dafür – und auch viel zu einfach: Mimi verliebt sich in Rodolfo, sie erleben zusammen mit den Künstlerfreunden einen netten Abend, es folgt die Liebeskrise, darauf das Sichwiederfinden – und dann ist Mimi tot. Die Opernwelt weint.

Warum einfach, wenn ich auch kompliziert scheitern kann, hat sich Regisseur Ole Anders Tandberg vielleicht gedacht. Die vier Künstler leben in seiner Inszenierung laut Programmheft in einem norwegischen Volkshaus, wo sie ein Theater aufführen wollen (wir sind dankbar für den Hinweis, gemerkt hätten wir es nämlich nicht). Dann fällt Rodolfo in einen Traum, was Tandberg ermöglicht, das zweite und dritte Bild sehr unsorgfältig zu zeichnen: Hier wie da herrscht Tumult, mit sehr aufwendigem Klamauk wird die logische Szenenabfolge verdeckt. Wir schauen nicht auf ein Café, sondern sehen absurdes Kasperle-Theater. Das ist so schlecht gemacht, dass ein «Bohème»-Neuling das 2. Bild nicht verstehen wird.

In diesem schrillen Ambiente versuchen die Sänger, vom kleinen Leben, grossen Träumen und der warmen Liebe zu erzählen . . . Chapeau.

Vermisst: die Zauberhand

Guanqun Yu ist eine gute Mimi. Süss-lieblich das Timbre, durchaus getragen und stolz die Ausbrüche im 3. Bild. Aber war da auch Charme, volltönende Leichtigkeit? Diese Mimi erkämpft sich den Triumph. Grosse Mimis aber, die erlächeln sich ihn, schweben getragen vom Orchester in den Tod.

Die Philharmonia schwebte nie. Bullig durchpulste Dirigent Giampaolo Bisanti diese «Bohème». Dass Puccini auch eine Oper der Verspieltheit und der Leichtigkeit geschrieben hat, ist ihm egal. Und wenn Puccinis Musik zu fliegen beginnt, etwa beim Liebesduett «O soave fanciulla», genügt es nun mal nicht, bloss Piano zu spielen, dann braucht es eine dirigierende Zauberhand, die 80 Musiker in die Luft heben kann

Der Tenor Michael Fabiano (Rodolfo) singt schöne Töne – einige sind sogar grossartig: Aber auch ein zweitklassiger Fussballer haut halt mal mit einer Bicicletta den Ball ins Lattenkreuz. Fabiano muss fast pausenlos angeben, selbst in Phrasen, die einfach «nur» geradeaus zu singen wären: Diese Stimme hat keinen Halt, ist an einem A-Haus am falschen Ort. Seine Bühnenpräsenz und seine Ausstrahlung sind bescheiden.

Allerdings liegt diese Nicht-Präsenz auch an der Personenführung der Regie: Ole Anders Tandberg interessiert sich nicht für Details, wirbelt dafür wild mit grossszenischen Bewegungen um sich.

Diese «Bohème» soll jetzt Repertoire werden? Wintermärchen erzählen? Wir warten auf den Frühling.

La Bohème: elfmal bis 4. Dezember. Opernhaus Zürich.

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